Einfach nur direkt – über franz E. hermann

Aktuelle Ausstellungen d Projekte von franz E hermann

E-Mail: franz-E-hermann@web.de
Internet: www.franz-e-hermann.de

Einfach nur direkt – über franz E. hermann
franz E hermanns Kunst habe ich durch einen Katalog des Künstlers kennengelernt. Auf Anhieb bin ich ziemlich begeistert – zu meiner eigenen Verblüffung: Hermann, der fast so furchtbar schnell sprechen kann wie ich, hat viel zu erzählen über seine Person und seine Arbeit und noch viel mehr durch seine Kunst.

franz E hermann: ta.bu.3/31, 2006,
acryl auf fotograrfie, ca 21x21cm
BIG (68 K) auf Klick

Seit ich mich mit Kunst befasse, wächst meine Tendenz in Richtung minimalistischer, reduzierter Kunst – doch franz E hermann scheint genau das Gegenteil zu tun, indem er einfach – etwa mit einem Foto beginnt– und dann die Komplexität erhöht – er ergänzt, kombiniert, erweitert und vermischt, er erzählt und interpretiert und läßt doch dem Betrachter jede Freiheit.

franz E hermann: ta.bu.3/31, 2006; Acryl auf Fotografie, ca 21 x 21cm
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Fotografie ist sicher ein Schwerpunkt seiner künstlerischen Arbeit, doch sieht er sich nicht als Fotograf. Arbeitstechniken, Medien und Werkzeuge werden von Fall zu Fall neu kombiniert. Der Künstler denkt vom Ergebnis her: “Mit welchen Mitteln kann ich dieses erreichen?“

Ausgangspunkt seiner Werke sind oft Fund- und Versatzstücke, wobei es sich um ganz greifbare Gegenstände handeln kann, etwa einen Gipshund , einen Schädelknochen, oder eher abstrakte Dinge: er fotografiert oft Strukturen… etwa die verwitterte Oberfläche einer Mauer,verkohlte Holzbalken oder das Muster eines Teppichs…

Im letzten halben Jahr hat er die praktischen Vorteile der digitalen Welt schätzen gelernt und so archiviert er, parallel zu seinem unerschöpflichen „analogen“ Dia-Fundus , Fundstücke jetzt oft „digital“auf seinem Rechner, bis – etwa angesichts eines neuen Fundstückes, die Zeit gekommen ist, ein bestimmtes Bild, einen Strukturhintergrund oder was auch immer aus dem Archiv zu holen ,..ggf zu überarbeiten und in einem neuen Werk zur Verwendung zu bringen.

Franz Hermann

franz E hermann | © Foto: Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Aus der Kombination verschiedener einzelner Bilder und sonstiger Elemente, Übermalungen, Collagieren,Applizieren…, entsteht für ihn -und uns- etwas ganz Neues. Dabei ist ein Teil seiner Motivation auch,sich selbst zu überraschen.

Ein Foto…ist Abbild…ist Ausgangspunkt einer Arbeit.Für sich alleine nicht ausreichend… für franz E hermann noch längst nicht fertig, er muß daran und damit arbeiten, bis die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit sichtbar oder wenigstens erahnbar wird, aus der das Foto alleine nur eine einzige Dimension zu erfassen vermag.

Auf seinem Rechner zeigt er mir, wie alleine schon der Austausch einzelner scheinbar unbedeutender Bildelemente unseren Eindruck von diesem Bild ganz grundsätzlich verändert.

franz E hermann: .ohne titel a/t (ausschnitt)2007; fotoarbeit, ca50x75cm | © Foto: Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Das Werk schließlich ist fertig, wenn es die Vielschichtigkeit der Welt aus diesem Blick oder aus dieser Situation angemessen widerspiegelt.
Dass andere BetrachterInnen jeweils etwas ganz anderes erkennen oder assoziieren, ist dem Künstler wohl bewußt – und das ist auch völlig in Ordnung für ihn. Das hochkomplexe und narrative Werk läßt, so betrachtet, dem Künstler wie dem Betrachter eine viel größere Freiheit als die Werke der konkreten Kunst.

