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Christian Tepe in der Virtuellen Kulturregion

Weibliche Entgrenzungen

Peter Konwitschny inszeniert in Hannover Nonos "Unter der großen Sonne von Liebe beladen"

Der euphorische Beifall aller Publikumsschichten am Premierenabend ist eindeutig: Auf ein solches Zeichen haben die Menschen lange gewartet! In einer Zeit offen zur Schau gestellter Indifferenz der Regierungen gegenüber den Lebenssorgen der Menschen, einer Zeit der Entsolidarisierung, der permanenten Bedrohung des Einzelnen durch den Ausschluss aus dem sozialen Leben, ja der Paralyse des sozialen Ganzen überhaupt vergegenwärtigt die Staatsoper Hannover mit Luigi Nonos 1975 uraufgeführter Szenischer Aktion „Al gran sole carico d’amore“ Schicksale von Frauen, die von der Idee beseelt sind, das Notwendige zu tun: nämlich gemeinsam für das bessere Ganze zu kämpfen, anstatt um einen Platz in den zu kleinen Rettungsboten zu konkurrieren, welche die heute vom Neoliberalismus durchherrschte Gesellschaft in immer geringerer Zahl noch vorhält. Nono will „Nachricht vom desolaten Stand der Gesellschaft“ geben und durch das verpflichtende Beispiel der heroisch gescheiterten Revolutionärinnen seit der Pariser Kommune jenen ethischen Kraftquell in uns selbst reanimieren, der uns im Innersten allen Anpassungstendenzen zum Trotz zutiefst uneinverstanden sein lässt mit dem, was die Verfügenden aus dem Leben der Menschen, aus unserem Leben gemacht haben.

Peter Konwitschny gelingt es offenkundig an diese zuletzt so sprachlos gewordenen, verschütteten Erfahrungsschichten der Menschen zu rühren und damit das gesellschaftliche Meinungsmonopol von der Alternativlosigkeit des Status quo zu brechen. Der ungeteilte Schlussjubel der Zuschauer hat den Charakter einer impliziten politischen Demonstration. Möglich wird diese Entdeckung der Oper durch das Publikum für sich und seine Situation, indem Nonos Werk, den Intentionen des Komponisten gemäß, endlich vom Verdikt des Elitären, hermetisch Verschlossenen, nur für die Adepten serieller Kompositiontechniken Bestimmten befreit wird. Konwitschny setzt in seiner Inszenierung auf konkrete, sinnlich ergreifende, schlichte, aber niemals einfältige Bilder. Die sinnliche Klarheit der szenischen Einrichtung strahlt zurück auf die Musik: Das in der höchst eigenwilligen Führung der Sopranstimmen aufbewahrte Sacrum wird als die Stimme der Menschheit erkennbar.

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