Hinkelstein 62 | 07.12.2025 | „Türen öffnen, wo sie keiner sieht“

Hinkelstein, der wöchentliche Newsletter des kunstportals baden-württemberg:
Am Sonntag frisch auf den Screen

Bild oben: Mischa Kuball: white space/ Kritisches Denken braucht Zeit und Raum2014 © VG Bild-Kunst Bonn 2025, Foto: Wolfgang Zeyen
Mo, 08.12.2025; Goethe-Institut Saudi Arabien, Riad /SAU: Vortrag von Mischa Kuball im Goethe-Institut Saudi-Arabien

Kritisches Denken braucht Zeit und Raum schreibt Mischa Kuball, bekannt als Lichtkünstler und Medienkünstler, wobei der Begriff Lichtkünstler schon in sich ein wenig redundant erscheint: Ohne Licht gäbe es keine Kunst; jedenfalls keine Bildende Kunst: vor einigen Jahren schon hatte Peter Weibel auf die grundlegende Bedeutung des Lichts für unsere Existenz insgesamt hingewiesen:
„Nicht nur, dass wir existieren, verdanken wir dem Licht, sondern auch alles, was wir wissen, wissen wir durch das Licht. Licht ist eine Botschaft des Universums, WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen können Botschafter des Lichts sein.“ (Peter Weibel, ehemaliger Vorstand des ZKM | Karlsruhe)

Mit dieser – auf den ersten Blick vielleicht irritierenden Einleitung komme ich endlich auf ein Thema, auf das viele Hinkelstein-Leser hier schon länger warten und dem ich, zugegeben, bislang ausgewichen bin, zurückschreckend vor dessen umfassender Komplexität:

Künstliche Intelligenz und Kunst
Mischa Kuball also sagt: Kritisches Denken braucht Zeit und Raum, ich möchte dies ergänzen: Kunst braucht (und evoziert gleichzeitig) Kritisches Denken – und Licht.

Trotz meines viel zu geringen Wissens um die (programmier-) technischen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz komme ich gleich auf den Punkt, der viele von uns umtreibt und gern zu Diskussionen führt, in denen wir eifrig streiten, wohl ahnend, dass keiner der Diskutanten so wirklich Bescheid weiß, was die KI schon kann oder gar, was für Potentiale sie in Zukunft entfalten wird: für Kultur und Gesellschaft insgesamt und für die Kunst im Besonderen.

Die Bandbreite der Meinungen jedenfalls ist extrem:
Die einen: die Alten? die Konservativen? die (Fortschritts-) Pessimisten? vertreten entschieden die klar erscheinende Meinung, dass KI und Kunst zwei ganz verschiedene Welten sind und auch immer bleiben werden. Dafür liefern sie viele Argumentationsvarianten: von naiven bis intuitiven, von philosophischen und/oder technologischen Argumentationen bishin zu Argumenten, die in die theoretische Physik reichen können.
Eine auch in sich wieder enorme Vielfalt. Klar ist schon jetzt, dass wir hier nicht versuchen werden, die ganze Bandbreite der Positionen abzubilden; zumal auch die Diskussion in Bewegung ist und täglich neue Statements hinzukommen …

Die anderen: die Modernen, die Zukunfts- und Fortschritts-Optimisten, die Aufgeschlossenen? erwarten durchaus grundlegend neue eigenständige Kunstformen, die neben den altbewährten Varianten einen eigenen, legitimen Raum einnehmen werden. Die zuvor oben charakterisierten Altmodischen erscheinen hier gerne als rückwärtsgewandte Ignoranten, die Angst haben vor allem, was neu ist, weil sie es nicht verstehen, weil es ihre Vorstellungsmöglichkeiten überfordert und ihre Weltbilder in Frage stellt. Alte, bewegungsunfähige, verstockte Sturrköpfe?

Nachfolgend werde ich zu begründen versuchen, warum ich mich derzeit der erstgenannten Fraktion zurechne, ohne aber auszuschließen, von der realen Entwicklung widerlegt und zur Änderung meiner Einschätzung widerstrebend gezwungen zu werden.

