Zeit um zu sehen – über Irene Merkle

E-Mail: E-Mail: Kunst@merkle-irene.de

Ich weiß nicht mehr, wer mich wann aufmerksam gemacht hat auf die Arbeiten von Irene Merkle – es war aber ein gemailter Hinweis – ein Link auf die Website der Künstlerin. Die Website, von der Künstlerin selbst sehr gut und geschmackvoll gestaltet, fasziniert zuerst und vor allem durch ihren Inhalt – richtig gute Kunst.

Zelt II, 2008 | Acryl auf Papier, 40 x 40 cm
© Irene Merkle, VG Bildkunst Bonn 2020

Malerei, fast immer in Öl, dominiert das Werk, in welchem auch Zeichnungen und Radierungen zu finden sind.

Der Klick auf “Bilder” führt zu einer Übersicht ihrer Arbeiten – aufgeteilt nach Motivgruppen und Schaffensphasen in derzeit elf einzelne Galerien. Schon anhand der Übersichtsseite mit ihren fast schon daumennagelkleinen (ich bin ja sonst kein Freund der Thumbnails) Bildern macht klar – hier bin ich goldrichtig.

Einfach und klar – natürlich bedeutet dies: scheinbar einfach und (vermeintlich?) klar – wirken die Motive, die etwa in den ersten beiden Galerien als Kleider oder Röcke erkennbar sind. In der vierten Galerie folgt dann die Reihe “Zelte“, die wir als Reflektion über das Zelt auffassen.

“Röcke I”: festgezurrt, 2006/2007
100 x 130 cm, Öl auf Leinwand

Big (78 K) auf Klick

“Röcke I”: festgezurrt, 2006/2007
100 x 130 cm, Öl auf Leinwand
© Irene Merkle, VG Bildkunst Bonn 2020

Gegenständlich genug, um – in diesem Sinne – erkennbar zu sein.

Ungegenständlich genug, um?

Gut: Ungegenständlich genug, um Raum zu geben, zu denken, zu sehen, zu spüren,
Ungegenständlich genug, um viel genauer hinzusehen, sich Zeit zu nehmen.

Können wir (uns) Zeit nehmen? (Zeit nehmen, aufbewahren, (anderen?) weitergeben? Ich glaube nicht, daß das möglich ist.
Zeit ist ein hochkomplexer Begriff, Gegenstand ganzer Bibliotheken, die auch ich noch nicht alle komplett durchlesen konnte, weshalb wir die – eigentlich längst fällige – zusammenfassende Abhandlung über die “Zeit an sich“ einer späteren Betrachtung anheim stellen und hier wieder mal streng intuitiv weiterarbeiten.

(Ohne Titel), 2006 | 40 x 40 cm, Öl auf Holz
© Irene Merkle, VG Bildkunst Bonn 2020

Zeit? Ist Geld, Zeit ist ein dehnbarer Begriff, knapp sowieso, und los (zeitlos also) ist sie irgendwo auch. “Zeit“ ist aber auch ein gutes Beispiel für einen Begriff, den (dessen Inhalt, Bedeutung) wir nicht sichtbar machen können.

Wir sind einmal mehr bei dem Thema der (Un-)Gegenständlichkeit, welches sehr ergiebig ist und dem wir ja auch zahllose spannende Kunstwerke verdanken.

Irene Merkle nun hat in diesem Spannungsfeld einen ganz eigenen Weg entwickelt: In den eingangs erwähnten ersten Galerien (1+2 “Röcke”; 4: “Zelte”) sind alltägliche Gegenstände titel- und themengebend.

Zelt III, 2008 | 40 x 40 cm, Acryl auf Papier
© Irene Merkle, VG Bildkunst Bonn 2020

In ihren malerischen Reflektionen über die Röcke entwickelt die Künstlerin immer mehr eine “reine” Form, die wir als Abstraktion des Rockes sehen können. Bei den “Zelten” hingegen empfinde ich die Abstraktion eher als die einer Bewegung – entsprechend dem Zelt als Symbol des Reisens, der Behausung, als einem Symbol des Lebens insgesamt als einer Bewegung.

Irene Merkle gelangt also zunächst von konkreten Begriffen/Gegenständen zu deren abstrahierten Formen, um dann aber – schon in der dritten Galerie und in allen späteren ab Nummer 5 durchweg “ohne Titel” auszukommen.
Die zunehmend einfachen Formen brauchen keinen direkten Bezug zu konkreten Gegenständen.

Hier ist schon deutlich die Perspektive angelegt, die von der gegenständlichen Malerei weg und letztlich zur Konkreten Kunst hinführt.

Doch ist dies, so vermute ich, vorerst nicht der Weg der Malerin Irene Merkle.

Die Konkrete Kunst verzichtet ja auf alle Gesten und damit auch auf Sinnlichkeit. Irene Merkle, mitten im Leben stehend, könnte dieses Manko in ihrer Arbeit auf ganz eigenwillige Weise bewältigen.

Ohne Titel), 2008 | 39 x 53 cm, Acryl auf Papier
© Irene Merkle, VG Bildkunst Bonn 2020

Merkles Bilder haben oft einen narrativen Zug; der Begriff “Zelt” etwa weckt ja viele Assoziationen:

Das Zelt als Symbol des Reisens, der Behausung, als Symbol des Lebens insgesamt als einer Bewegung. So kommt hier die Zeit wieder ins Spiel. Die Zeit, die wir nicht “haben” und die wir doch verbringen –

Zeit, um zu sehen.

Jürgen Linde im April 2009