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Hinkelstein
Nr. 74 | 17.05.2026 |
"…Dein Midface ist etwas klein …"
Am Sonntag gute Nachrichten und manchmal kluge Gedanken.
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Liebe kunstportal-bw Leserinnen und Leser, hallo Abonnent,
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erneut bleiben wir mitten im Thema: Ein zentraler Punkt im letzten Hinkelstein (73: “Willkommen in der Matrix“) war meine keineswegs rein rhetorisch gemeinte Frage: “Machen wir uns selbst zu Avataren?
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In unseren Zeiten von Internet und Cybermobbing etc. erreichen manche gesellschaftliche Entwicklungen, ich denke konkret an den sozialen Anpassungsdruck, den es als solchen immer schon gab, neue Dimensionen, die früher unvorstellbar waren, vielleicht, diese These möchte ich heute verfolgen, weil sie so tatsächlich erst mit dem Internet und der Digitalisierung möglich wurden?
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Bild oben: Anja Luithle: Die Wegweiserin, 2009, Eislingen a.d. Fils; Glasfaser,Edelstahl, Lack, Motor, Steuerung. Höhe 5 m. Das Objekt bewegt sich motorgetrieben alle 15 Minuten und bei starkem Wind.
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Hintergrund meiner ja ziemlich “steilen These“, dass wir uns zu Avataren machen könnten, sind zuerst einmal empirische Fakten, die wir schon länger beobachten: Unsere digitale Internetgesellschaft hat ja gerade nicht die vielfältige und demokratisch erneuerte Gesellschaft gebracht, die jetzt leichter denn je möglich wäre und die wir uns anfangs erhofft hatten, sondern ganz im Gegenteil: der soziale Anpassungsdruck ist durch das Internet deutlich gewachsen, was tatsächlich besonders Heranwachsende spüren, die noch auf der Suche sind nach sich selbst, nach ihrer sozialen Identität.
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Das Internet, dominiert einerseits von ein paar großen und mächtigen Social-Media-Plattformen, anderseits von der extremen Kommerzialisierung, hat durch die Verbindung eben dieser beiden Faktoren neue Phänomene hervorgebracht, die im Cybermobbing nur eine ihrer extremen Ausdrucksformen findet.
Wenn bei der Suche nach der eigenen Identität Cybermobbing und Influencer das wichtigste sind, so wundert nicht, dass sehr viele Jugendliche als Berufswunsch „Influencer“ angeben – selbst ständig konsumieren und dabei reich werden und am besten schon gleich so leben wie die, die schon reich sind? Das klingt doch gar nicht schlecht. Auch wissen sie, dass viele Influencer in Dubai leben, wo das reich werden noch eleganter geht – fast steuerfrei.
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Cybermobbing und Influencer? Zwei dunkle Seiten derselben Münze: Wer nicht in ist, ist Out, das will aber keiner. Dass man / frau aber in ist, sieht man den Äußerlichkeiten – die aktuellen Must-Haves sollte man schon haben, möglichst noch bevor die anderen ahnen, was ihnen fehlt. Edle Klamotten also sowieso – und dann natürlich auch – was wären die teuren Fummel ohne Inhalt – den schönen, perfect gestylten Körper darin? Die Künstlerin Anja Luithle stellt diese Frage seit vielen Jahren immer wieder auf ihre bissig-ironische Art (siehe bitte Bild oben)
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Und gerade schrieb die Süddeutsche Zeitung – 08. Mai 2026 (Nr. 105; Seite 10, Panorama) – von einem für mich jedenfalls ganz neuen Trend zur sozialen Anpassung: auch Männer sollen jetzt gefälligst richtig toll aussehen: Looksmaxxing nennt man diesen Trend, diese „Bewegung“, und ein wichtiger Protagonist ist die wirklich interessante Figur Clavicular (bürgerlich Braden Eric Peters) – laut Google mit aktuell (15.05.2026): 604 K followers) – ein vielleicht bald schon mächtiger Mann?
