| Der ironische Unterton, der dieses vielerorts gespielte Stück aus dem Jahr 1976 fünf „Akte“ lang begleitet, wird schon im Titel angeschlagen. Denn im Hause Stein findet kein Gespräch über den spontan nach Italien abgereisten Dichterfürsten statt. Vielmehr verwickelt seine mutmaßliche Ex-Geliebte Charlotte von Stein den schweigsamen, laut Regieanweisung sogar „ausgestopften“ Gatten und das Publikum in einen hinreißenden Monolog voll skurriler Ideen und sich verschärfender Widersprüche. Je wortreicher sie ihr Verhältnis zu Goethe herunterzuspielen versucht, desto deutlicher wird – zunächst den Zuhörern und dann auch ihr selbst -, dass es hier nicht bei einem erfundenen Roman geblieben ist.

So wie sich der dichtende Gelegenheitspolitiker zum Fixstern des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in Weimar gemacht hat, ist es ihm offenbar auch gelungen, die gelangweilt-tugendsame Ehefrau in seinen Bann zu ziehen und von den Fesseln der gängigen Moralvorstellungen zu befreien. Gegen Ende ihrer Lebensbeichte können die Geständnisse dann gar nicht persönlich genug sein, und so erfährt der – desinteressierte, stumm leidende, jedenfalls immer noch schweigende und möglicherweise tatsächlich ausgestopfte – Herr von Stein, das Goethe ihm vermutlich in restlos allen Lebenslagen überlegen war:
Ich bin sehr wohl fähig zu jenem körperlichen Erleiden, welches die Frauen in Ihren Augen so sehr ziert, weil es Ihnen das Gefühl der Kraft einflößt. Ich weiß, dass ich Sie in Staunen setze, mein Gemahl, aber nichts ist müheloser für mich zu erreichen als das. Es fällt mir oft schwer, es zu unterdrücken, wenn ich reite oder mir im Schlaf das Hemd zwischen die Schenkel gerät. Es fiel mir äußerst leicht, es zu unterdrücken, während Sie unsere sieben Kinder, mittels meiner, in die Welt oder auch geraderen Wegs in den Himmel pflanzten. (S. 55)
Das instruktive Nachwort von Kai Köhler bemüht sich erfolgreich um eine Beschreibung der „sozialistischen Klassik“, mit deren Idee Hacks zeitlebens experimentiert hat, ohne sich vom Untergang der DDR oder der Meinung von Schriftstellerkollegen wie Wolf Biermann, der ihn schon mal als „hochmütigen Arschkriecher“ titulierte, beirren zu lassen. Im Fall des „Gesprächs“, das seinen Platz in Reclams Universal-Bibliothek wohl verdient hat, spricht das literarische Ergebnis kunstfertig für sich.
Peter Hacks: Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe, Reclam, 2,60 €
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