| 15. Januar 1962: Zwei Tage vor Ausstrahlung der letzten Folge der sechsteiligen Krimireihe "Das Halstuch" wagt der Berliner Kabarettist Wolfgang Neuss das Unfassbare. In einer Zeitungsannonce, die eigentlich seinen Kinofilm "Genosse Münchhausen" vorstellen soll, verrät er den Namen des Mörders, der die junge Faye Collins auf dem Gewissen hat und überdies für die zahlreichen Verwicklungen verantwortlich ist, welche die Nation seit zwei Wochen in Atem halten. Für die "Bild-Zeitung" ist Neuss ein "Vaterlandsverräter". Empörte Fernsehzuschauer schicken Beschwerden, wüste Beschimpfungen und sogar Morddrohungen, doch der boshafte Kabarettist besitzt überhaupt kein Insiderwissen. Als sich die Wogen wieder geglättet haben, gibt Neuss zu, den Täter nur richtig geraten zu haben.

Den gigantischen Erfolg, den bereits die Durbridge-Verfilmungen "Der Andere" und "Es ist soweit" (beide 1959) gefeiert hatten, stellte "Das Halstuch" noch in den Schatten. Mit 89 Prozent Sehbeteiligung wurde der Sechsteiler zum Inbegriff des "Straßenfegers". In München meldeten die Premierenfilmtheater einen Besucherrückgang von 30 Prozent, der Programmbeirat des Fernsehens befürchtete, das deutsche Kulturleben sei "zum Erliegen gebracht worden", und "Der Spiegel" brachte das ungewohnte Phänomen postwendend in einer griffigen Definition unter. "Unter eine Krimiserie", so meinte das Nachrichtenmagazin, "versteht man diejenige Art drahtloser Zerstreuung, die Menschen aller Intelligenz- und Bildungsgrade dazu zwingt, an bestimmten Wochentagen fernzusehen."
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