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Wolf Peter Schnetz Das Meer
Manchmal, im Schlaf, denkst du, es ist nur der Wind.
Aber es atmet das Meer, rastlos im Wellenschlag.
Es atmet in mir. Ich schlafe und sehe es blind.
Jede Nacht. Jeden Tag. Wenn das langsame Sterben beginnt.
Manchmal sind wir uns nah. Wenn wir unberührt sind.
Du im Licht. Ich im Schatten. Fern atmet der Wind
wie das Meer. Als es im Schattenlicht lag.
Es war noch nicht Tag. Es war nicht mehr Nacht. „Sag,
was du siehst, wenn der Tag zu nahen beginnt?“
„Ich sehe ein Segel wachsen im schwellenden Wind.“
„Das Segel ist schwarz. Ein stürzender Flügelschlag.“
Es war noch nicht Tag. Es war nicht mehr Nacht. Beklag
ich das Grauen, lehrst du mich schauen: „Frag
nicht, du weißt, dass wir lang schon gegangen sind.“
Der Autor Wolf Peter Schnetz,
geboren 1939 in Regensburg, Studium der Germanistik, Anglistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in Erlangen, Mainz und München, Promotion über Oskar Loerke; lange Jahre Kulturdezernent in Regensburg und Erlangen, seit 1962 über 40 Buchpublikationen, seit 1991 als freier Schriftsteller in Regensburg, mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Pro Cultura Hungarica in Budapest 1986, dem Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik der Stadt Cuxhaven 1988 sowie mit dem Friedrich-Baur-Preis der Akademie der Schönen Künste, München, 2000. Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller VS und Ehrenvorsitzender dessen Landesverband Bayern, im deutschen PEN-Zentrum und in der Europäischen Autorenvereinigung Die KOGGE. Lebt und arbeitet in Regensburg.“.
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Begründung:
Es ist ein kurzer Satz, bestehend nur aus drei Worten, der mir nicht aus dem Kopf geht: „Ein stürzender Flügelschlag.“ – Und es ist ein langes Nachdenken, was das ist, ein stürzender Flügelschlag? - ich versuche, ihn, diesen Sturz mit Flügelschlagen mit den Sinnen zu erschließen – mir vorzustellen, wie das aussehen mag, dieser Flügelschlag, der sich niederstürzt, wie das sich anhört, welche Geräusche mir ins Ohr drängen, wenn aufschlagende Flügel sich herabstürzen, wie, ja, wie das vielleicht riechen mag, wenn das nahe am Gesicht vorbei geschieht, so nahe, dass ich den Luftzug spüre.
Es ist ein verstörendes und zugleich sehr poetisches Gedicht, „Das Meer“ von Wolf Peter Schnetz, es hat seine ganz ihm eigene Melodie, dieses von weit her Holen des Windes, des Meeresatmens, das Hereinholen der Rastlosigkeit des Wellenschlags; - und es ist, hohe Kunst, ein Gedicht, das mich in einem Augenblick auf mich selbst zurückwirft: „Es atmet in mir. Ich schlafe und sehe es blind.“ Welch ein Herzklopfen macht sich breit, beim zunehmenden Verstehen, das der Dichter sensibel unterstützt – wie beim folgenden: „Manchmal sind wir uns nah. Wenn wir unberührt sind“; - nahe sein, und nur dann, wenn ein Rest Abstand bleibt.
Es ist ein Gedicht, das verstört, und das doch Hoffnung gibt. – Dieses „lehrst du mich schauen“ mag gelten, immer. Hoffen wir es.
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