Sich im Rückspiegel neu erfinden


Isabell Schenk-Weininger: Zur aktuellen Linolschnitt-Serie von Sergei Moser

Bitte lesen Sie dazu auch das kunstportal baden-württemberg-Künstlerporträt über Sergei Moser:
Tales of Mystery and Imagination – über Sergei Moser

Bild oben: Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen | 25.07. – 26.10.2025
»Linolschnitt heute – XIII Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen«
Bild oben: 1. Preisträger: Sergei Moser, © Foto: Sabine und Tom Bloch

Mit Plakaten für seine Independent Band Spoiled Nikita war Sergei Moser bereits 2007 in der Ausstellung zum Wettbewerb Linolschnitt heute vertreten. Für diese Drucke hatte er das Medium Linolschnitt – nach seiner Schulzeit – wiederentdeckt. Schon während seines Studiums drehte er auch Musikvideos und Kurzfilme. So war Moser der erste Künstler, der bei Linolschnitt heute einen Film einreichte – beim zehnten Wettbewerb 2016. Einzelne Linolschnitte und deren Zwischenzustände fügte er dafür zu Sequenzen zusammen, so dass sich in der Animation fortlaufend Formen rhythmisch verwandelten. Damit erzeugte er eine ganz neue visuelle Qualität, was mit einem Juryankauf belohnt wurde.1 Mosers ganz eigene Bildwelt – eine Kombination von technoid, organisch und architektonisch anmutenden, dreidimensionalen Formen – entwickelte er im Wettbewerb 2019 in großformatigen Linoldrucken weiter, welche in einem aufwändigen Druckprozess eine erstaunlich malerische Wirkung entfalteten.

Obwohl Moser in der Malklasse studiert hatte, ist er in seiner künstlerischen Laufbahn zum ausgewiesenen und leidenschaftlichen Druckgrafiker geworden. Er schätzt die ruhige Konzentration, die beim Schneiden erforderlich ist, ebenso wie den großen körperlichen Einsatz beim Drucken. Seine Linolschnitte selbst wurden jedoch immer weniger von der grafischen Linie, sondern sind heute vorrangig von Fläche und Farbe bestimmt. Es ist ein „Malen mit anderen Mitteln“ – sehr aufwändigen Mitteln: Für seine heutigen Werke schneidet und bearbeitet er eine Vielzahl von Druckplatten, die er wie Puzzleteile verwendet und in zahllosen Druckvorgängen – ohne Presse – mit Eigengewicht oder Gummihammer abdruckt. Perfektion vermeidet Moser bewusst, setzt die Unregelmäßigkeit beim manuellen Druckprozess vielmehr als Stilmittel ein. Lediglich die Grundierung seiner „Linolgemälde“, wie er selbst seine Technik nennt, ist in mehreren Schichten tatsächlich gemalt. Zwischen den Druckvorgängen sprüht er teilweise Wasser über die Leinwand, so dass sich Farbschlieren bilden, was die Oberfläche zusätzlich verlebendigt und den malerischen Gesamteindruck verstärkt.

Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen | 25.07. – 05.10.2025
»Linolschnitt heute – XIII Grafikpreis der Stadt Bietigheim-Bissingen«
Bild oben: Ausstellungsansicht: der Raum von Sergei Moser; © Foto: Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen

Die Formensprache in Mosers früheren Werken oszillierte gekonnt zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, womit er einen wiedererkennbaren eigenen Stil gefunden hatte. Doch wollte er sich in dieser Komfortzone nicht einrichten und der Gefahr der Wiederholung entgehen. Gegen die eigene Routine initiierte er einen Neuanfang, indem er bewusst einen Inhalt wählte, der ihn selbst betrifft – sein Geburtsjahr 1976 –, ohne jedoch Privates zu berühren. In Moldawien – Teil der Sowjetunion, als Moser dort geboren wurde und aufgewachsen ist – war die Bevölkerung abgeschirmt vom Weltgeschehen, weshalb jetzt sein Interesse explizit global ausgerichtet ist. Moser recherchierte, welche Ereignisse und Nachrichtenbilder die Menschen 1976 weltweit bewegten. Erstmals arbeitete er mit Medienbildern und fotografischen Vorlagen. Allerdings wählte Moser keine bekannten Bildikonen und auch seine Verfremdungsstrategien tragen nicht unbedingt zur Identifizierung der Geschehnisse bei. Ist die Gründung von Apple und die Einführung des Videoformats VHS noch leicht am Logo der Firma beziehungsweise der charakteristischen Form der Kassette erkennbar, sind andere Bildelemente, die keine Versatzstücke der Populärkultur darstellen, wesentlich schwieriger zu entziffern.

