Ganz sicher kein Déja-Vue-Erlebnis, sondern ganz neue Werke zeigt mir der Künstler Rudi Weiss in seinem Atelier. Und doch bin ich mir sicher, „genau solche“ Arbeiten schon mehrfach gesehen zu haben. Ein besonderes Moment in der Bewegung zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion: ja, wir sind wieder in unserm bewährten, weiter spannenden Themenbereich: der Raum zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion bleibt faszinierend.

Bild oben: Rudi Weiss in seinem Atelier.
Rudi Weiss ist ein Künstler, der ebendiesen Bereich ja ebenfalls – als Künstler bespielt, durchmisst, durch seine Malerei gestaltet und dabei gleichsam wie ein Wissenschaftler, ein Forscher, zu erkunden scheint.

Bild oben: Rudi Weiss: Ohne Titel, 2026; 25 x 48 cm; Öl / LW
Und trotz der knappen Zeit für meinen Atelierbesuch bei Rudi Weiß in Aidlingen gelingt es mir (nein: ich kann es gar nicht vermeiden:) in einige der Bilder, die mir der Künstler zeigt, „kontemplativ zu versinken“. Die Werke, alle in Öl auf Leinwand, strahlen einerseits Bewegung aus, Unruhe, die aus der sichtbaren, aus der vermuteten Haptik, der Oberfläche der Werke resultiert, anderseits suggerieren sie, als gesamtes Bild betrachtet, eine kontemplative Ruhe. Die Bewegung der einzelnen filigranen Arbeitsschritte, die gewissermaßen ja raumgestaltende/skulpturale Bearbeitung der einzelnen Bildelemente geht über in eine Gesamtstruktur, in der die Bewegung noch sichtbar, aber eben auch dialektisch aufgehoben ist:
Ruhe und Bewegung sind identisch, sind gleichzeitig.

Bild rechts: Rudi Weiss: Frankfurt, 2023
145 x 100 cm; Öl / LW
Rudi Weiß ist schon seit 1980 freischaffender Künstler und die Liste seiner Ausstellungen und Beteiligungen ist entsprechend lang. Überall, landauf, landab war er schon dabei und so gibt es wahrscheinlich gar nicht so viele kunstbegeisterte Menschen im Ländle, die nicht schon diesem Künstler oder seinen Werken begegnet sind.
In Weiss’ grozügigem Atelier präsentiert er, neben einer Reihe ganz neuer, teils noch gar nicht fertiger Arbeiten, die ganze Bandbreite seiner Werke: von durchaus gegenständlichen Stadt- und Landschaftsbildern bis hin zu ganz abstrakten Werken.
Wieder einmal erweist sich die Erforschung der künstlerischen Ausdrucksmittel zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion als unerschöpflich. Schon wieder dasselbe? fragen Sie vielleicht?
Nein, angesichts der Arbeit von Rudi Weiß glaube ich, diesem weiterhin spannenden Thema einen ganz neuen Beobachtungsaspekt abgewinnen zu können.

Bild links: Rudi Weiss: Tiepo, 2023;
100 x 140 cm; Öl / LW
In den abstrakten Werken sehe ich zuerst eigentlich nur Strukturen – Muster in den Bildern, die einer bestimmten Rhythmik zu folgen scheinen.
Mit dem Stichwort Struktur kommen wir, naheliegenderweise zu dem Begriff des Strukturalismus, an den ich mich noch aus meinem Soziologie/Philosophie-Studium erinnere: kurz gefasst erinnere mich daran, den Strukturalismus in diesem Kontext zu begreifen als Erklärungsmodell etwa für politische/gesellschaftliche Entwicklungen.
Naheliegender erscheint mir stattdessen mal wieder eine Analogie zur Musik, die den Stukturalismus ja auch kennt (Stichwort „serielles Komponieren“). Die Strukturen, die wir bei Rudi Weiß erleben, verbinde ich intuitiv etwa mit der sehr konzentrierten, ein wenig sphärisch anmutenden Musik des amerikanischen Komponisten Steve Reich: die von Zeile zu Zeile sich immer nur ein wenig (in der Klanghöhe) verändernden Klangmuster erleben bestimmt viele wie ich als geheimnisvoll bildhaft.
Rudi Weiss, dessen Gemälde durchweg in Öl auf Leinwand gearbeitet sind, erklärt mir, wie wichtig das Auftragen der Farben und das Wiederabspachteln bei notwendigen Korrekturen für seine Bildfindung ist. Diese filigrane Detailarbeit führt dazu, dass in der Struktur etwa eines Stadtbildes die Abgrenzung zwischen Gebäuden und Straßen immer mehr verschwindet und aufgeht in einer letztlich fast durchgehenden Struktur, die dann das Ganze enthält – das Stadtbild auf einer abstrakteren Ebene – einer neuen Einheit, die auch das spezifische Licht, die Farben des Ausgangsbildes integriert.

Bild oben: Rudi Weiss: Garten, 2022; 65 x 85 cm ; Öl / LW
Die Stücke sind jedoch keine Hinführung zu einem bestimmten Thema, das sich dann wie eine Art Befreiung endlich und schon vom Hörer erwartet und dennoch schlagartig entfaltet, wie wir dies bei Miles Davis oder fast paradigmatisch beim Keith-Jarrett-Trio erleben: die Musiker, oder erst mal einer von ihnen, fängt einfach intuitiv an, die anderen steigen dann kommentierend, ergänzend ein. Im Trialog(?) entwickelt sich schließlich das Thema, das dann „rückblickend“ betrachtet, von Beginn an schon dagewesen zu sein scheint und nur befreit werden mußte.
Oft beginnt Rudi Weiss im Figürlichen – zum Beispiel bei Steinem in einem Garten. Durch die sich vielfach wiederholende Überarbeitung mit verschiedenen Spachteln entwickelt der Künstler die (dahinterliegende?) Gesamtstruktur aus Gegenstand, Licht und Farbe, die dann im fertigen Bild ihre synthetische Einheit oder Klarheit findet.
Die Analogie zwischen Musik und bildnerischer Arbeit wäre dann die dialektische Bewegung, die aus den vielen Teilen ein Ganzes re-konstruiert.
Rudi Weiss sieht sich deswegen weder als gegenständlicher noch als abstrakter Maler. Der Wunsch, eine gewisse Qualität, ja: Poesie in seinen Werken zu erreichen treibt ihn in seinem Schaffen voran. In beiden Formen steht die Malerei im Mittelpunkt. Beide Formen nähern sich dabei erstaunlich in ihrer Erscheinung an.
Immer noch ist er geprägt aus jungen Jahren, in denen er als Bergsteiger und, wie er – begeistert und begeisternd – erzählt, als „Extrem-Kletterer“, wobei er auch dank der landschaftlichen Impressionen zur Malerei fand. Doch erscheint heute in vielen seiner Arbeiten das Gegenständliche verschwunden?
In einem Textbeitrag zu „Rudi Weiss – Malerei 2010 – 2013“ schrieb der Galerist und Kunstexperte Jochen Höltje:
„Die ungegenständliche Malerei ist eine eigene Spielart der bildenden Künste, die anders geartet ist, als die gegenständliche Malerei. Sie ist reines Seherlebnis, das die Seele unmittelbar berührt, ja Poesie.„
(zitiert aus dem Katalog „Rudi Weiss“ 1980 – 2028; Hrsg. Kunstverein Eislingen; Seite 37
Da ich diese Sichtweise teile, möchte ich die die bildnerische Arbeit von Rudi Weiss beschreiben als eine
poetische Bewegung.
Jürgen Linde im Mai 2026