“Herzstücke” in der Kunsthalle Tübingen

Franz Marc: Die Blauen Fohlen, 1913 (Ausschnitt)
55,7 x 38,5 cm; Öl auf Leinwand; Kunsthalle Emden
Foto: Elke Walford, Fotowerkstatt Hamburger Kunsthalle

Kunstausflüge mit Sigrid Balke – HERZSTÜCKE in der Kunsthalle Tübingen

Kunsthalle Emden zu Gast in der Kunsthalle Tübingen

Vielleicht teilte Henri Nannen die Vision von Franz Marc, der Mensch könne sich durch die Beschäftigung mit Tieren positiv verändern. Marc drückte diese Hoffnung durch die Verwendung von blauer Farbe für seine Fohlen symbolisch aus, der Gründer des Magazins Stern mit dem Erwerb des Bildes Blaue Fohlen. Ein frühes expressionistisches Bildals Grundstock einer grandiosen Sammlung ohne strategische Ausrichtung, aber mit viel Herzblut und Leidenschaft. Herzstücke eines Sammlers und Meisterwerke der Kunstgeschichte in der Kunsthalle Tübingen. 

Paula Modersohn-Becker
Stehendes Mädchen vor einem Ziegenstall (Kind und Ziege), 1902,
Öltempera auf Karton, auf Leinwand aufgezogen
73,3 x 52,4 cm; Kunsthalle Emden
Foto: Elke Walford, Fotowerkstatt Hamburger Kunsthalle

Der frühe Expressionismus des 20.Jahrhunderts mit Werken unter anderem von Franz Marc, Max Beckmann, Otto Müller und Max Pechstein, waren die Befreiung der Kunst vom wilhelminischen Konzept und der Grundstein für eine expressiv-malerische Tradition, die bis in die Gegenwart reicht. Kunsthallenleiterin Dr. Nicole Fritz nimmt diese Entwicklung als roten Faden der Ausstellung Herzstücke, die mit Leihgaben aus der Kunsthalle Emden und mit viel Feingefühl stimmig kuratiert wurde. Der Chronologie locker folgend, bespielt sie die großzügigen Räume und intimen Kabinette themenspezifisch und mit einer multimedialen Konzeption. Die Gegenüberstellung von Bildern und zeitgenössischen Filmaufnahmen, ist ein kuratorischer Kniff um die Besucher in die jeweilige Zeit zu holen, die Räume atmosphärisch aufzuladen und die Werke in ihren historischen Kontext zu stellen.

Für Künstler*innen wie Paula Modersohn–Becker oder August Macke war die Kindheit ein Synonym für das Unverfälschte, und frei von dem Auftrag zu porträtieren, richtete sich ihr Interesse auf die Darstellung des kindlichen Seelenlebens. Ein weiterer Raum bietet den beiden eher unbekannten Künstlern Josef Scharl und Hanns Ludwig Katz eine eigene Bühne für ihre ernüchterte Weltsicht nach dem Ende des 1.Weltkriegs. Vor dem Hintergrund der Ereignisse in der Ukraine sind diese Bilder der Neuen Sachlichkeit, die das Leiden der Ärmsten zeigen und den Mächtigen den Spiegel vorhalten, erschreckend aktuell. Im Hintergrund ein Filmdokument mit Varietészenen aus den Etablissements der Goldenen Zwanziger Jahre –  the show must go on…  

In der Nachkriegszeit entstehen die expressiven Werke der Künstlergruppe Spur und CoBrA als Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Widersprüchen der Nachkriegszeit. Sie greifen auf die kreativen Elemente der frühen Expressionisten zurück, luden sie politisch auf und bildeten mit ihren Werken einen Gegenpol zum amerikanischen Abstrakten Expressionismus eines Sigmar Polke, Willem de Kooning oder Jackson Pollock.

Miriam Cahn: wartendes tier, 1996, Öl auf Leinwand
86,2 x 66,4 cm; Kunsthalle Emden
Foto: Martinus Ekkenga
© Miriam Cahn

Mit der Schenkung des Münchner Galeristen Otto van Loo 1997 war es der Kunsthalle Emden möglich, die expressionistische Sammlung Henri Nannens mit 200 Werken überwiegend von Künstlern der Gruppen Spur und CoBrA zu ergänzen, und später mit dem Erwerb von Werken der Neuen Wilden bis in die Gegenwart fortzuschreiben. Künstler*innen wie Rainer Fetting und Miriam Cahn wandten sich als Reaktion auf den Minimalismus und die Konzeptkunst wieder einer emotionalen und expressiven Art der Malerei zu. Anstelle einer malerischen Protestgeste sind ihre Bilder Ausdruck einer individuellen Utopie und eine Fortführung der expressionistischen Tradition.

Dann zum Abschluss der Ausstellung noch einen faszinierenden Blick auf die Gegenwart der Kunst und einen ersten Eindruck von der Zukunft der Kunst. Die Tübinger Medienkünstlergruppe Lunar Ring nutzt die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz spielt mit den Meisterwerken der Kunsthalle Emden. Mittels eines KI-Verfahrens werden daraus Bilder generiert, die man auf dem transparenten Medium zwar wiedererkennt, die aber durch die Magie selbstlernender Systeme eine überraschende Eigenständigkeit entwickeln. Eine weitere KI basierte Installation mit dem Titel Mal mit mir, lädt die Besucher zu einem interaktiven Spiel zwischen Mensch und Maschine ein. Faszinierende Ergebnisse einer (noch) ungewöhnlichen „Kooperation“.

1902-2012, 2020- (Zeitdauer unendlich); Filmstill, Detail
Wer malt denn da?; Bürcke vs. Brücke

Ausstellungsdauer: bis 06.Juni 2022