Feuilleton

Nach 24 Jahren kunstportal-bw haben wir uns entschlossen, den redaktionellen Bereich des kunstportals zu erweitern.

Unser Thema ist die Zivilgesellschaft (hierzu unten eine sehr gute Definition), als deren Teil wir uns beim kunstportal-bw verstehen und zu der wir – aus der Perspektive der Kunst – auch beitragen wollen.

Hierzu testen wir ein im Internet durchaus neues redaktionelles Format – wir nennen es Feuilleton:
Und dies sehen wir als originäre Aufgabe unseres kunstportals-bw:
Nicht zufällig ist es die Kunst, sind es Kunstleute, also KünstlerInnen und KuratorInnen, die sich am meisten – und, natürlich, am kreativsten – mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung und deren Folgen für die gesellschaftliche Entwicklung  – befassen..

Zwei Themenschwerpunkte:
1. Technologischen Totalitarismus.: Neben der Globalisierung ist die Digitalisierung ein zweiter “Megatrend“, der unsere Gesellschaft grundlegend verändert. Ein Prozess, der längst nicht mehr aufhaltbar ist, dessen weiterer Verlauf aber durchaus offen erscheint. Wir sehen die Gefahr eines Technologischen Totalitarismus.
Digitalisierung – Existenzvoraussetzung für uns als kunstportal- war deshalb unser erstes und bleibt eines der Hauptthemen dieses Feuilleton. Totalitarismus klingen sehr umfassend, beliebig fast, auch Digitalisierung ist noch immer ein sehr weites Feld: Hier befassen wir uns mit der Gefahr des technologischen Totalitarismus.
Hier ein einführender Exkurs zum Thema, wie wir dieses hier sehen und behandeln.

2. Biogenetik, Transhumanismus – der Anthropozän.
Eine zweite Zäsur unserer Zeit entsteht aus dem Faktum, dass der Mensch nicht allein unsere äußere Umwelt verändert und/oder zerstört (Vernichtung von Tierarten, Klimawandel, etc. sind die Stichworte), sondern nun auch wesentlich aktiv verändern kann: Mit Hilfe der Genetik werden vorhandene Lebensformen verändert oder auch ganz neu geschaffen; auch der Mensch selbst ist potentiell Gegenstand der (technischen) Optimierung.

Zu diesen beiden Hauptthemen veröffentlichen wir hier in loser Folge Beiträge:

  • Supernatural. Visionen des Körperlichen in der Gegenwartskunst
    Beitrag von Dr. Nicole Fritz, Direktorin und Vorstand der Stiftung Kunsthalle Tübingen. Vorwort zu ihrer am 10. Oktober beginnenden Ausstellung “Supernatural”.
  • Digitale Diktatur
    Jürgen Linde befürchtet, dass unsere Gesellschaft sich zu einem technologischen Totalitarismus entwickeln könnte.
  • Virus, Viralität, Virtualität
    Prof. Peter Weibel beschreibt, wie das Virus die Entwicklung von der “Nahgesellschaft” zur “Ferngesellschaft” beschleunigt.
  • 2048 – noch nicht.
    Google, Amazon und NSA – private und staatliche Datenkraken gefährden gemeinsam die Demokratie. Ein Beitrag von J. Linde von 2014.

Beiträge chronologisch:
1. mit einem eigenen Essay habe ich selbst im Jahr 2014 einen (unveröffentlichten) Beitrag geschrieben für Frank Schirrmachers FAZ-Debatte zum technologischen Totalitarismus “2048 -Noch nicht!“
2. Angesichts der Corona-Thematik schreibt Peter Weibel in einem vielbeachteten Essay für die NZZ (20.03.2020) – Virus, Viralität, Virtualität – wie die aktuelle Entwicklung einen Wechsel von der alten “Nahgesellschaft“ in eine unvermeidliche Ferngesellschaft erzwingt. ER zeigt, dass die Digitalisierung durchaus sehr positive Optionen mit sich bringt.
3. Dennoch erscheint mir selbst die Totalitarismus-Gefahr dadurch keineswegs gebannt. Macht und Einfluss der Datenkraken wachsen womöglich gerade in der Ferngesellschaft noch an – weiterhin droht uns eine
Digitale Diktatur.

4. Während all die genannten Aspekte unsere Gesellschaft, insofern also unsere “äußere Umwelt“ betreffen, kann und wird wohl die Biogenetik/Biotechnik uns Menschen selbst ganz direkt, körperlich verändern. Dieses nicht weniger bedeutende Thema greift Dr. Nicole Fritz, die Direktorin der Kunsthalle Tübingen, in ihrer nächsten Ausstellung auf. Sie hat uns vorab das Vorwort zum Katalog dazu, als Essay für unser Feuilleton zur Verfügung gestellt:
Nicole Fritz:_Supernatural. Visionen des Körperlichen in der Gegenwartskunst.

