| Ein Roman, der mit dem Satz "Mein Vater ein Kaufmann" beginnt und mit den Worten "Einfachheit, Halt und Bedeutung" schließt, stößt im Jahr 2005 vermutlich auf einen eingeschränkten Interessentenkreis. Das gilt insbesondere dann, wenn er aus der Feder des bedächtigen Adalbert Stifter stammt und mehr als 700 eng beschriebene Seiten umfasst. Der 200. Geburtstag des österreichischen Romanciers (23. Oktober) könnte seinem bedeutendsten Prosawerk nun freilich noch einmal neue Leser bescheren, und für diese wird die Lektüre schließlich doch mehr bedeuten als eine respektvolle Hommage an den Kulturhaushalt früherer Zeiten.

Der Lebenslauf des Geologen Heinrich Drendorf, der nach vielerlei Unterweisungen und Erfahrungen den Hafen potenzieller Glückseligkeit ansteuert, erweist bei näherer Betrachtung nicht nur seine literarische Bedeutsamkeit als der letzte große Bildungsroman in direkter Nachfolge und stilistisch-kompositorischer Weiterentwicklung des "Wilhelm Meister", sondern auch seine Relevanz als Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Bürgertums im 19. Jahrhunderts. Die in der "Blauen Reihe" von Winklers Weltliteratur erschienene Neuausgabe besticht durch editorische Präzision und ihre ansprechende Aufmachung. Darüber hinaus erleichtern ein instruktiver Kommentar, Zeittafel, weiterführende Literaturangaben und das Nachwort von Uwe Japp dem heutigen Leser manche Verständnisschwierigkeiten.
Adalbert Stifter: Der Nachsommer, Artemis & Winkler, 24,90 €
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