Ein Buch, das ich zufällig in diesen Tagen lese, scheint mir den Schlüssel zu liefern – meinen Zugang zu der Kunst von Franz Hermann: “Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier.

“Mitten im Unterricht steht der Berner Lateinlehrer Raimund Gregorius auf und geht. Aufgeschreckt vom plötzlichen Gefühl der verrinnenden Zeit, lässt er sein wohlgeordnetes Leben hinter sich und setzt sich in den Nachtzug nach Lissabon. Im Gepäck hat er das Buch des Portugiesen Amadeu de Prado, das ihm vom Zufall in die Hände gespielt wurde. Es unternimmt den Versuch, die vielen Erfahrungen eines menschlichen Lebens in Worte zu fassen: Erfahrungen von Einsamkeit, Endlichkeit und Tod, von Freundschaft, Liebe und Loyalität. (…)”
Doch was heißt das: einen anderen Menschen zu kennen, ein anderes Leben zu verstehen? Was bedeutet es für das Erkennen seiner selbst?

Pascal Mercier ist ein Pseudonym, unter dem der Philosophie-Professor Peter Bieri Romane schreibt. Implizit fragt er hier nach der Möglichkeit, eine Person: diese selbst, ihre Lebenswelt und all die komplexen Wechselwirkungen rekonstruieren zu können, nachempfinden zu können im eigenen Leben – oder in der Kunst.

franz E hermann stellt die analoge Frage angesichts einer einzigen (Bild-) situation, deren Komplexität und Vielschichtigkeit ja schon unerschöpflich scheint.

franz E hermann: ta.bu.2//31, 2006; acryl auf fotografie, ca 21 x 21cm
© Foto: Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Hermanns Thema ist die Vielschichtigkeit der Welt, die wir thematisieren können, wissend, daß wir ihrer niemals Herr werden. So wie der Fluß immer der gleiche und doch nie derselbe ist, ist jede Situation, jede Weltwahrnehmung immer einmalig.

Vielleicht stellen uns Leben und Kunst hier die gleiche Frage. Vielleicht stehen beide der Welt gegenüber in einer ganz ähnlichen Perspektive, in der wir uns jeweils als unzureichend empfinden, dem Ganzen nicht gewachsen und ihm doch tief verbunden, ein Teil davon.

franz E hermann arbeitet die Hälfte der Woche als Lehrer für schwerstbehinderte Schüler. So braucht er zwar die künstlerische Arbeit, ist aber auf deren kommerziellen Erfolg nicht zwingend angewiesen. Mit Freude erzählt mir franz E hermann auch von seiner Arbeit mit den schwerstbehinderten Menschen: Diese sind vielleicht (so glauben wir oder möchten wir glauben) auf eine Weise, die ich nur erahnen, aber nicht beschreiben kann, wahrscheinlich mehr bei sich, im Reinen mit ihrem Leben, als wir, die wir ständig urteilen und vergleichen und messen und sowieso nie zufrieden sind.

franz E hermann: armer hund, 2002; div. materilien, ca 35x35x35cm
© Foto: Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Wenn es uns gelingt, das eigene Unvermögen als notwendigen Teil unseres Lebens zu begreifen, zu akzeptieren, dann gewinnen wir damit Freiheit – für Kunst und Leben: Ein fast schon religiöser Gedanke. Bescheidenheit und Respekt angesichts der Schöpfung – Teil des Ganzen zu sein, ohne selbiges überschauen zu können.
Um dies zu zeigen, braucht es eine Kunst, die Komplexität aufbaut und sichtbar macht. Im Gespräch über die schwierigen und bestimmt auch sehr anstrengenden Kinder, mit denen Franz arbeitet, entfährt mir die Vokabel “authentisch“.
Vielleicht, sagt der Künstler, aber eigentlich sind sie

“einfach nur direkt”.
Jürgen Linde im März 2007