Leider sind die KI und die Gehirnforschung noch nicht so weit, dass es möglich wäre, ein Gehirn, dessen Inhalt und dessen Funktionsstrukturen, komplett zu kopieren, was einige Fortschrittsoptimisten durchaus ernsthaft erwarten (eine Denkmöglichkeit, die ich selbst nicht ausschließen will).
Andernfalls hätten wir vielleicht ein geklontes Gehirn von Peter Weibel, das wir dann fragen könnten, was er zu all dem sagt und denkt:
Weibel war ja – trotz allen kritischen Denkens gerade bezüglich der gesellschaftlichen/politischen Weiterentwicklung – grundsätzlich ein Fortschrittsoptimist; als ich ihn einmal einen hoffnungslosen Optimisten nannte, hat er sich sehr gefreut über das Wortspiel …

Nun, wir können ihn leider nicht mehr befragen, doch hat er uns ja viele Denkanregungen mitgegeben, von denen ich zwei hier zitiere, weil sie unser Thema voranbringen:

»Die Aufgabe der Kunst besteht darin, Türen zu öffnen, wo sie keiner sieht.« (Peter Weibel)

Bild links: Gerhard Langenfeld: Reflecio, 2015


Nicht nur, dass wir existieren, verdanken wir dem Licht, sondern auch alles, was wir wissen, wissen wir durch das Licht. Licht ist eine Botschaft des Universums, WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen können Botschafter des Lichtes sein.“ (Peter Weibel, ehemaliger Vorstand des ZKM | Karlsruhe)

Unstrittig ist, dass Weibel in der Verbindung von Kunst und Wissenschaft die (wohl einzige) Möglichkeit sah, die Probleme unseres Planeten zu lösen. Statt etwa die Technik als Ursache der Probleme (Industrielle Revolutionen, Kohlenstoff basierte (CO2-emissionsintensive) Energiegewinnung, etc.) zu verdammen, sollten wir alle Möglichkeiten der Technik dazu nutzen, ebendiese Probleme zu lösen. Ein zwingender und klarer Gedanke, der mir unwiderlegbar erscheint und der ja auch von anderen visionär begabten Wissenschaftskennern wie z.B. Bill Gates vertreten wird.

Klarerweise hat die Digitalisierung hier ganz neue Chancen gebracht:
„Mit der Digitalität tritt eine neue Kulturtechnik auf, welche uns eine unvorhersehbare Zukunft eröffnet, denn mit dem digitalen Code können Worte, Bilder und Töne und sogar Dinge in Daten verwandelt werden.“
Peter Weibel 2018; in der „Weitblick-Gesprächsreihe“ (Thema Artificial Intelligence) des Kunstmagazins Parnass.

Zweifellos eröffnet die KI umfangreiche weitere Möglichkeiten, um etwa ökologische Themen anzugehen: So wie die Pharmaindustrie heute schon sehr erfolgreich KI nutzt: z.B. bei der Entwicklung neuer Medikamente; wo bisher sehr umfangreiche, arbeitsintensive empirische Labor-Versuchsreihen nötig waren, um etwa 4 oder 5 Hundert verschiedene Wirkstoffkombinationen für ein neues Medikament zu herzustellen und dann zu testen, kann ein KI-Modul diese Tests so weit simulieren (und deren Ergebnisse qualitativ belastbar prognostizieren) dass am Ende nur noch wenige reale Experimente notwendig sind. Eine klassische Rationalisierung, die nicht nur Geld und technischen Aufwand spart, sondern eben auch Möglichkeiten schafft, die es zuvor nicht gab: wenn wir für den Bau eines Staudamms oder für die Wiederaufforstung eines abgeholzten Waldgebietes die möglichen Szenarien und deren mittel- und langfristige Auswirkungen in Stunden oder Minuten simulieren können, so können wir auch schnellere – und bessere- Entscheidungen treffen. Durchaus denkbar erscheint auch, dass KI Szenarien vorschlägt, auf die noch kein Mensch gekommen ist.
Wahrscheinlich wird ein Kranker, der eine Herz-OP benötigt, in wenigen Jahren darauf bestehen, von einem (nachweislich fehlerfrei arbeitenden) Roboterchirurgen operiert zu werden, weil er andernfalls Angst hätte, an einen menschlichen Arzt zu geraten, der ihm am Ende einer personalmangelbedingten Doppelschicht laut gähnend den Brustkorb aufschneidet.
Seit Kasparov gezwungen war, Schachspiele gegen Computer aufzugeben, weil er schlicht nicht mehr gewinnen konnte, lernen wir, auch in anderen Bereichen neu zu denken. Die KI schafft Möglichkeiten, deren Potentiale zu ignorieren nicht nur nicht sinnvoll, sondern sogar verantwortungslos wäre.

Klar (will sagen: aus meiner Sicht unstrittig) ist, dass KI uns bei al diesen technischen Themen überlegen ist, bei allen Vorausberechnungen / Simulationen.

