Als flöge sie nach haus – über Elke Wree

Aktuelle Ausstellungen und Projekte von Elke Wree

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Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus
Flog durch die stillen Lande
Als flöge sie nach Haus.
(Eichendorff: “Mondnacht”, letzte Strophe)

Elke Wree © Foto: privat

“Landschaftsbilder, wunderbare Landschaftsbilder” denke ich, als ich am Freitag, den 17. Oktober langsamst in den Räumen der Galerie Alfred Knecht herumgehe; Elke Wrees Ausstellung wird eröffnet, wie meistens bin ich etwas früher da, um in Ruhe zu sehen.

Jemand, der hier und heute zum erstenmal mit Kunst in Berührung käme, würde hier wahrscheinlich keine Landschaften entdecken; und doch erscheint mir evident, daß die Atmosphäre, die Farbräume, die Elke Wree hier geschaffen hat, mit Landschaft zumindest etwas zu tun haben. Ich nahm an, in dieser Verbindung etwa Besonderes entdeckt zu haben.

Elke Wree - Künstlerinnenporträt im Kunstportal Baden-Württemberg
Helle Strömung, 1994 | 100 x 120 cm | © Künstlerin, VG Bildkunst Bonn 2020

So wunderte ich mich nicht wirklich, als später dann Dr. Ursula Merkel in ihrer einführenden Rede erklärte:
“Die seither und bis heute realisierten Werke wollen keine konkreten Landschaftseindrücke mehr vergegenwärtigen, sondern eher die Atmosphäre eines Ortes oder einer Landschaft, das innere Erleben und Empfinden von Natur zum Ausdruck bringen. So wird das nicht sichtbare Wirkliche zum sichtbaren Ereignis in der malerischen Erscheinung – ganz im Sinne der eingangs erwähnten Charakterisierung der neueren Werke als “metaphysische Landschaften”.

Wie ist das möglich, daß wir Landschaften “sehen“, besser: assoziieren, die – im Alltagssinne – nicht vorhanden sind? Sehen wir sie überhaupt oder handelt es sich vielmehr um eine Art vorgegebene Idee – zumal, wenn wir wissen, daß frühere Arbeiten von Elke Wree zur Landschaftsmalerei im durchaus gegenständlichen Sinne gezählt werden durften?

Elke Wree - Künstlerinnenporträt im Kunstportal Baden-Württemberg
Wolken – Meer, 2002 | 100 x 100 cm
| © Künstlerin, VG Bildkunst Bonn 2020

Hier scheint mir ein Erklärungsansatz zu liegen: schließlich sind die aktuellen Arbeiten der Künstlerin aus der vorangegangenen, gegenständlicheren Phase heraus entstanden.
Schon in den vorwiegend in 2002 entstandenen “Wolkenbildern“ waren die Wolken Teil einer zweidimensionalen Struktur, die weitgehend ohne Perspektive auskommt, aber dennoch ihren Gegenstand erkennen läßt. Auch jetzt sind es Strukturmuster ohne Perspektiven, ohne jede Fluchtlinie. Die Landschaft bleibt in der Struktur aufgehoben, das Weglassen der Perspektive ist kein Verlust, sondern eine Reduktion im besten Sinne: das Wesentliche wird deutlicher. Die frappierende Räumlichkeit, die so entsteht, ist neu und klar.

Man könnte die Abstraktion, die Elke Wree in jedem dieser Bilder leistet, bezeichnen als das “Wesen einer Landschaft”, eine Reduktion, in der reale Bilder der Landschaften aufgehoben, erhalten sind: die Schönheit der Natur erscheint hier in einer verallgemeinerten Form.

Elke Wree - Künstlerinnenporträt im Kunstportal Baden-Württemberg
Gargano, 1993/94 | 140 x 160 cm | © Künstlerin, VG Bildkunst Bonn 2020

Die Landschaft erklingt gleichsam aus einer Struktur, die ich auch aus der Musik zu kennen glaube: Ravi Shankar und Jan Garbarek haben gemeinsam mehrere Schallplatten eingespielt, deren Musik für mich Bilder wachruft, ganz ähnlich denen, die Elke Wree malt. Die Klangbilder, die Shankar mit seiner Sitar produziert, bezeichnen viele als “flächig“; ich empfinde sie als ein Meer der Farben.

Elke Wree verbindet für mich die Klangfarben ihrer Malerei mit den Farbräumen dieser Musik; es entsteht eine Sprache aus der Seele. Die mimetische Erinnerung an eine verlorene Einheit und Zugehörigkeit oder der Vorschein derselben, die Rückkehr dorthin: Heimat im Sinne Ernst Blochs; Einssein mit der Natur, der Welt: vielleicht erst zu erreichen im Tod. Der Tod wird ja immer wieder als sehr helles Licht dargestellt und wohl auch so erlebt..

Schon mehrfach waren wir in der Reihe unserer Künstlerporträts auf der Spur einer Metaebene (wahrscheinlich der Geist im Sinne Hegels), die nicht nur Ungegenständlichkeit und Gegenständliches verbindet, sondern auch die verschiedenen Künste: Musik, Poesie/Literatur und eben die Bildende Kunst.

Elke Wree - Künstlerinnenporträt im Kunstportal Baden-Württemberg
Neverma, 1993 | 140 x 160 cm | © Künstlerin, VG Bildkunst Bonn 2020

Schon die Romantiker waren überzeugt von der Untrennbarkeit dieser drei Welten, und auch bei dieser Verbindung fühle ich mich bestätigt durch Dr. Ursula Merkel, der ich deshalb die abschließenden Worte überlassen möchte. In der Eröffnungsrede, aus der wir bereits zitiert haben, erkennt Ursula Merkel einen deutlich romantischen Zug in der Arbeit von Elke Wree:

“Die Bilder von Elke Wree erscheinen wie ein Spiegel, in dem die Grenze zwischen Außen- und Innenwelt überschritten wird und der die eigene, ganz persönliche Erfahrung dieser Grenze im anschaulichen Medium reflektiert. Damit ist der zutiefst romantische Zug angedeutet, der ihre Bildwelt auszeichnet – romantisch in dem Sinne, dass hier eine Ent-Grenzung, ein Übergang stattfindet und Vorstellungen von etwas aufscheinen, das jenseits aller rationalen Fassbarkeit liegt. Insofern wenden sich die Werke der Künstlerin vor allem an das innere, meditative Sehen des Betrachters und appellieren an seine Bereitschaft, im Sehen die Grenzen der Außenwelt zu verlassen, um den Dialog auf einer geistig-seelischen Ebene zu führen.”
(Dr. Ursula Merkel, 17. Oktober 2003)

Ursula Merkels brillante Erläuterung würde auch, so denke ich, auf Eichendorffs eingangs zitiertes Gedicht “Mondnacht” genau passen, denn es geht tatsächlich um Seele und es ist

als flöge sie nach haus.

Jürgen Linde, im November 2003