Kunstausflüge mit Sigrid Balke | Ausstellung der Kunsthalle Weishaupt in Ulm: 02.05. – 08.11.2026 | Wenn Farben Formen finden. Werke aus der Sammlung

Wenn Farben Formen finden

In einer Sammlung hochkarätiger Werke die „Paradestücke“ zu finden scheint nahezu unmöglich. In der Kunsthalle Weishaupt haben zwei Kuratorinnen mit dem Blick für Gegensätzliches und Verbindendes, mit Mut zum Freiraum und einigen, bisher nicht gezeigten Werken und weniger bekannten Künstlern eine Ausstellung zusammengestellt, der genau das gelingt. Nichts spektakuläres, keine der ganz großen Namen, aber sie ist eine Einladung, das Zusammenspiel von Farben und Formen neu zu entdecken.



„Wenn Farben Formen finden, ist eine auf meinen Vater gestrickte Ausstellung“, so Kathrin Weishaupt-Theopold, Leiterin der Kunsthalle und zusammen mit Luisa Schneider federführend bei der Auswahl und Hängung der Werke. „Abgesehen von wenigen Ausnahmen steht die Sammlung Weishaupt für Konkrete Kunst in ihrer gesamten Breite. Die Künstler arbeiten abstrakt und gegenstandslos um die Abhängigkeit und das Zusammenspiel von Farbe und Form eindrucksvoll erfahrbar zu machen“. Einige der Werke sind mit Erinnerungen des Sammlerehepaares Jutta und Siegfried Weishaupt verknüpft, und haben ihre eigene Geschichte, dazu kommen ein paar Neuerwerbungen der letzten Jahre. Ausgangspunkt und zentrales Thema der Ausstellung ist ein Mappenwerk von Josef Albers aus dem Jahr 1963 – The Interaction of Color. Einmal ein frühes Geschenk an den Sammler von seiner Frau Jutta in der Originalsprache englisch, einmal ein Erwerb von Siegfried Weishaupt in deutscher Übersetzung. Worte sind darin jedoch nebensächlich, geht es dem Kunstpädagogen Albers bei seinem Meisterwerk der Farblehre doch um Farbe als „relativster Bestandteil eines Werkes“ und um die eigene Erfahrung. Die Reproduktion zum Anfassen macht Ausprobieren möglich. Für Albers war Farbe abhängig vom Kontext, und so experimentierte er mit Farben und Hintergründen, der Kombination verschiedener Farben, Kontrasten, der Wirkung unterschiedlicher Nuancen und ihren Stimmungen. Der Künstler sieht Parallelen zur Musik, bei der erst das Zusammenspiel Neues ergibt und zieht das Fazit: Es gibt nicht die eine Lösung. Ausgerüstet mit dieser „Sehhilfe“ ist die Ausstellung ein geradezu spielerischer Kunstausflug in die Welt der Farben im Kontext zu Formen, Materialität, Medium und der künstlerischen Position. Und auch OP-Art, die immer wieder faszinierende optische Täuschung durch Farbe und Form, ist in der Ausstellung vertreten. Nicht zuletzt durch Victor Vasarely, einem bekannten Vertreter der Trompe-l’œil, der Kunst der Illusionen des Raums. Als Erinnerung an die Eröffnung der Fondation Vasarely im französischen Ort Gordes 1966 fügte das Sammlerehepaar ihrer Sammlung das Mappenwerk Gordes hinzu – der Weg Vasarelys von der konkreten Wahrnehmung der Realität in die Abstraktion. Gut nachvollziehbaren führen die Arbeiten Vasarelys in den offenen Bereich im ersten Stock. Werke von Katja Strunz, Charles B. Hinman, Max Bil, Francisco Sobrino und Frank Stella und einem Selfie-Point in OP-Art-Optik setzen die unkomplizierte Entdeckung von Form und Farbe aus dem Lehrwerk von Albers in eine spannende „Sehschulung“ um.

Das zweite Obergeschoss der Kunsthalle ist für die Papierarbeiten, Radierungen und Lithografien zu hell, setzt die farbintensiven Werke von Künstlern wie Georg Karl Pfahler, Rupprecht Geiger, Gerold Miller, Ruth Root, Beat Zoderer, Liam Gillick, Ulrich Erben, Lothar Quinte und Imi Knoebel aber perfekt in Szene. Allen gemeinsam ist eine handwerkliche Perfektion als Voraussetzung für eine nachvollziehbare Farb-Form-Wirkung. Karl Gerstners Hommage an Otto Runges romantischen Bilderzyklus Morgen und Abend, Tag und Nacht zeigt darüber hinaus deutlich wie Künstler mit Farben Stimmungen erzeugen. „Wie eine Symphonie habe er die Bilder erarbeitet“ schrieb Runge damals – eine Herangehensweise, die der zeitgenössische Künstler Thomas Deyle fortsetzt. Ähnlich wie Runge schreibt Deyle für jedes seiner Werke eine „Partitur“. Mit diesen begleitenden Grafiken legt er sich und dem Betrachter Rechenschaft über den mathematisch-rationalen Teil der Bildgenese ab und verweist zugleich auf den gegenständlichen Ausgangspunkt einer gegenstandslosen Kunst. Gegenstände werden zur Inspiration von Farbkombinationen, während ihre Formen zum Ausgangsunkt eines Hell-Dunkel-Verlaufs innerhalb der gleichen Farbe werden. In seinen nahezu unwirklich erscheinenden, translucenten Bildern legt er bis zu tausend Schichten monochromer Farbe in unterschiedlicher Dichte und Intensität übereinander und erzeugt einen Eindruck flüchtiger Immaterialität. Aus der Farbfläche wird ein Farbraum von unendlich scheinender Tiefe. Seine Werke habe einen eigenen Bereich bekommen und gehören zweifellos zu den anfangs erwähnten Paradestücken!

Ausstellungsdauer: bis 8.November 2026

Am Rande noch der Hinweis, sich zum Abschluss des Ausstellungsbesuchs vielleicht noch in die Höhle des Löwen zu begeben und eine künstlerische Zeitspanne von 40.000 Jahren zu überspringen. Die Eiszeitfigur – ein Mischwesen zwischen Löwe und Mensch – hat ihren Auftritt während des Umbaus vom Museum Ulm im 1. Obergeschoss der Kunsthalle.

© Text und Fotos: Sigrid Balke