Sehen Sie selbst – über Gabriele Goerke

Gabriele Goerke im Internet:
www.gabrielegoerke.de/
E-Mail: goerke@kuenstlernetz.de

Nicht neu ist unser Thema (Gegenständlichkeit und Abstraktion), völlig neu aber ist diesmal die Herangehensweise der Künstlerin, der wir hier begegnen – Gabriele Goerke:

Denn Gabriele Goerke kommt von der Abstraktion und ist auf einem Wege, der sie der gegenständlichen Malerei näher bringt – tatsächlich erleben wir die aktuellen Arbeiten von Gabriele Goerke als Landschaftsmalerei.


Gabriele Goerke; © Foto: privat

Die Grundüberlegung ist, dass die Widersprüche zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, zwischen Kunst und Natur, womöglich vermeintliche Widersprüche sind.
Sehr erhellend und unbedingt empfehlenswert ist der Beitrag, den der Karlsruher Künstler und Kunstexperte Lothar Rumold für den Katalog von Gabriele Goerke geschrieben hat und der auf der Website der Künstlerin zu finden ist.

Journalistisch souverän läßt Lothar Rumold gleich auf den (anspruchvollen) Titel die Zusammenfassung des Ganzen folgen:

“Die Sehnsucht nach dem Nahen – Gabriele Goerkes Bildraum als Ort der ästhetischen Konvergenz von Kunst und Natur
“Die ästhetische Entfernung von der Natur bewegt auf diese sich hin; darüber hat der Idealismus sich nicht getäuscht.”
(Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie)”
.

Waldweg 50/50, Mischtechnik auf Papier | © Künstlerin, VG Bildkunst Bonn 2020

Hier etwa wandeln wir mit Gabriele Goerke genau auf dem Pfad zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit: einerseits sehen, erkennen wir Bäume, Landschaft, andererseits erleben wir auch eine Farbkomposition, die unabhängig vom Gegenstand “funktioniert”.

Nun sind wir ja hier in der Reihe der SWO-KünstlerInnenporträts schon länger auf diesem Überlegungspfad und so habe ich die – seit der Baron Guttenberg-Affäre besonders heikel gewordene – Aufgabe, Lothar Rumolds Text natürlich nicht zu übergehen, was mir gänzlich fernläge, und doch dessen Grundthema – plagiatfrei – aufzugreifen und unsere Überlegungen über Abstraktion und Gegenständlichkeit weiter zu entwickeln.

Wir alle kennen den Spruch “Kultur ist alles, was nicht Natur ist” und sehen gleich, dass dies so einfach eben nicht ist: Vielmehr behaupte ich spontan fast das Gegenteil: Kultur, und somit letztlich auch die abstrakteste Kunst, ist Teil der, ist Teil unserer Natur: wir kennen keine Zivilisation, kein Volk, übrigens auch kein “Naturvolk”, in welchem es keine Kultur gab oder gibt. Ganz im Gegenteil sind es ja oft Kult- oder Beerdingungstätten (etwa: die Pyramiden), die uns Aufschluß oder Ansatzpunkte geben, anhand derer wir uns das Leben früherer Zivilisationen vorzustellen versuchen.

Beerdigungsriten, Gottesvorstellungen, Opfer- und Gebetsrituale. – viele Stichworte, die uns zu diesem Thema einfallen, haben mit Religion zu tun und schon sind wir mitten in der Kultur und, mehr noch, auch mitten in der Kunst: Hegel, zu dessen wichtigsten Schülern zweifellos der oben zitierte Adorno zählt, sah Religion und Kunst gleichermassen als Teile der “absoluten Vernunft”.

Was in unserem modernen Sprachgebrauch für viele zuerst verblüffend klingen mag, ist dem Kunstfreund oft vertraut: in vielen Museen gibt es Gesprächsreihen, “Kunstgottesdienste” und andere Veranstaltungen, in denen etwa ein Kunstgeschichtler und ein Pfarrer über bestimmte Kunstwerke sprechen. Oft genug entstehen hier sehr fruchtbare Diskussionen, in welchen die enge Verbindung dieser beiden Sphären sichtbar wird.

Wolkenfeld 50/70, Mischtechnik auf Papier
© Künstlerin, VG Bildkunst Bonn 2020

Und so sind wir mit unserem laienphilosophischen Schnelldurchgang schon fast am Ende:
Hören wir den Begriff “gegenständliche Malerei”, so denken wir (na gut: auch an Obstschalen, Blumenvasen etc., aber) zuerst an Landschaftsmalerei, an die Natur also.

Hier im kunstportal-bw-Headquarter, dessen Wände reich mit Kunst bestückt sind, habe ich auch eine gedruckte Fotografie (so groß wie eine aufgeklappte Zeitungsdoppelseite). Zu sehen ist das Nilpferdbaby Gipoko in (seiner damaligen) Originalgröße. Es grinst mich sympathisch-frech von der Seite an und zeigt mir: sollte es einen (wie auch immer gedachten) Gott geben, der die Natur erschaffen hat, so wird dieser größte aller Künstler immer unerreicht bleiben.

Nun sehen wir dennoch ein Nilpferd nicht als Kunstwerk, entdecken aber immer wieder Verbindungen von der abstrakten Kunst zur Natur.

Erinnert uns dies an Felder eines van Gogh oder an die moderne Farbfeldmalerei – und dann: ist diese Frage überhaupt wichtig? Und mit ihrer aktuellen Arbeit zeigt uns Gabriele Goerke, dass die Landschaftsmalerei selbst dort, wo sie sehr anschaulich-verständlich ist, wiederum der Abstraktion sehr nahe sein kann.

Küstenwolke %0/70, Mischtechnik auf Papier | © Künstlerin, VG Bildkunst Bonn 2020

In beiden Fällen liegt es an uns, an den Betrachtern, den künstlerischen Prozeß duch das eigene Sehen zu vervollständigen; ich beende daher meinen Text mit einem Appell gegen Vorurteile und Faulheit:

Sehen Sie selbst!
Jürgen Linde, im Mai 2011