OK, kommen wir zurück auf Peter Weibels ZKM, das ja als Zentrum für Kunst und Medien in all diesen Themenfeldern über sehr hohe wissenschaftliche Expertise verfügt.
Hier finden wir offenbar eine Fraktion, die der KI künstlerische Schaffenskraft zuzubilligen geneigt ist: Derzeit zeigt das ZKM in Karlsruhe, im Foyer der EnBW (Kooperationspartner des ZKM) eine Reihe von NFTs (Non Fungible Tokens) aus der ZKM-Sammlung: Was NFT bedeutet und wie solche Werke aussehen, bitten wir Sie, dem nachfolgend verlinkten zu entnehmen; auch einige der Arbeiten finden Sie hier im kunstportal-bw: [ noch bis 01.02.2026 | The Story That Has Just Begun. Die NFT-Sammlung des ZKM | Ort: Foyer der EnBW-Konzernzentrale ] | Bilder der Ausstellung

Im Pressetext ist die Rede ist von einer neuen Kunstrichtung, was natürlich streibar ist. Sicher aber ist schon ein neues Segment des Kunstmarktes entstanden: Obwohl die ersten NFTs schon 2014 entstanden, nahm die breite Öffentlichkeit erst 2021 Notiz von dieser neuen Kunstrichtung, als solche digital zertifizierten Bilder für mehrere Millionen Dollar versteigert wurden.

Bild links: Plüsch, einer vom Team
© ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Foto: Andy Koch

Technologiekritischer und hochinnovativ arbeitet das ZKM-Hertzlab, wo sich seit 30.11. eine Gruppe von Roboter-Meerschweinchen im ersten elektronischen Streichelzoo tummeln und zum Spielen einladen:
30.11.2025 – 01.08.2026 | Ist das lebendig oder tut es nur so? Der erste Elektronische Streichelzoo am ZKM | Karlsruhe:

Die erwartungsgemäß(„ach sind die“) süss aussehenden kuscheligen Roboter-Tiere haben jeweils eigene Namen, die KI verleiht ihnen auch ganz individuelle Charaktereigenschaften, die der Spielende dann kennen lernt.

Spätestens hier kommen Zweifel auf: sind Robotermeerschweinchen, die Papi einfach in die Restmülltonne wirft (oder politisch korrekt zum Wertstoffhof bringt), wenn mal eines kaputt ist, ein geeignetes Kinderspielzeug, sind sie ein Ersatz für ein real lebendes Meerschweinchen?
Spontan sage ich dazu: nein, das sind sie nicht.

Wenn wir erlauben, dass die Grenze zwischen technischen Spielzeugen und beseelten Lebewesen verwischt wird, und letztendlich dann unweigerlich aus unserem Bewußtsein verschwindet, dann geben wir etwas Unwiderbringliches auf: unser Menschsein, vielleicht unsere Seele.

Zwar war schon zu lesen, dass Menschen oder ganze Familien ihren Haushalts-Roboter Alexa ins Herz geschlossen haben, was ich bedenklich finde: nicht irgendwie unmoralisch oder so, aber ein wenig blöd halt schon. Auch habe ich nichts dagegen, dass Kinder mit elektronischen Spielzeugen (auch mit lebensecht wirkenden Tier-Simulanten) spielen, doch sollten sie dabei unbedingt wissen, dass es Roboter sind.
Auch erscheint mir durchaus hilfreich und vertretbar, dass die (aufgrund unserer Bevölkerungsentwicklung) immer öfter alleine und einsam lebenden älteren Menschen eine elektronische Hauskatze haben oder auch, warum nicht, einen persönlichen KI-Avatar als Gesprächspartner.

Endlich zur Kunst:
Ähnlich wie bei den elektronischen Spielzeugen erscheint es mir ganz entscheidend zu sein, dass wir wissen, was der Fall ist; dabei erscheint mir der Begriff Simulation als ein zentrales Unterscheidungskriterium.

Zweifellos kann KI (so ziemlich viele, genau gedacht: wohl unendlich viele) Kunstwerke, Bilder schaffen, die es so noch nicht gab und die jeweils – tatsächlich einzigartig sind. Interessante Schlagzeilen zum Thema finden wir immer öfter: nur zwei Beispiele:
Ein mittels künstlicher Intelligenz (KI) geschaffenes Kunstwerk belegte den ersten Platz auf einer State Fair in den Vereinigten Staaten. Quelle: Künstliche Intelligenz gewinnt Kunstwettbewerb


Bild oben: Alan Turing; ©: Reuters / EPA

Das Porträt des britischen Mathematikers Alan Turing ist bei einer Auktion des Londoner Auktionshauses Sotheby´s für 1,2 Millionen Euro versteigert worden. Das über zwei Meter große Werk wurde von dem KI-Roboter „Ai-Da“ gemalt. Quelle FAZ

Obwohl vielleicht die meisten von uns (mich selbst eingeschlossen) hier ein interessantes Kunstwerk erkennen: Es ist dennoch eine Simulation.
So schreibt Karin Lingl, die Geschäftsführerin der Stiftung Kunstfonds:
Quelle SWR-Online auf der Website KI und Bildende Kunst:
KI ist retro, denn sie guckt, was existiert und kann keine neuen Impulse aufbringen. Alle ihre Ergebnisse sind aus bereits Bestehendem generiert.

