Raum und Identität – über Achim Zeman

Internet: www.achimzeman.de
E-Mail: info@achimzeman.de

Sturm, Wirbel, Urknall, Explosion – wilde Assoziationen erlebt, wer vor dieser Wand steht.
Vielfältig und gegensätzlich sind die ersten Eindrücke, die auf mich einstürzen, als ich Achim Zemans Kunst erstmals erleben kann: Die Ausstellung “Squares in Motion“ im Museum Ritter hat er – mit einem ganz besonderen Wandbild – nicht nur bereichert, sondern, so empfanden es bestimmt viele BesucherInnen, maßgeblich geprägt.

Brigitte Nowatzke-Kraft - Künstlerinnenporträt im Kunstportal Baden-Württemberg
Achim Zeman: Swirl, 2013 / 2018
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2019

Geboren in Stuttgart, Kunststudium in Berlin, seit den 90er Jahren in Köln lebend – Achim Zeman ist längst Weltbürger, der unter anderem in Toronto und anderen Metropolen mit seiner Kunst präsent ist und doch auch immer wieder auch mal in Baden-Württemberg auftaucht, wohin er noch familiäre Bindungen hat.

Brigitte Nowatzke-Kraft - Künstlerinnenporträt im Kunstportal Baden-Württemberg
Achim Zeman: Swirl, 2013 / 2018 (Ausschnitt)
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2019

Die Kunst von Achim Zeman ist nicht einfach zu beschreiben: der Swirl etwa, der in Waldenbuch zu bewundern war, gehört zu seinen “Wandbildern“. Doch was von weitem als Bild erscheinen mag, besteht näher betrachtet, aus etwa 800 Einzelteilen – Acrylglas, auf der Frontfläche und an den Rückseiten in unterschiedlicher Farbigkeit mit Acrylfarbe bemalt. 800 Teile – einzeln in Form gebracht und an jeweils 4 Seiten einzeln zurechtgeschliffen. Eine filigrane und umfassende Arbeit, die der Künstler mit meditativer Ruhe angeht. Manchmal hört er bei der Arbeit klassische Musik – Bach nennt er zuerst und tatsächlich passt ja diese Musik, mit ihren oft nur minimal variierenden Wiederholungen, gut zu der Kunst Zemans.

Achim Zeman: turbulent 6, 2015
Acrylfarbe, Acrylglas | 50 x 50 cm
© Künstler, VG Bildkunst Bonn 2019

Neben diesen Arbeiten, die Achim Zeman Wandbilder nennt, gibt es zwei weitere Werkgruppen:
“Bilder” – formal klassische zweidimensionale Tafelbilder, die “nur“ durch die oft plastisch oder gar organisch wirkenden Inhalte ähnlich raumgreifend erscheinen wie die Wandbilder

Und schließlich die Werkgruppe der “Projekte und Installationen”: hier gelingt es dem Künstler, ganze Räume – also Wände, Decke und Boden – vollständig zu einem neuen Raumerlebnis zu integrieren, das sehr irritierend, aber auch berauschend wirken kann.

Der Raum wird hier einerseits körperlich spürbar und scheint sich doch gleichzeitig aufzulösen. Freiheit in ihrem ursprünglichen Sinne wird hier bildhaft.

Achim Zeman: verquer | 2009 | Folie | Hotel Beethoven / moving locations e.V., Bonn | © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2019

Der Künstler legt dabei großen Wert darauf, bestimmte Elemente des vorgefundenen Raums sichtbar zu erhalten; er begreift seine künstlerische Umgestaltung als neue Struktur, die er “darüber legt”, wie eine zweite Haut oder eine Membran.

Ein schönes Beispiel ist “overall“: 1998 hat Zeman einen alten Bunker neu gestaltet – mit Flächen aus roter Flockfaser. Übrig vom vorherigen Zustand bleiben die grauen Flächen am Boden und die weißen Linien an den Wänden. Gemeinsam bilden diese nun ein Labyrinth.

Die BesucherInnen also bewegen sich auf dem ungewohnt weichen Flockfaser-Boden durch ein Labyrinth. Ein seltsames Gefühl, ein ganz anderes nie gekanntes Raum-Erleben.

Brigitte Nowatzke-Kraft - Künstlerinnenporträt im Kunstportal Baden-Württemberg
Achim Zeman: overall | 1998 | Flockfaser | Förderverein Aktuelle Kunst, Münster | © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2019

Achim Zeman: overall | 1998,
Flockfaser | Förderverein Aktuelle Kunst, Münster | © Künstler, VG Bildkunst Bonn 2019

Das wesentliche Element dieser Kunst sind für Achim Zeman daher die Menschen, die sich dann in diesem Raum bewegen und die vom Raum bewegt werden. Starke Eindrücke, oft sehr deutliche Reaktionen: “Für manche Besucher ist es beängstigend, solche Räume zu betreten, manche werden fröhlich, beginnen zu lachen, fühlen sich frei” so beschreibt der Künstler die Bandbreite der Reaktionsformen auf diese neuen Erfahrungen.
Nochmal das Thema Freiheit: die – hier sichtbare – Freiheit, den äußeren Raum neu zu gestalten, neu wahrzunehmen verweist auf die Möglichkeit, auch den inneren Raum, das eigene Selbst, zu verändern.
Achim Zeman, der alle religiösen Deutungen seiner Arbeit von sich weist, bestreitet nicht, dass die Wirkung seiner Arbeiten auch transzendentale Aspekte beinhaltet.
Sichtbar wird in dieser Selbsterfahrung des Betrachters eine innere Spannung – eine Dialektik von

Raum und Identität.
Jürgen Linde im Juni 2019