Gerold Bursian

Gerold Bursian, © Künstler

Gerold Bursian
Gerold Bursian wollte schon früh Maler werden; die Neigung war so klar, dass anderes gar nicht Betracht kam. Lediglich ein weiteres Talent, das zur pädagogischen Arbeit, schien dies zeitweilig gefährden zu können. Doch trotz allem Spaß an der lehrenden Tätigkeit gab er eine Stelle als Kunsterzieher wieder ab. Was heute zumindest sehr überraschend erscheint, war für Bursian in den siebziger Jahren eine “einfache“ Entscheidung.

Gerold Bursian: Tage der Freude | © Künstler, VG Bildkunst Bonn, 2020

Schließlich hat er nur die Stelle, nicht aber die lehrende Tätigkeit aufgegeben: neben den Kursen, die er jahrelang an der Volkshochschule gab, bietet er heute Unterricht in seinem Atelier an. Die Arbeit mit kleinen Gruppen, in der genügend Zeit bleibt, intensiv auf den Einzelnen einzugehen, macht ihm außerordentlich viel Spaß. Apropos Atelier: Bursian arbeitet in einem „Atelierhaus“ in der Stresemannstraße: geplant in den 60er Jahren, bietet dieses freundlich begrünte Haus in zwölf Ateliers Platz für künstlerisches Schaffen.

Gerold Bursian: Topographie | © Künstler, VG Bildkunst Bonn, 2020

Bei meinem Besuch dort sprechen wir kaum über Malerei, vielmehr geht das Gespräch in philosophische Richtung; vom (Zen-)Buddhismus bis zur Chaosforschung. In philosophische Fragestellungen münden auch die technisch-naturwissenschaftlichen Interessen Gerold Bursians und Teile seiner künstlerischen Arbeit.

Fragen nach Anfang und Ende, nach Raum und Zeit stehen als Orientierungspunkte am Horizont – ähnlich wie Kants “Idee der reinen Vernunft”, die – wenn gleich sie unerreichbar bleiben, uns doch Richtung und Orientierung geben könne und erleichtern, die richtigen Fragen zu formulieren: bei den aktuellen Arbeiten etwa, die ich selbst seit “Anahata” kenne, entwickelt sich eine Gitterstruktur aus zuerst vordergündiger Klarheit zu immer weniger Transparenz; die Strukturen treten aus dem Vordergrund zurück und bleiben doch erhalten: zwar ist die richtige Frage: was ist dahinter? Doch wird schnell klar, daß das, was wir entdecken, nicht eigentlich etwas Neues, etwas Überraschendes ist – sondern etwas, das wir kennen.
Selbstbegegnung erscheint mir als ein zentrales Thema Bursians, ein Begriff, der sein eigenes Arbeiten kennzeichnet, aber auch sein Angebot an den Betrachter; zwar ist es nicht der berühmte Spiegel, den er uns vorhält, denn im Spiegel erkennen wir bestenfalls unser Bild von uns – doch nie uns selbst.

Gerold Bursian: Tage des Wandels | © Künstler, VG Bildkunst Bonn, 2020

Gerold Bursian zeigt uns das komplexe Geflecht von Linien und Ebenen unseres Seins, einen tiefergehenden Spiegel. Und wenn er dieser Darstellung nun schon seit einigen Jahren treu bleibt, so bleibt er doch in Bewegung: nicht nur verändern sich die Ebenen in ihrem Verhältnis zueinander, sondern Bursian sucht intensiv nach ergänzenden Ausdrucksmitteln:

Seit einigen Jahren befasst sich Gerold Bursian mit elektronisch erzeugter Musik.
Aktuell arbeitet er daran, die Strukturen seiner Bilder via Scanner und einer speziellen Software in Klangräume umzusetzen.
Wer gehört hat, wie der Minimal-Musiker Steve Reich die Strukturen von Psalmen musikalisch umgesetzt hat, ahnt, daß es hier nicht um Spielerei geht, sondern vielleicht um etwas völlig Neues und Spannendes.
Insgesamt hat das Interesse an technischer Innovation eigentlich nichts Spielerisches, sondern ist Teil seiner Arbeit: Unvoreingenommenheit aber – auch eine Eigenschaft, die wir oft Kindern zuzuschreiben geneigt sind – ist eine seiner Stärken: er nutzt die Technik, prüft kritisch ihre Möglichkeiten, und er investiert auch manchmal viel Zeit.
Dadurch aber erweitert er seinen Handlungs- und Ausdrucksspielraum; er nutzt EDV als Werkzeug, sachgerecht und ohne Mystifizierung.

Gerold Bursian: Tage der Schatten | © Künstler, VG Bildkunst Bonn, 2020

Die Palette der Ausdrucksmittel wächst durch Künstler wie Bursian, dem es in keiner Weise darum geht, Eindruck“ zu machen. Gleichwohl machen Feinheit und Sensibilität der Bursianschen Ausdrucksmittel diese zu vielschichtigen Eindrucksmitteln – Bursians Arbeiten sind hochkommunikativ, wobei sich wie gesagt – der Kommunikationsprozeß zwischen dem Künstler und seinem Bild reproduziert in der Kommunikation zwischen Bild und Betrachter.

Kunst ist auch “Medienhandwerk”:
Minimal Music in der Luft – und durch Acrylwachs sichtbar- unsichtbare Strukturen.
Kunst für Auge und Ohr; Sinnlichkeit ist ein Attribut der Kunst Bursians, die fast nie ohne Humor und ein wenig Selbtstironie daherkommt.

Jürgen Linde, 1998