| Dieses Buch gehört zum Schönsten, was man sich als Buch – als dauerhaften Begleiter durch’s Leben – vorstellen kann. Ein Buch über 50 Inseln, „auf denen ich nie war und niemals sein werde“ – ein Buch, das rundum herausragend gearbeitet ist. Die Autorin, Judith Schalansky, führt uns zu 50 Inseln, scheinbar verlorenen Orten der angeblich globalisierten Gesellschaft, und sie erzählt absurde, tiefgründige Geschichten von seltsamen Menschen und von Tieren, die wir ins Reich der Phantasie schieben würden. Sie erzählt von Abenteuern der heutigen Zeit und verweist uns zurück auf uns selbst: mit Reisen zur Bäreninsel im Arktischen Ozean, zur Weihnachtsinsel im Indischen, zur Osterinsel im Pazifischen Ozean, oder zur Deception-Insel im Antarktischen Ozean.

Das Paradies ist eine Insel. Die Hölle auch“ stellt sie ihrem einführenden Essay voran – eine persönliche Einführung in die Sehnsucht nach Ferne, nach Fremde, und nach sich selbst. Am Anfang der Atlas als Reiseersatz, als Mittel der Projektion von Sehnsüchten, von Fernweh. Fingerreisen, Eroberung ferner Welten im Wohnzimmer der Eltern; der reisende Finger als erotische Geste auf dem reliefierten Globus, das Greifbarwerden von Höhen und Tiefen, das Auslaufen der Ränder ohne Oben und Unten. Und dann, eben dort die Inseln: kleine Kontinente, und die Kontinente nichts als große Inseln; Judith Schalansky führt tief hinein, mit ihren Ausführungen, in die eigene Kindheit, in das eigene, erste Entdecken von Welt, weltvergessen am elterlichen Wohnzimmertisch und, fortgesetzt, ganz in sich gekehrt an der Schulbank, auf Reisen in den Weiten der Meere weltweit.
Die Faszination „Insel“, die Frage, was abgelegen ist und was nicht, was vielleicht doch, für Momente, das Zentrum der Welt sein kann. Abgeschiedene Orte generieren seltsame Typen von Menschen, die eines suchen: „Nichts, nichts; und das ist gerade das Schöne“.
Die Autorin findet Faszinierendes in den Geschichten der Inseln, in deren Vergangenheit, in Flora, in der Tierwelt, bei den Bewohnern. Und sie hat die erzählerische Kraft, uns an ihrer Faszination teilhaben zu lassen, Realität und Fiktion fallen zusammen, Absurdität und Wirklichkeit werden eins und nehmen uns in den Sog, selbst Insel zu werden.
Allein das Buch: ein bibliophiles Wunderwerk, von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet als schönstes Buch des Jahres; der Betrachter verliert sich im Durchblättern, ist geradezu herausgefordert, den Buchrücken, die Seiten, liebevoll zu streicheln wie die Geliebte. Beginnt mit der Insel „Einsamkeit“ im Arktischen Ozean (zu Russland gehörend) und endet mit der Peter-I.-Insel in der Antarktis, die Inseln als Draufsicht gezeichnet, immer Geschichten dazu und Geschichte. Ein unerschöpfliches Buch, wunderschön. Es zwingt geradezu, immer wieder vorsichtig in die Hand genommen zu werden.
Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln. Geb., 144 S., mare Verlag, Hamburg 2009, 34 Euro.
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