| „Narr, wer noch Gedichte schreibt, es nutzt dem Konto selten was, macht zuviel Arbeit, übrig bleibt oft Mittelmaß, oft nicht mal das.“
Dass Helmut Krausser in erstaunlich kurzer Zeit erstaunlich viele Buchstaben zu Papier bringt, ist a) bekannt und b) nicht weiter schlimm. Doch offenbar kreuzt er jetzt auch die steinigen Wege des nach griffigen Formulierungen fahndenden Kritikers und schreibt, wenn er schon mal dabei ist, gleich seine eigenen Rezensionen. „Oft Mittelmaß, oft nicht mal das“, die Zeile eines Krausser-Gedichtes, das später noch „posthum“ auf „Ruhm“ reimen und neckisch mit „latenten Talenten“ und „Enten“ spielen wird, beschreibt die Quintessenz aus neunundneunzig, zwischen – na klar – 1999 und 2003 entstandenen Texten schließlich einfacher, klarer und präziser als die wortgewaltigste Feuilletonautorität es wohl vermöchte.

Sicher, Krausser beherrscht das formale Handwerkszeug vom Alexandriner über das Sonett bis zur konkreten Poesie und hat immer wieder verblüffende Ideen. Da wirkt eine Haut wie ausgedacht, die Nacht bleibt mit ihrem Fallschirm in einem Baum hängen, und ein Bussard streicht den Himmel glatt. Doch das hilft den Leserinnen und Lesern nicht weiter, wenn Pubertätserlebnisse im Wellenbad mit dem Hinweis auf einen chlorreichen Moment beschlossen oder zum Thema Jack the Ripper Werbesprüche einer Kognakfirma angeboten werden, wenn Nacktputzfrauen das Parkett des lyrischen Ichs schrubben oder sich zwischen Alpen und Karpaten ein metrisch lockerer Hochgebirgsporno entwickelt. Kraussers „Strom“ überschreitet die Peinlichkeitsgrenze, weil sich der Autor einem vermeintlichen Szenepublikum als hipper Verseschmied aufdrängt, ohne ausreichend Witz, Originalität oder doch wenigstens die obligatorische Kaltschnäuzigkeit in die Wagschale zu werfen. Und ohne solche Schlüsselqualifikationen funktioniert das – selbst in kulturell tristen Zeiten wie diesen – nur in Ausnahmefällen.
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