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Als Kritiker der Social-Media sehe ich Influencer als Führer(?), deren Wert sich bemißt in der Zahl der (sich unterwerfenden) “Follower“ – gemessen wird jetzt offenbar in K (K, wie K bei Kilobyte=eigentlich also 1024).
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Hauptsache egal: Clav – “Clavicular“ sagen wohl nur noch Outsider (also Loser, Low-Performer, hässliche Menschen halt) weiß ganz genau, wie ein Mann aussehen muss und dass er gefälligst auch daran arbeiten sollte, dass er so wird wie er sein soll.
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Aber was sind heute schon 604 K Followers? Taylor Swift würde sich mit solchen Werten als ausgegrenztes Mobbing-Opfer sehen und klinisch depressiv werden. Und selbst Rap-Altstars bewegen sich in ganz anderen Dimensionen: 50 Cent etwa ist derzeit ca. 38 Millionen Follower wert. Und verdient angeblich auch ganz gut, entsprechend seinem lyrisch-schönen Motto: Get rich or die tryin’. Mit jetzt 50 Jahren ist 50 Cent ja bald schon ein Staubi in der Influencer-Welt – oder hat er gerade ein Comeback?: Wie ich gerade entdeckte, verzeichnet sein Video „In da Club“ (50 Cent – In Da Club (Official Music Video) immerhin One Billion Views.(american billlion I think) Da müssen alte Omas und selbst Clav lange ‚für stricken.
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Kritische Hinkelstein Leser haben längst bemerkt, dass ich nur manchmal (klammheimlich sensationsgierig?) hineinschnuppere in diese mir fremde Welt.
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Kommen wir zurück zu Clav, die paradigmatische Figur in einem neuen Megatrend: Auch Männer werden zunehmend unter sozialen Druck gesetzt, gut auszusehen. „Ich maximiere alle Metriken in meinem Leben …Looks sind wichtigste Metrik“ zitiert die SZ. Metriken sind Messgrößen, die vergleichbar machen: also ein Marathonläufer, der < 2 Std. für die 42,195 km braucht, gehört (heute noch) zur globalen Top 2.
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Wohl nicht zufällig passt Clavs Einstellung zu den "Metriken“ zu den Algorithmen des Internet, wo ja auch Vergleiche und Rankings wichtig sind. Von den Rankings ist es nicht weit bis zu Rangordnungen und somit auch Ausgrenzungen. Wer heute noch mehr als 2 Stunden braucht für die 42,195 km, gähn?), ist noch längst nicht automatisch ein Low-Performer, wer aber (als Sportler) sagen wir mehr als 3,5 Stunden braucht, sollte wahrscheinlich dankbar sein, dass er überhaupt noch alleine gehen kann; seinen Platz im Altersheim sollte er längst beantragt, gesichert haben.
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OK; Leistungsdruck und sozialer Anpassungsdruck – das verstehen selbst wir alten Säcke noch; wir kennen es von früher: nur dass seinerzeit der Anpassungs-Druck auf mehr Schönheit, gutes Aussehen etc. und die richtige Kleidung und die aktuell gerade richtigen Accessoires etc. fast ausschließlich auf den Frauen lastete: Mädchen und Frauen – früher mal das schöne Geschlecht, was man heute ja garantiert nicht mehr sagen darf, haben sich vielleicht auch von sich aus immer schon oft sehr intensiv bemüht um gutes Aussehen, gute Figur, schöne Haut etc.; – Gesundheit insofern vielleicht auch. Eher krank wirkende Exzesse bis hin zur super teuren plastischen Chirurgie nur um des besseren Looks willen, liefern schon lange keine Schlagzeilen mehr.
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Jetzt aber scheint es so, als ob die Jungens und Männer hier aufzuholen scheinen: Looksmaxxing – das Optimieren des eigenen Körpers, um ein besseres, männlicheres Aussehen zu erreichen ist Zweck dieser Übung. Gab es doch auch schon alles? Na gut, das schon, aber was männliche Wesen früher noch ins Fitnessstudio trieb oder ganz ganz früher auf den Trimm-Dich-Fit-Pfad im Stadtwald führte, wird heute gerne auch mal brutaler durchgeführt: gar mancher glaubt offenbar, es sei nötig, sich mit einem Hammer den Kiefer zu brechen, damit die Knochen beim wieder Zusammenwachsen eine männlichere Kinnpartie liefern.