Auf der Plakatwand im linken Bildteil beispielsweise ist eine Riege von Männern vor Mikrofonen zu erkennen. Vorlage hierfür war eine Fotografie zum Militärputsch in Argentinien, die Jorge Rafael Videla bei seinem Amtseid sowie weitere Generäle im März 1976 zeigt: Auftakt für eine brutale und blutige Militärdiktatur, unter der rund 30.000 Oppositionelle „verschwanden“. Die Aufnahme steht exemplarisch für diese dunkle Phase in der Geschichte Argentiniens, ist für den Künstler aber auch unter kompositorischen Aspekten interessant. Denn neben den aufgereihten Personen ziehen die Wandgestaltung und die Statue im Hintergrund den Blick auf sich, was Moser in seinem Werk wiederum besonders hervorhebt.

In der rechten Bildhälfte von Mosers Linolschnitt dominierend ist ein eigentümliches architektonisches Gebilde samt Statue auf einem Sockel. Es bezieht sich auf ein Denkmal, das im chinesischen Tianjin errichtet wurde, um der rund 650.000 Toten des Erdbebens von Tangshan im Juli 1976 zu gedenken. Das pyramidenartige Monument des kommunistischen Landes für die schlimmste Erdbebenkatastrophe des 20. Jahrhunderts erregte auch unter formalen Gesichtspunkten Mosers Aufmerksamkeit, der mit ähnlichen architektonischen Formen in seinen früheren Werken experimentierte.

Das großformatige Hauptwerk mit dem Titel 1976 druckte Moser in vier Farbvarianten, in welchen bestimmte Partien und Motive unterschiedlich stark akzentuiert werden. All diese Unikate sind jedoch im selben Farbschema gehalten. Moser verwendet keine reinen Farben, sondern bevorzugt eine gedämpfte Farbpalette, eine „gewisse Schmutzigkeit“, wie er es selbst nennt. Er setzt Hell-Dunkel-Kontraste ein und kombiniert wärmere Töne wie Ocker und Braun mit kühleren Tönen wie Blau und Grün, vermeidet aber starke Farbkontraste. Dies erzeugt eine harmonische, aber düstere Gesamtstimmung, welche die Motivik unterstreicht. Von den Linolplatten der Hauptmotive schuf Moser zudem eigenständige Werke, deren Titel Don’t cry Argentina und Bye Mao zumindest einen Hinweis auf die jeweilige Thematik geben.

Deutlich wird hier, dass die Fotografien der Zeitgeschichte vorrangig als Anregungen für den Künstler selbst dienen und weniger auf eine mögliche Dechiffrierung durch das Publikum angelegt sind – auch wenn die Jahreszahl 1976 als Titel die Betrachtenden dazu einlädt, wenn nicht sogar herausfordert, die visuellen Codes zu knacken. Moser gestaltet keine nachvollziehbare Jahreschronik, knüpft aber durchaus an den Visual Turn der Geschichtswissenschaft an, der Fotografien ins Zentrum des historischen Interesses rückt. Auch wenn Moser eine klare Sinnbildlichkeit und Aussage verweigert, so ist doch in all der Rätselhaftigkeit eine inhaltliche Aufladung spürbar. Moser lässt jedenfalls durch seine Verfremdungen Raum für Deutungen, die immer subjektiv, individuell und lückenhaft sein werden. Auf die Fortsetzung seiner Werkserie Lebensjahre dürfen wir gespannt sein: Der Linolschnitt 1988, das Jahr seiner Umsiedlung nach Deutschland, nimmt gerade Form an…

1 In einer zweiten Version überzeugte die Arbeit auch die Filmexperten beim Stuttgarter Trickfilmfestival 2018, wo er den dritten Preis beim Cine Cube Award zugesprochen bekam.