MALZEIT – Gerhard Neumaier

08. Februar (verlängert:) bis 18. Oktober 2020

Der Maler und Bildhauer Gerhard Neumaier serviert in der aktuellen Fruchthallen-Schau Kulinarisches, indem er überformatige Anmutungen von Gerichten so auf Riesenteller bringt, als wären es echte Mahlzeiten. Im Prozess des Malens intuitiv entstanden, zeigen die Bilder folglich „Malzeiten“, in denen fiktive Speisen auf abstrakte Weise imaginiert und in Öl auf dazugehörige Teller-Tondi gebracht werden.

Erhard Neumaier, © Foto: Städtische Galerie Fruchthalle Rastatt

Während Daniel Spoerri mit seiner EAT-Art seit den 1970er Jahren die Dinge rund um das Essen statt als Darstellung unmittelbar in einer Montage selbst präsentiert, eröffnet Gerhard Neumaier mit seiner Kunst eine neue malerische Darstellungsqualität und kredenzt in MALZEIT Kulinarien als quasi essbare Abstraktion.

Über die Rezepte zu den „Tellergerichten“, die als Aushang neben die gezeigten Teller gesetzt sind, kann konkret nachvollzogen werden, wie die präsentierte Malerei schmeckt. Profi-Köche haben aus den imaginierten Gerichten Zutaten und ihre Verarbeitung herausgesehen und zusammengestellt, allen voran die Bocuse-d’Or-Köchin Léa Linster, die Sterne-Köche Stéphan Bernhard und Matthias Steiner, sowie Fehmi Bulut, Antje Leminski, Francesco Pagano, Mario Provenzano und Marco Wittmann.

Alle „Tellergerichte“ mit den Rezepten sind im Ausstellungskatalog abgebildet, der in der Aufmachung nach Art eines Gourmet-Journals gestaltet ist und im Layout von Gerhard Neumaier als Künstlerbuch selbst entworfen wurde. In weiteren Textbeiträgen werden Exponate und die Ausstellungsinszenierung erläutert, die von Peter Hank, Christiane Luz-Simon, Cora von Pape und Rolf Parr stammen. Erschienen ist der Katalog in Lindemanns Bibliothek des Info-Verlages.erlebbare Dingwelten kredenzt.

Die ersten Anfänge zur Idee des Kataloges in Form eines fiktiven Gourmet-Journals liegen in den 1990er Jahren, als Gerhard Neumaier die Titelseite des Feinschmecker-Magazins in einem Überformat malerisch „gecovert“ hat, so wie er überhaupt in dieser Zeit eine ganze Serie von Cover-Versionen malte, zu denen auch andere Fachzeitschriften des medialen Blätterwalds gehören, die er in seiner Adaption und Paraphrasierung als Printmedien kritisch hinterfragt und mitunter regelrecht persifliert. Zu diesen zählen auch die bekannten Zeitschriften der Kunstszene wie „Kunstforum“, „Art“, „Weltkunst“ und „Art in America“. Hier nutzt Gerhard Neumaier durch die Übernahme der Journal-Form die fiktiv gestalteten Titelseiten als Folie zur Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte und Gegenwartskunst und letztlich auch als Träger einer eigenen Image-Kampagne. Von den zehn Arbeiten der Serie werden in der Ausstellung neun gezeigt.

Neben den „Tellergerichten“ und „Cover-Versionen“ zeigt die Ausstellung in einer 111-Teller-Installation ein digitales Epochen-Dekor, das Gerhard Neumaier eigens für die Ausstellung entworfen hat. Darin wird die Ornamentik auf den Tellern zur Information in Form eines integrierten QR-Codes, der vom Besucher der Ausstellung über eine QR-App mit seinem Handy aufgerufen werden kann.

© Foto: Städtische Galerie Fruchthalle Rastatt

Es erscheint dann ein in jeden Teller speziell hinterlegter Sinnspruch zum Thema „Essen“. Die präsentierten 111 Teller bilden die 1. Auflage einer Serie, aus der heraus Teller gekauft werden können, die entsprechend vom Künstler signiert werden. Jedes Teller-Unikat kann auch zum interaktiven Multiple werden, wenn die Besucher in Absprache mit Gerhard Neumaier eigene Sinnsprüche in den QR-Code hinterlegen wollen.

Ferner präsentiert die Ausstellung eine Guckkasten-Installation, in der Gerhard Neumaier die umgekehrt verwendete Linse eines Türspions ins Zentrum einer Zielscheibe setzt, die uns als Mensch und Betrachter zum Ziel hat, lenkt sie doch unseren Blick durch einen Kühlhauskorridor auf eine Schlachthof-Doku. Statt Steh-Imbiss mit Curry-Wurst ein kritischer Seh-Imbiss, der die industrielle Opferung des massengehaltenen Tiers kritisch beleuchtet.
Im Gegensatz dazu wird in zwei weiteren Objektinszenierungen die Magersucht thematisiert, darin das bekannte Gedicht vom „Suppenkaspar“ aus dem „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann installativ in Buchstabensuppenform ebenso verarbeitet wird wie in einer auditiven Sprechblase der O-Ton einer essgestörten Person.

Die Ausstellung wird am Ende abgerundet durch breitformatige Stillleben, in denen reichlich gedeckte Tische, auf denen sich Essen und Geschirr üppig stapeln, regelrecht tanzen und dabei den virtuos geführten Pinselduktus Gerhard Neumaiers auf geradezu kinetische Weise sichtbar machen…

© Foto: Städtische Galerie Fruchthalle Rastatt

Öffentliche Führungen durch die Ausstellung finden jeden 1. und 3. Freitag im Monat (außer an Feiertagen und nicht im August) jeweils um 15.30 Uhr statt.
Sonderführungen können unter 07222 972-8410 nachgefragt werden. Ebenso das spezielle Kunstvermittlungsprogramm für Kinder und Jugendliche.
Jeden Donnerstag von 12.30 bis 12.45 Uhr (außer an Feiertagen und nicht im August) wird den Besuchern in der „Kunstpause“ ein Exponat der Ausstellung besonders vorgestellt.

Begleitprogramm: Künstlergespräch mit Gerhard Neumaier anlässlich des Internationalen Museumstags am Sonntag, 17. Mai 2020, 15 Uhr