Bisherige Beiträge:

Nachrichten zum Thema:
Das Peter Weibel-Forschungsinstitut für digitale Kulturen veranstaltet ein Online-Symposium zum Thema: Digital Dictatorship or digital Democracy?
Donnerstag, 25. Juni von 14.30 bis 19 Uhr & Freitag, 26. Juni von 12 bis 13 Uhr: https://wid.uni-ak.ac.at/conference/

Kommentare:
Wolfgang Gießler kritisiert Peter Weibels Essay als “Statement of the obvious”

In ihrem Kommentar (siehe weiter unten) verbindet Bärbel Mohr das Thema Totalitarimus mit dem der Political Correctness. Sprachkontrolle als Werkzeug der Diktatur – schon Orwell hatte diesen Zusammenhang (Stichwort “Newspeak”) hervorragend und wohl als erster herausgearbeitet. Unsere Gastautorin bezieht sich dabei aktuell auch einen Artikel der FAZ vom 23. Juli: Orientierungslos im Meer der Ideologien [ In der Papier-Zeitung: “Vor der Selbstabschaffung? (FAZ, 23.07.20; Seite 6) ]

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3 Gedanken zu „Feuilleton“

  1. Jetzt hab ich mir mal den ganzen Weibel-Aufsatz durchgelesen.
    Abgesehen von einem Fehler (Sie befinden sich in wohnhaft.) hat mich der Text an eine Kritik
    in einer Proseminararbeit in meinem Anglistikstudium erinnert. Beziehungsweise an einen Vermerk
    des Dozenten, der mich so tief getroffen hat, daß ich ihn auch nach 55 Jahren nicht vergessen habe.
    Der Korrekturvermerk: “Statement of the obvious”.
    Oder kannst Du in Herrn Weibels Text IRGENDETWAS entdecken, das NEU ist? Referiert er nicht
    ausschließlich über Dinge, die längst bekannt sind? Oder bin ich zu blöd, um “gesellschaftskritische Essays” zu verstehen?
    Was er da beschreibt, kann man täglich in den Kommentaren von SPON und Zeit online lesen.

    Auf einer anderen Sprachebene würde ich es so kommentieren: “Ja nee, is klar…”

  2. Zunächst zum Beitrag von Wolfgang Gießler “Ja nee,is klar…”
    Steht beispielhaft für die Entwicklung einer Netzgesellschaft, in der die Reduktion auf bloße Meinungsäußerungen (s.”Daxokratie”) inzwischen auch die sog. Bildungsschichten erreicht hat:

    “Im Zentrum aber steht die Abwendung vom Ideal urteilsfähigen Selbstdenkens”.
    Der Autor des sehr lesenswerten Textes “Vor der Selbstabschaffung”, Ingolf U. Dalferth, (FAZ v.23.7.20, s.6), dem auch folgende Zitate entnommen sind, zeigt,
    wie sich auch die geisteswissenschaftliche Forschung und Lehre durch die zunehmende mediale Dominanz politisch korrekter MEINUNGEN in “pathologischer Selbstverkrümmung” zum ideologischen Werkzeug entwickelt, indem Sachfragen der Durchsetzung von Wertorientierungen zu dienen haben:

    “Ganze Denktraditionen und Textbestände Europas – von Kant über Nietzsche bis zu Heidegger und Foucault” – werden inzwischen als Gefahrengut deklariert, vor dem man Studenten schützen muss”
    “Man propagiert am Leitfaden “kritischer Theorie” die Beurteilung von allem und jedem nach Gesichtspunkten von Gender, Sexualität, Rasse, Ethnizität, Nationalität, Herkunft und Religion, um Ungleichheit und Diskriminierung in allen Schattierungen auf die Spur zu kommen, und tut zugleich alles, um diese Merkmale in der Öffentlichkeit unkenntlich zu machen (…) Texte werden daraufhin betrachtet, welche Unterdrückungsformen sie manifestieren” und “Geschichte wird betrieben, um Opfer und Täter ausfindig zu machen”
    “Aus einer kritischen Korrektur wird so eine kritikimmune Ideologie”
    “Aber wir wären gut beraten, der ideologischen Selbstzerstörung der Geisteswissenschaften nicht erst dann entgegenzutreten, wenn es zu spät ist.”

    1. Hallo Frau Mohr,

      da ich in meinem Beitrag das “Ja nee, is klar…” ausdrücklich als ironischen Kommentar “auf einer anderen sprachlichen Ebene” verwendet habe, hätte ich es begrüßt, wenn Sie sich nicht allein auf diesen bezogen hätten. Schließlich habe ich ja durchaus inhaltlich Stellung bezogen. Wenn Sie mir meine Argumente widerlegen könnten, würde mich das sehr interessieren.

      Mit freundlichen Grüßen auch an den Herrn Gemahl
      Wolfgang Gießler

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