Kunstausflüge mit Sigrid Balke | Neues Kunstmuseum Tübingen | Interview mit Bernhard Feil

Bild oben: das Neue Kunstmuseum in Tübingen; © Foto: Neues Kunstmuseum Tübingen
Im März 2025 eröffnete das Neue Kunstmuseum in Tübingen mit der Ausstellung Udo Lindenberg: Panik in Tübingen – 30 Jahre Malerei. Eine populäre, gut besuchte Ausstellung mit der das Museum die Richtung vorgab. Kunst nicht als Hochkultur, sondern Kunst, die alle Menschen erreicht und den Fans auch von anderen Genres bekannt ist. Wie geht es weiter? Ein Grund nach einem Jahr bei Bernhard Feil, einem der geschäftsführenden Inhaber, nachzufragen.

Unkompliziert, spontan, offen – beim kurzen Telefonkontakt zur Vereinbarung eines Gesprächstermins fassen diese drei Begriffe den ersten Eindruck von Bernhard Feil prägnant zusammen. Treffpunkt ist das Museum, das an diesem Donnerstagvormittag gut besucht ist. Die persönliche Begegnung bestätigt die Einschätzung und beim Gespräch zeigt sich der 61jährige Bernhard Feil als sympathischer, kunstbegeisterter Geschäftsmann, der dem Thema Kunst neue Räume öffnet. Das ist in zweierlei Hinsicht durchaus wörtlich zu verstehen – zum einen das von ihm privat mitfinanzierte Neue Kunstmuseum Tübingen mit einer offenen, aus seiner Sicht geradezu sakralen Architektur. Ein Mittel – und zwei Seitenschiffe, eine Galerie, sowie flexible Wandmodule die den Parcours der Ausstellungen vorgeben, verbinden sich mit funktionaler Industriearchitektur zu einem transparenten Ausstellungsraum. Zum anderen ist es das Kulturkonzept, das mit dem Begriff Museum nur unzureichend beschrieben ist. Feil verweist auf das ZKM, das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe. Mit einem vergleichbar umfassenden Vermittlungsanspruch bietet auch das NKT Raum für Konzerte, Vorträge, Diskussionsrunden und Lesungen und verfügt über einen Videoprojektionsraum und eine Bibliothek.

Bernhard Feil ist durch und durch Geschäftsmann, gründete seine erste Firma bereits mit 16 Jahren und war lange Jahre in der IT-Branche erfolgreich. Parallel dazu entwickelte sich seine Leidenschaft für Kunst. Das Geld von seinen ersten Aufträgen investierte er in Bilder von Hundertwasser und ein Werk von Keith Haring. 2005 machte er seine Kunstaffinität zum Beruf, gründete die Art28 GmbH &Co.KG eine Galerie mit Verlag, die heute 200 Galerien und die Kunstgalerien der AIDA Kreuzschiff-Flotte beliefert. Als Großhändler für Kunst war es für ihn die logische Konsequenz mit einem Museum direkt den Endverbraucher zu erreichen – als Museumsbesucher und als Kunstsammler. Nicht nur dieser Satz erklärt die Preisschilder an den ausgestellten Bildern im Artshop des Museums. Für Bernhard Feil nicht ungewöhnlich. Er wollte einen Ort für lebendigen Austausch schaffen, aber er denkt Kunst durchaus wirtschaftlich.

Sigrid Balke: Wie geht es also weiter?
Bernhard Feil: Kunst wird häufig als Hochkultur verstanden und mit dem Nimbus einer vermeintlichen Zweckfreiheit umgeben. Sie wirtschaftlich zu denken gilt nach wie vor als Tabu. Das halte ich für bigott. Ganz nach dem Konzept des MoMA gehört Merchandising für mich dazu. Das NKT beschäftigt 20 Mitarbeiter, es umfasst 2000 Quadratmeter, davon 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Monatlich entstehen Betriebskosten in Höhe von 150.000 Euro. Das muss finanziert sein. Wir spielen nicht in der Liga, die freien Eintritt ermöglichen kann. Lange Jahre haben wir Ausstellungen in Messe- und Veranstaltungshallen gezeigt. Irgendwann war es zu viel Aufwand, erforderte zu viel Manpower.

SB: Das neu im Namen Neues Kunstmuseum Tübingen steht weniger für neu als vielmehr für anders. Anders war schon die Eröffnungsausstellung mit Udo Lindenberg, den viele Fans zuvor eher als Sänger kannten. Sie kamen ins Museum und haben die andere Seite des Künstlers kennen gelernt. Das ist wohl das, was man als niederschwelligen Zugang bezeichnet.
BF: Genau, und das ist doch okay. Wer dabei entdeckt hat, dass Kunst Spaß macht, dass es ein wunderbares Erlebnis ist ein Museum zu besuchen, der überrascht ist von der Bandbreite der Künstler, die sie noch nie so präsentiert sahen, wird wiederkommen und auch in andere Museen gehen.

