Gleichzeitigkeit – Ideen und freie Assoziationen zur Kunst von Susanne Scholz
Bilder, Malerei, die uns auf Anhieb alle anspricht. Farbstark, bewegt und bewegend. Bilder, die uns an- und dann sogleich hineinziehen in den eigenen Raum, den sie schaffen. In ihrer oft farbgewaltigen, frappierenden Sinnlichkeit vermitteln uns Scholz’ Werke auf Anhieb Freunde – die Künstlerin zelebriert die Malerei als solche, wie wir dies heute nurmehr selten erleben!
Die Künstlerin beschreibt in einem ihrer Kataloge und auch auf ihrer Website selbst ihre Arbeit klar und bescheiden:
Meine Malerei nimmt Bezug auf die Realität des Lichtes auf Wasser. In gegenüberliegenden Spiegelungen werden bei entsprechendem Wetter Momentaufnahmen von Menschen, Pflanzen ,Gegenständen fotografisch aufgenommen.
Durch die Verzerrung von Wind und Strömung und Bewegung zeigen sich Konstellationen zwischen Gegenstand und Abstraktion, die zum einen mimetisch erkennbar sind, zum anderen bis ins Rätselhafte gehen.
Ausgesuchte Themen werden zunächst zeichnerisch, bzw. mit Farbstiften auf Papier umgesetzt,danach mit Rastermethode auf Leinwand übertragen. Die Farbgebung orientiert sichdabei ebenfalls an der tatsächlichen Sichtbarkeit im fotografierten Motiv.

Auf der dennoch – oder deshalb? – wieder nicht einfachen Suche nach einem Ansatzpunkt, um dieser Kunst näher zu kommen, beginne ich einfach bei den irritierenden Gegensätzen, mit denen diese Arbeiten uns anziehen und verwirren:
Bilder, die jeweils als Bild an der Wand oder im Katalog, sind zweifellos statisch, strahlen dennoch aber gleichzeitig Bewegung aus, bewegen uns, suggerieren Bewegung, haben diese zum Thema haben: Lichtspiegelungen im Wasser bilden den Arbeitsschwerpunkt, den Susanne Scholz für sich entdeckt hat und in immer neuen Werken weiter erforscht, weiter entwickelt.
Bewegung und damit auch die Zeit sind also die Perspektive, aus der heraus ich nun versuchen will, der Kunst der längst international präsenten Künstlerin aus Lauchheim näher zu kommen.
Die Künstlerin beschreibt in einem ihrer Kataloge und auch auf ihrer Website selbst ihre Arbeit klar und bescheiden:
Meine Malerei nimmt Bezug auf die Realität des Lichtes auf Wasser. In gegenüberliegenden Spiegelungen werden bei entsprechendem Wetter Momentaufnahmen von Menschen, Pflanzen ,Gegenständen fotografisch aufgenommen.
Durch die Verzerrung von Wind und Strömung und Bewegung zeigen sich Konstellationen
zwischen Gegenstand und Abstraktion, die zum einen mimetisch erkennbar sind,
zum anderen bis ins Rätselhafte gehen.
Ausgesuchte Themen werden zunächst zeichnerisch, bzw. mit Farbstiften auf Papier umgesetzt,danach mit Rastermethode auf Leinwand übertragen. Die Farbgebung orientiert sichdabei ebenfalls an der tatsächlichen Sichtbarkeit im fotografierten Motiv.
Die Künstlerin verweist also deutlich auf den Realitäts-Bezug ihrer Arbeiten. Wir alle haben gelernt, die Realität in – statischen – Bildern zu denken; wir kennen, wir können es wohl nicht anders. Besonders irritierend an den Bildern von Susanne Scholz is deshalb vielleicht, dass sie uns die Realiät in ständiger Bewegung zeigt, anders sichtbar macht?
Bewegung ohne Zeit können wir nicht denken. Zum Begriff Zeit widerum assoziieren wir schnell Vergänglichkeit: Während sich das Wasser ja als Element in einem ewigen Kreislauf befindet, erinnern uns unsere eigenen Spiegelbilder immer mehr an unsere Vergänglichkeit. Oscar Wilde bringt dies in seinem berühmten Bildnis des Dorian Gray auf den wunden Punkt.
Zur Vergänglichkeit hier ein schönes Gedicht des Karlruher Künstlers Hermann Weber:
“Nichts beim Namen nennen
nichts beschwören, es könnte vergehen
ein Hauch nur
noch Körper
noch Gestalt
und schon Erinnerung“
Hermann Weber, über viele Jahre Prof. für Kunst an der Kunsthochschule Burg Giebichstein, Halle, lebt heute wieder in seiner Heimatstadt Karlsruhe.

