Über die Liebe Zugang zur Literatur Das Buch “Frauenherz” von Michaela Debastiani

Buchtipp von Uli Rothfuss

Es ist ein eigenartiges, ein eigenwilliges Buch, dieses „Frauenherz“ von Michaela Debastiani, vor wenigen Wochen erschienen in der Edition Outbird, einem Imprint im Telescope-Verlag, der – so die Verlagsseite – gerade jungen Talenten ein Forum gibt. Die Autorin fährt in dem Buch eine variantenreiche Breite an Textformen auf, von als Privatnotaten anmutenden Schreibversuchen hin zu Lyrischem, Essayistischem und Dramatischem. Formal ist keine durchgehende Linie erkennbar, wenn, dann inhaltlich-thematisch: das Thema Liebe, und das gebietet erstmal Vorsicht.

Nun gut, ich lasse mich auf dieses Literaturexperiment ein: eine Sammlung unterschiedlichster literarischer Formen und Ansätze, manchmal mutet es an wie ein Suchen nach der gemäßen Form für das Auszudrückende, und, soviel schon jetzt: die Lektüre wird nicht langweilig, das Umkreisen des einen Themas lässt immer wieder, aus allem Suchen heraus, aufhören..

Es geht um das Thema Liebe, uiuiui, denkt da schon der Kritikerverstand, gefährliches Terrain, noch dazu, wenn man die Aussage der Autorin im Klappentext hinzunimmt: „Die einzige Wahrheit, die wir erfahren können, und das mit Sicherheit, ist Liebe.“ – Bei der Formulierung solcher Absolutheiten wittert der sensible Leser automatisch Gefahr, wenn nicht Scheitern, denn das lehrt die Erfahrung des Lebens und Lesens: Absolutheiten gibt es wohl kaum, im Leben nicht, und in der Literatur auch nicht. Sie, die Autorin, und auch der Verlag, der sich auf dieses Experiment einlässt, werden sich daran messen lassen müssen.

Zunächst, und damit möchte ich es an Formalem bewenden lassen: einige lästige, unnötige orthographische und grammatische Fehler hätten durch ein sorgfältiges Lektorat bzw. Korrektorat verhindert werden können; das Übel der heutigen Kleinverlage.

Inhaltlich hingegen erstaunt mancher Text. Eher störend das Vorwort und auch der einleitende Text der Autorin – sie sind überflüssig, sie letztlich stören für mich den Gesamteindruck, der ein literarischer sein soll.

Dann aber die literarischen und halbliterarischen Texte. „Menschenliebe“, der erste inhaltliche Text zum Beispiel, bewegt sich irgendwo hinter der Reflektion, dem recherchierten Essay, ein Text, der freilich nur kurz und oberflächlich anreißt – aber das bedeutet eben auch: den Leser selbst weiterdenken lässt, und das gepaart mit einem sehr persönlichen Zugang, der wiederum sehr gefällt, weil er dem Text eine Note gibt, die nachdenken, das Reflektierte auf sich selbst lässt.

Dem folgend der Text „Antigone“, in der Form eines gereimten Gedichtes, ungewöhnlich genug, aber dann doch nicht durchgehalten, wenn man erstaunt auf den Reim gleich/heißt blickt (ein absichtlicher Bruch?); für das Thema wird eine bewusst antiquierte Sprache gefunden, manchmal hart an der Grenze zum Kitsch – „Sag mir, ist’s der Liebe Kraft, die uns die Götter stunden? …“, hm.

Ich blättere weiter, „Liebe und Freundschaft“, eine etwas umfangreichere Prosaskizze aus einem Romanmanuskript, hier werden Bilder entwickelt, hier wächst eine Geschichte heraus, die in ihren Bann zieht, die Autorin hat offenbar, zumindest in dem hier Versammelten, mehr erzählerische Kraft als lyrische. Die Geschichte animiert zum Weiterlesen – gerade weil die Autorin hier wagt, in den Dialog mit dem Außen zu gehen – mit dem sie Umgebenden, indem sie Eindrücke aufnimmt, erzählerisch verarbeitet und eigenständig wieder äußert. Bravo.

Der Text „Liebe und all das“ umkreist das Thema wieder in einem nachdenkenden Monolog, aneinandergereihte Gedanken, wir bekommen Einblick in das Denken der Autorin, immerhin, wenn auch wenig erzählerisch ausgestaltet. Dann die Tragödie „Ringen am Feuer“, Dialoge in fünf Akten, hier scheint wieder die erzählerische Kraft auf, die ich in den reflektierenden, sehr verharrenden Texten vermisse – diese bleiben an der Oberfläche, verweilen, gefallen sich in Formulierungen, hier nun im Wechsel der Perspektiven eine Entwicklung, in Bildern, in Aktion, das ist die Autorin, die entwickelt werden will.

Der Schlusstext über den Austausch mit dem Lektor wirkt irgendwie, als hätte er zur Fülle des Buches beitragen sollen. Inhaltlich nichts wesentliches, nichts neues, auch nicht formal; der Text wäre als erklärender auf der Verlagswebsite oder in einem Verlagskatalog besser aufgehoben gewesen.

Die Bilder von Dim Sampaio im Buch, einem immerhin international ausstellenden Künstler, wirken stark, eigenartig im Wortsinn, und sind von daher viel mehr als Illustration oder künstlerische Beigabe. Sie sind eigenständige Bestandteile des Buchs und leuchten das Thema Liebe, Zweisamkeit, Gegenübersein, gekonnt und zugleich expressiv aus. Man wünschte sich den direkten Dialog der Autorin mit Bildern des Künstlers – ja, das wäre spannend zu erlesen, nachzuempfinden in künstlerischer wie literarischer Hinsicht.

Fazit: Lesenswert, um einen Einblick in die Gedankenwelt dieser jungen Autorin zu bekommen, sehr erkennbar das Suchen, formal ein Blumenstrauß unterschiedlicher Versuche unterschiedlicher Güte, stark bei manchen bewusst literarisch-erzählerischen Passagen, eher oberflächlich bei den reflektierenden Essayversuchen, und die Lyrik ist ein Suchen der gemäßen, gebundenen Form des Ausdrucks.
Beim Buch selbst hätte die Qualität des Papiers dem Hardcover angepasst werden sollen. So wirkt das doch etwas bemüht.
Michaela Debastiani: Frauenherz. Geb., 114 S., Edition Outbird, Gera 2019. 17,50 €.

Uli Rothfuss