Ganz sicher kein Déja-Vue-Erlebnis, sondern ganz neue Werke zeigt mir der Künstler Rudi Weiß in seinem Atelier. Und doch bin ich mir sicher, „genau solche“ Arbeiten schon mehrfach gesehen zu haben. Ein besonderes Moment in der Bewegung zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion: ja, wir sind wieder in unserm bewährten, weiter spannenden Themenbereich: der Raum zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion bleibt faszinierend.

Bild oben: Rudi Weiß in seinem Atelier.
Rudi Weiß ist ein Künstler, der ebendiesen Bereich ja ebenfalls – als Künstler bespielt, durchmisst, durch seine Malerei gestaltet und dabei gleichsam wie ein Wissenschaftler, ein Forscher, zu erkunden scheint.

Und trotz der knappen Zeit für meinen Atelierbesuch bei Rudi Weiß in Aidlingen gelingt es mir (nein: ich kann es gar nicht vermeiden) in einige der Bilder, die mir der Künstler zeigt, „kontemplativ zu versinken“. Die Werke, alle in Öl auf Leinwand, strahlen einerseits Bewegung aus, Unruhe, die aus der sichtbaren, aus der vermuteten Haptik, der Oberfläche der Werke resultiert, anderseits suggerieren sie, als gesamtes Bild betrachtet, eine kontemplative Ruhe. Die Bewegung der einzelnen filigranen Arbeitsschritte, die gewissermaßen ja raumgestaltende/skulpturale Bearbeitung der einzelnen Bildelemente geht über in eine Gesamtstruktur, in der die Bewegung noch sichtbar, aber eben auch dialektisch aufgehoben ist:
Ruhe und Bewegung sind identisch, sind gleichzeitig.
Rudi Weiß ist schon seit 1980 freischaffender Künstler und die Liste seiner Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen ist entsprechend lang. Überall, landauf, landab war er schon dabei und so gibt es wahrscheinlich gar nicht so viele kunstbegeisterte Menschen im Ländle, die nicht schon diesem Künstler oder seinen Werken begegnet sind.
In Weiß’ grozügigem Atelier präsentiert er, neben einer Reihe ganz neuer, teils noch gar nicht fertigen Arbeiten, die ganze Bandbreite seiner Werke: von Aktbildern (oftmals Radierungen) über durchaus gegenständliche Stadt- und Landschaftsbilder bis hin zu abstrakten Werken, die nurmehr in ihrer je spezifischen Farbigkeit an den gegenständlichen Hintergrund erinnern. Unklar bleibt uns Betrachtern, ob es diesen überhaupt gab.
Wieder einmal erweist sich die Erforschung der künstlerischen Ausdrucksmittel zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion als unerschöpflich. Schon wieder dasselbe? fragen Sie vielleicht?
Nein, angesichts der Arbeit von Rudi Weiß glaube ich, diesem weiterhin spannenden Thema einen ganz neuen Beobachtungsaspekt abgewinnen zu können.

In den abstrakten Werken sehe ich zuerst eigentlich nur Strukturen – Muster in den Bildern, die einer bestimmten Rhythmik zu folgen scheinen.
Mit dem Stichwort Struktur kommen wir, naheliegenderweise zu dem Begriff des Strukturalismus, an den ich mich noch aus meinem Soziologie/Philosophie-Studium erinnere: kurz gefasst erinnere mich daran, den Strukturalismus in diesem Kontext zu begreifen als Erklärungsmodell etwa für politische/gesellschaftliche Entwicklungen.
Nja, lange ist es her und nicht mehr präsent genug.
Naheliegend erscheint mir stattdessen mal wieder eine Analogie zur Musik, die den Stukturalismus ja auch kennt (Stichwort „serielles Komponieren“). Die Strukturen, die wir bei Rudi Weiß erleben, verbinde ich intuitiv etwa mit der sehr konzentrierten, ein wenig sphärisch anmutenden Musik des amerikanischen Komponisten Steve Reich: die von Zeile zu Zeile sich immer nur ein wenig (in der Klanghöhe) verändernden Klangmuster erleben bestimmt viele wie ich als geheimnisvoll bildhaft.
Rudi Weiß, dessen Gemälde durchweg in Öl auf Leinwand gearbeitet sind, erklärt mir, wie wichtig das Auftragen der Farbe und das anschließende Wiederabspachteln in oft nur leicht veränderter Form für seine Bildfindung ist. Diese filigrane Detailarbeit führt dazu, dass in der Struktur etwa eines Stadtbildes die Abgrenzung zwischen Gebäuden und Straßen immer mehr verschwindet und aufgeht in einer letztlich fast durchgehenden Struktur, die dann das Ganze enthält – das Stadtbild auf einer abstrakteren Ebene – einer neuen Einheit, die auch das spezifische Licht, die Farben des Ausgangsbildes integriert.

Die Stücke sind jedoch keine Hinführung zu einem bestimmten Thema, das sich dann wie eine Art Befreiung endlich und schon vom Hörer erwartet und dennoch schlagartig entfaltet, wie wir dies bei Miles Davis oder fast paradigmatisch beim Keith-Jarrett-Trio erleben: die Musiker, oder erst mal einer von ihnen, fängt einfach intuitiv an, die anderen steigen dann kommentierend, ergänzend ein. Im Trialog(?) entwickelt sich schließlich das Thema, das dann „rückblickend“ betrachtet, von Beginn an schon dagewesen zu sein scheint und nur befreit werden mußte.
Nur scheinbar in Gegenrichtung arbeitend beginnt Rudi Weiß im Figürlichen – etwa ein Dorf in einer Landschaft. Durch die sich vielfach wiederholende Überarbeitung mit Pinsel und Spachtel entwickelt der Künstler die (dahinterliegende?) Gesamtstruktur aus Gegenstand, Licht und Farbe, die dann im fertigen Bild ihre synthetische Einheit oder Klarheit findet.
Die Analogie zwischen Musik und bildnerischer Arbeit wäre dann eine dialektische Bewegung, die aus den vielen Teilen ein Ganzes re-konstruiert
Rudi Wess sieht sich weiterhin nicht als „abstrakten“ Maler, da er ja fast immer im Gegenständlichen beginnt. Seine Malerie ist insofern keine „reine Malerei“. Doch erscheint in vielen seiner Werke das Gegenständliche verschwunden, überwunden?
In einem Textbeitrag zu „Rudi Weiss – Malerei 2010 – 2013“ schrieb der Galerist und Kunstexperte Jochen Höltje:
„Die ungegenständliche Malerei ist eine eigene Spielart der bilde3nden Künste, die anders geartet ist, als die gegenständliche Malerei. Sie ist reines Seherlebnis, das die Seele unmittelbar berührt, ja Poesie.„
(zitiert aus dem Katalog „Rudi Weiss“ 1980 – 2028; Hrsg. Kunstverein Eislingen; Seite 37
Da ich diese Sichtweise teile, möchte ich die die bildnerische Arbeit von Rudi Weiss beschreiben als eine
poetische Bewegung.
Jürgen Linde im Mai 2026