SB: Noch bis zum 22.Februar zeigt das NKT die Ausstellung „Home away from Home“ des New Yorker Künstlers James Rizzi, mit dem Sie bis zu seinem Tod befreundet waren. Eine sehr umfassende und hervorragend kuratierte Ausstellung die jetzt auch verlängert wurde.

BF: Ja, es war mir ein Anliegen, James Rizzi entsprechend zu würdigen und seinen Bildern entsprechenden Raum zu geben. Er war ein großartiger Mensch und Künstler. Das Mobiliar aus seinem Atelier in Soho zu übernehmen und hier im Museum dauerhaft in Szene setzen zu können, hat für mich eine besondere Bedeutung.

SB: Nach der Eröffnungsausstellung und den Ausstellungen mit Bildern von Peter Gaymann und Anne Geddes ist es bereits die vierte Ausstellung mit einem Künstler, der auch einem breiten, nicht kunstaffinen Publikum bekannt ist.
BF: Und die Resonanz ist wunderbar! Wer James Rizzi bis jetzt nicht kannte, ist begeistert von den Farben, den liebevollen Details seiner Bilder, der Lebensfreude die sie ausstrahlen. Kindergartenkinder und Schulklassen sind jeden Tag bei uns und sind begeistert. Es wird auch weiterhin jedes Jahr eine Familienausstellung geben. Janosch zum 95 Geburtstag wird die nächste sein. Außerdem eine Soloausstellung mit Werken von Elvira Bach und eine Fotoausstellung. Im Kabinett zeigen wir regelmäßig junge Nachwuchskünstler – unentgeltlich.

SB: Sehen Sie sich als Kunstmäzen?
BF: Nein, das bin ich nicht, aber ich bin eine Art Philanthrop. Die jungen Künstler sind eine gute Möglichkeit über den Tellerrand zu schauen.

SB: Was werden die nächsten Ausstellungen sein?
BF: Wir zeigen Elvira Bach, eine sehr starke Frau und Künstlerin und eine Fotoausstellung mit ikonischen Fotografien von Steve McCurry. Das Niveau der Ausstellungen ist etwas anspruchsvoller. Das wird immer wieder unterschiedlich sein.

SB: Gibt es einen Künstler den Sie unbedingt zeigen möchten?
BF: Mit Gottfried Helnwein würde ich einen Pfahl reinrammen, dass wäre meine Traumausstellung. Da haben wir noch Hausaufgaben zu machen.B: Mit wir meinen Sie das Museumsteam?

BF: Ja, es ist ein sehr junges Team mit guten Impulsen und Ideen. Außerdem ist einer meiner Söhne mit in der Leitung des Museums. Nur unter diesem Gesichtspunkt habe ich das Museum überhaupt gebaut. Er wird die Nachfolge übernehmen, wenn ich mich nach und nach zurückziehe. Ich werde weiterhin ein Macher bleiben und habe noch zu viele Ideen, die ich umsetzen möchte.

SB: Das wären?
BF: Immersive Ausstellungen sind ein Thema. Allerdings anders als die bekannten Videoprojektionen und nur in Verbindung mit realen Bildern. Das Thema Fotografie möchten wir stärken und es gibt noch viel Spielraum im Bereich Theater, Unterhaltung, Konzerte.

Die Ausstellungen Udo Lindenberg, wurde anschließend zum großen Teil in Oberhausen gezeigt. Anne Geddes soll nach Florenz weiterreisen. Janosch zieht dann in die Kunsthalle nach Rostock weiter. Diesen Austausch möchten wir intensivieren und Synergien entwickeln.

SB: Ihr Ziel sind 80.000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr. Die Messlatte liegt also hoch.
BF: Das ist zu schaffen. Unser Einzugsgebiet reicht von der Rhein-Neckar-Region bis an den Bodensee. Für die Stadt Tübingen sind kulturelle Einrichtungen ein positiver Standortfaktor und wir sind ein Teil davon. Ich halte nichts von Konkurrenzdenken, wir haben doch das gemeinsame Ziel für Kunst zu begeistern. Die Art und Weise kann durchaus unterschiedlich sein.

Danke für das angenehme und offene Gespräch.

© Text und Fotos: Sigrid Balke
© Fotos: | Neues Kunstmuseum Tübingen