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Doch wer Gewalt gegen sich selbst (und die Schmerzen) scheut, kommt auch mit Geld allein voran: von 2018 bis 2024 hat sich die Zahl der männlichen Schönheitsoperationen weltweit verdoppelt (a.a.O.: SZ vom 08.05.26). [ War aber auch Zeit, den der Bedarf ist schon seit 1983 offiziell allseits bekannt: Ina Deter Band – Neue Männer Braucht Das Land (Video) ]
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Wie immer also geht es, wenn Mode- und Lifestyle-Trends Thema sind, auch um Geld. Doch das war schon so, bevor das Internet unsere Welt dominierte. Wie ist es möglich, dass Digitalisierung und Internet hier so massiv einwirken und diese Trends nicht nur verstärken, sondern zu multiplizieren scheinen?
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Sicher ist dies auch weiterhin unser Thema - in einem der nächsten Hinkelsteine ...
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Bis dahin haben wir also noch etwas Zeit zum Lookmaxxing“: Clav hat einem seiner Follower, in seiner Direktberatung mal brutal klar gesagt: „Dein Midface ist etwas klein ….“
Mist, was tun? Greifen wir also zum Hammer ….? Nein, Wir älteren Männer tun so was nicht; längst bescheiden geworden, sind wir ja schon dankbar, dass von Haus aus schöne Männer weiterhin gefragt sind: „Schöne Männer“ – Tania Levy (Offizielles Video)
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Über diese Themen satirefrei zu schreiben, gelingt mir nicht, auch wenn es tatsächlich ernste Themen sind – vor allem für die, die in den Rankings mithalten wollen und denen es nicht gelingt, so dass sie gemobbt werden und sich ausgegrenzt fühlen als Loser.
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Social-Media-Verbote für die Jugend sind daher in aller Munde und werden weltweit diskutiert: während in Australien inzwischen schon die Social-Media-Nutzung unter 16 Jahren verboten ist, wird hierzulande noch, meist über ein Verbot bis 14 Jahren, heftig gestritten und diskutiert; nicht zuletzt auch darüber, ob eine Altersgrenze überhaupt – technisch / praktisch / gesetzlich / pädagogisch – durchsetzbar sei …
Sicher werden wir uns hier im Hinkelstein weiterhin mit diesem Thema auseinandersetzen; vielleicht schon im nächsten: Vorab: ich werde dann schon die nächste “steile These“ vortragen: Das Internet als solches ist wertfrei; es bewirkt keine bestimmte politische oder sonstige “inhaltliche Tendenz“. Vielleicht aber ist es möglich, dass die Algorithmen, die ja gerade in den Social-Media so wichtig, so mächtig, sind, schlicht aufgrund ihrer mathematischen Grundlage – der Digitalität – zur Polarisierung tendieren? Auch, dass extreme Meinungen, Posts, nach oben gerankt werden, dass Verschwörungstheorien umso populärer werden, je schwachsinniger sie sind, scheint ja kein reiner Zufall zu sein.
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Bis wir dies aber weiter untersuchen, bleibt Raum für die Kunst; wegweisend auch in ganz konkreten Sinne bleibt unser kunstportal-baden-wuerttemberg – mit den täglich neuen guten Nachrichten und Empfehlungen:
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Kunstmuseum Karlsruhe: 11 – 18 Uhr: Internationaler Museumstag: Freier Eintritt +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
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Bitte empfehlen Sie den Hinkelstein weiter: Zuerst allen, dies es verdienen, im Internet auch mal gute Nachrichten und kritische Gedanken zu lesen (vielleicht über Ihren eigenen Verteiler), und danach dann auch allen anderen (vielleicht an alle Ihre Kontakte oder über facebook, youtube, instagram etc. In jedem Fall bitte mit Link auf diese Seite hier: Newsletter Hinkelstein:, wo ja unten das Anmeldeformular zu finden ist.
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