Was auf den ersten Blick voreingenommen (die alten technikfeindlichen Starrköpfe; s.o.) klingen könnte erscheint mir evident:
Das de facto wohl (im engeren Sinne) einzigartige Bild enthält nichts wirklich Neues, keine Inspiration, keine künstlerische Reflexion, sondern ist eben nur durch Algorithmen erzeugt – aus vorhandenem Material.

Endlich mal en Musikvdeo: | Die wahrhaft avantgardistischen Musiker der Band Kraftwerk – haben dialektisch brillant – aus der „Simulation in Gegenrichtung“ (Menschen simulieren Roboter) eine ganz eigene Ästhetik geschaffen: Nach fast 50 Jahren noch immer zukunftsweiseden: Kraftwerk – Wir Sind die Roboter. (1978)

Zwar haben wir inzwischen gelernt, dass KI-Programme selbstlernende Systeme sind, die in der Lage sind, innerhalb der gestellten Aufgabe (sagen wir: die geographisch exakte Erfassungen ganzer Kontinente auf der Basis von Satellitendaten) neue, bessere Algorithmen zu generieren, mit denen diese Aufgabe dann noch besser (schneller, genauer) bewältigt werden kann. Das bedeutet, dass auch der Programmierer des „Anfangsalgorithmus“ nachher nicht weiß, was genau das Programm gerade wirklich tut. Dennoch bleibt dies ein in sich geschlossenes System – aus Algorithmen.
Denkbar wahrscheinlich, dass eine KI, die vielleicht ein Raumschiff steuert (unvergessen, unvergesslich: Kubricks‘ 2001 – Odysee im Weltraum) nach ein paar Jahrzehnten galaktischer Reise und nach etlichen Selbstoptimierungszyklen mit einer Software arbeitet, deren aktuelle Funktionsweise kein Mensch versteht und deren Ursprung gar nicht mehr rekonstruiert werden kann. Das Raumschiff bereiste dann Welten, die kein Mensch jemals gesehen hat. „Faszinierend“ würde Commander Spock staubtrocken bemerken.

Als einer der o.g. Rückwärtsgewandten fällt mir dazu natürlich David Bowie ein:
Space Oddity. (1969! unbelievable, but: Planet Earth is blue and there’s nothing I can do.

Heureka!! Ich gebe es zu: je länger ich mich mit diesen Gedanken befasse, desto unsicherer werde ich:
Vielleicht sollten / vielleicht werden wir schon bald ein solches komplexes, wesentlich mathematisches Modell, das aus ineinandergreifenden, sich selbst jeweils weiterentwickelnden Algorithmen bestünde, als Kunstwerk im Rahmen eines (mal wieder) erweiterten Kunstbegriffs subsummieren:
Mathematische Modelle als abstrakte, absolut körperlose Skulptur?

Ich bin selbst noch nicht soweit, noch nicht bereit, Kunst ohne menschliche Phantasie, ohne reflektierendes und freies Subjekt und ohne Imagination, wie wir sie bisher verstanden haben, denken zu können. Mein Altersstarrsinn ist recht wehrhaft.

Kommen wir ein letztes Mal zurück auf Peter Weibel, der bekannt war für seine wahrhaft radikale Offenheit neuen Gedanken gegenüber. Und Weibel hatte ja, neben Kunst und Philosophie, nicht zuletzt auch Mathematik studiert.
Womöglich finden wir hier die von ihm antizipierte Verbindung von Wissenschaft und Kunst:
Mit „Klarerweise …“ würde bestimmt der (nachfolgend dann ausufernd verschwurbelte) Satz beginnen, mit dem er uns diesen Zusammenhang erklären würde.

Bild oben: Peter Weibel in seinem Büro im ZKM; © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe
Foto: ARTIS Uli Deck, 2022

Und wer weiß, vielleicht hat er tatsächlich (auch) schon in diese Richtung gedacht, als er schrieb:
»Die Aufgabe der Kunst besteht darin, Türen zu öffnen, wo sie keiner sieht.« (Peter Weibel)

Jürgen Linde am Sonntag, 07.12.2025