| In den knapp zwei Jahren seit dem Antritt des neuen Teams um Generalintendant Markus Müller hat sich das Oldenburgische Staatstheater zu einem überregional anerkannten Zentrum für progressives zeitgenössisches Musiktheater entwickelt. Zeitgenössisch ist in Oldenburg neben der Präferenz für Stücke des 20. und 21.Jahrhunderts auch die Art und Weise, wie hier die großen Klassiker zur Diskussion gestellt werden. Dass Letzteres keineswegs auf eine plane Aktualisierung oder gar auf modische Trash-Akrobatik hinauslaufen muss, beweist beeindruckend die Neuinszenierung der unsterblichen „Traviata“.

© Foto: Andreas J.Etter Keine Spur vom gewohnten Feststiegen-Glanz ziert das Bühnenbild von Nicole Pleuler: Ein hochragendes, opakes Arena-Halbrund, das durch den Einsatz der Drehbühne beidseitig bespielbar ist, versinnbildlicht die das Öffentliche und Private gleichermaßen umgreifende Mitleidlosigkeit einer inhumanen Gesellschaft. Das ist sehr plausibel, auch wenn sich bisweilen Assoziationen an die Stierkampfarena aus dem Finale von „Carmen“ nicht ganz abdrängen lassen. Im 2.Bild befindet sich in dieser Schicksalswand ein verschlagähnlicher Durchlass, zu dem eine giftgrüne Rasenrampe hinaufführt. Ebendort steht Violetta, wenn sie ihr emphatisches „Amami, Alfredo“ singt. Der fast schmerzliche Widerspruch zwischen Hören und Sehen scheint wohlkalkuliert: Die Utopie von der ländlichen Idylle bleibt in Elisabeth Stöpplers Inszenierung nur eine Illusion, ein biederer Kleinbürgertraum. Dies ist mitnichten ein Ort der Freiheit und des Glücks; und wohl auch deshalb ist es dem alten Germont so überraschend leicht möglich, Violettas Widerstand zu brechen.
weiter bitte
zurück zur Übersicht bitte | |