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Künstlerinnen und Künstler im Kunstportal Baden-Württemberg: Martin Schmitt

Wir berühren ein Universum - über den Lyriker Martin Schmitt

Die Umkleidekabine

Dieses tagtägliche Tun. Dieses immer Tagtägliche, Alltägliche. Dieses nichtsnutzige Vor-sich-hin-Treiben. Oder noch nicht einmal treiben.
Sie führte ein Leben nach der Armbanduhr. Ein Leben mit Zetteln. Ein Leben ohne Unwägbarkeiten. Wie sehnte sie sich nach Zufall. Oder danach, einfach einem Gedanken nachzuspinnen. Aber sie fühlte doch immer ihre eigene Begrenztheit. Lediglich auf der Autobahn, wenn sie weder Musik noch Radio hörte, da war es ihr manchmal, als würde sie durch den Horizont hindurch auf etwas Größeres schauen, auf etwas wie einen Fluss. Und der ein oder andere Gedanke wurde weitergedacht, und so manches Begehren war für sie sogar körperlich spürbar.
Nichts wünschte sie sich mehr als eine Unterbrechung, und wenn es ein Einbrechen wäre in eine andere Art von Raum. Manchmal hatte sie den unbändigen Drang, sich zu verstecken. So betrat sie diese Umkleidekabine, eine ganz altmodische aus Holzgestänge mit weißen Stoffbahnen dazwischen. Sie ging hinein und bemerkte, dass es dort noch nicht einmal einen Spiegel gab, um sich zu betrachten. Alles war ein bisschen anders. Aber das machte ihr nichts aus, war ihr doch selber ganz so zumute. Es brauchte diesen abseitigen Ort. Wie hatte sie innerlich danach verlangt.

Martin Schmitt im SWO | Kunstportal Baden-Württemberg

© Bild: Martin Schmitt

Auf dem Sitzbänkchen in der Kabine lagen ein paar weiße Handschuhe, ganz so, als ob sie jemand vergessen hätte. Sie wurde von dem dringenden Wunsch erfasst, sich diese Handschuhe über die Finger zu streifen, und sich danach erst zu entkleiden.
Langsam und genüsslich zog sie sich ihre Kleider vom Leib, eins nach dem andern, und sie bemerkte, dass sie, als die Socken am Boden lagen, ihre Füße nicht mehr erkennen konnte, und als sie ihre Hose abstreifte, gingen ihr die Beine verloren, und so ging es fort, bis auch ihr Oberkörper nahezu verschwunden war. Es belustigte sie, dass ihr Unterleib mit dem Schlüpfer und ihre Brüste, die von ihrem Büstenhalter bedeckt waren, nun quasi die einzigen Körperteile zu sein schienen, die ihr noch vorhanden waren. Aber als sie sich dieser letzten Kleidungsstücke entledigte, waren auch diese Reste irgendwo hin gegangen. Da strich sie sich übers Gesicht und über die Haare, dann tastete sie nach der Sitzbank, um die weißen Handschuhe zurück zu legen, denn sie konnte ja nichts mehr sehen, da ihr auch die Augen entfernt worden waren. Am Boden befanden sich noch ihre alten Kleider, recht wild verstreut, aber das war nun nicht mehr wichtig. Sie war verschwunden, und das fühlte sich gut an. Und sie wusste, sie würde irgendwo anders wieder in ähnlicher Weise zurück erscheinen, aber dazu bedurfte es noch einiger Türen, die zu durchwandern waren, und sie hatte im Moment keinen blassen Schimmer davon, wo sich diese Türen oder eine ähnliche Umkleidekabine befinden sollten, und so blieb sie vorerst einmal einfach verschwunden.

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