Bild oben: Uferlicht
Sehen wir uns sebst im Wasser gespiegelt, befinden sich die Spiegelbilder in Bewegung: auch das Wasser selbst ist in Bewegung (fliessend oder im Wind), und natürlich: auch das Licht ändert sich ständig.
Mit den Themen Licht und Wasser adressiert die Künstlerin zwei Grundvorausstezungen unserer Existenz, unsers Lebens. Ist auch dies ein Grund für die Faszination, die diese besondere Werkreihe auf uns ausübt?
Beim Stichwort Licht denke ich wieder einmal an Peter Weibel, Künstler und auch Wissenschaftler, der die Medientheorie wohl mehr als jeder andere geprägt und bereichert hat – durch seine radikal gedachten Überlegungen hierzu:
“Nicht nur, dass wir existieren, verdanken wir dem Licht, sondern auch alles, was wir wissen, wissen wir durch das Licht. Licht ist eine Botschaft des Universums, WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen können Botschafter des Lichtes sein.“ ZKM-Chef Peter Weibel im Februar 2018 auf dem Symposium „The Future of Light Art“.
Auch in ihrer Serie der Lichtspiegelungen im Wasser erleben wir die Künstlerin Susanne Scholz gleichzeitig als Forscherin, die diesen Fragen nicht theoretisch nachgeht, sondern ganz praktisch durch ihre Arbeiten,die sich ja auch verändern:

Bild links: Sag mir, was siehst Du gerade, Bruder Baum?
In vielen der Werke sind die gegenständliche Motive – im Wasser gespiegelt – noch deutlich erkennbar, doch das Wasser, als Bach oder Fluss oder vom Wind bewegt, erzeugt tändig neue Varianten, das Licht wechselt kontinuierlich und auch durch die Spiegelung selbst entstehen immer neue, wechselnde Eindrücke.
Während Wissenschaftler hier, neben den meßbaren Fakten (die Veränderung der Lichtstärke im Tagesverlauf etc.) die Subjektivität des einzelnen Betrachters und/ oder wahrnehmungsphysiologische Faktoren zur Erklärung dieser Phänomene heranziehen, erscheint genauso nachvollziehbar, dies so zu erklären, dass hier eben einfach die unendliche Vielfalt der Schöpfung immer wieder neu sichtbar wird: jede Millisekunde unserer Wahrnehmung eines Bachs im Wald während der Dämmerung ist anders als die zuvor und die danach und behält doch ihre eigene Wahrheit.

Bild rechts: Lichtspiegelei 2
So entdecken wir eine große Bandbreite der Wasser-Spiegel-Arbeiten: Von Werken, in denen der gespiegelte Gegenstand noch klar erkennbar ist bishin zu Bildern, die wir eher wahrnehmen als Farbspielereien, bei denen wir den Gegenstand bestenfalls erahnen können.
Hat sich die hier reine Malerei, die wir sehen, von ihrer Entstehung, von ihrer Thematik oder von ihrem Entstehungesprozeß emanzipiert?
Auf gewisse Weise bezieht die Künstlerin uns Betrachter dialektisch ein in den kreativen Prozeß: der Versuch, aus der (tatsächlichen oder vermeintlichen) Spiegelung den ursprünglich gespiegelten Gegenstand zu erkennen, erweist sich selbst als kreativer Prozeß?
Eingangs hatte ich Ihnen fast wilde Assoziationen versprochen und möchte versuchen, dem dem gerecht werden:
Wir alle haben gelernt, die Zeit linear (als in einer Richtung voranschreitend) zu denken: erst ist da ein Gegenstand, dann das Licht, das diesen im Wasser spiegelt und somit ein – sich ständig veränderndes Spiegelbild.
Was aber, wenn wir hier nur einem kollektiven Vorurteil unterlägen?
Mit dem Risiko, die eigenen Zurechnungsfähigkeit abgrundtief in Frage zu stellen: ist es nicht auch umgekehrt denkbar, dass der Gegenstand erst aus der Rekonstruktion von Lichtspiegelung und Farbe entsteht?
Nun ja, Nebenfach-Philosophen kommen manchmal auf verrückte Ideen.
Womöglich aber begeistert uns diese Malerei vor allem deshalb, weil sie für uns etwas sichtbar macht, das wir einerseits kennen, das wir jedoch noch lernen müssen zu sehen:
Stillstand und Bewegung befinden sich im Zustand der
Gleichzeitigkeit.
Jürgen Linde im April 2026