Semantik der Sinne – über Katalin Moldvay


“Etliche Galaxien mit insgesamt 320 Sonnen wurden – alle auf einen Schlag – von einem schwarzen Loch aufgesogen“. Von diesem “größten Knall aller Zeiten“ höre ich im Autoradio, als ich gerade nach Neuweier bei Baden-Baden fahre, um Katalin Moldvay in ihrem Atelier zu besuchen. Vielleicht kein Zufall, ist doch auch bei Katalin Moldvays Wandobjekten und Skulpturen immer wieder die Rede von „schwarzen Löchern“. Richtig aufgehängt, so also, daß kein Licht hineinfällt, erzeugen die Objekte einen Eindruck von Unendlichkeit.

Katalin Moldvay

Katalin Moldvay | © Foto: privat

Diesen Assoziationen der vielzitierten unendlichen Weiten des Weltalls stellt die Künstlerin dann jedoch verniedlichende, mindestens aber ironische oder eher zufällig wirkende Titel gegenüber: “beinahe”, “sonst”, “Irrtum”, “macht nichts”, “Selbstschutz”.

Diese Titel, erfahre ich von der Künstlerin, erzählen jeweils ihre eigene Geschichte, die offenbar in einem narrativen Spannungsverhältnis steht zu den jeweiligen Arbeiten, die durch ihren Titel also nicht erklärt oder interpretiert werden.

Ernst und Humor, Verspieltheit und philosophische Tiefe erzeugen die dialektische Energie in der künstlerischen Sprache von Katalin Moldvay.
Und als eine Form von Sprache verstehe ich Moldvays Arbeiten, die meist in Form von Rauminstallationen präsentiert werden. Im Gespräch beschreibt Katalin Moldvay diese Kunstwerke als “Zeichnungen im Raum“.

“Irrtum”, Rauminstallation Kunstverein Germersheim 2003
© Katalin Moldvay, VG Bildkunst Bonn 2020

Erneut geht es uns um das Verhältnis zwischen Sprache und Bildender Kunst.

Wenn wir Moldvays Objekte als sprachliche Zeichen zu begreifen versuchen, so sind dies keine Schriftzeichen wie andere. Die hier verwendete Sprache ist nicht übersetzbar in eine (oder jede) andere. Der Unterschied ist: hier erzählt jedes “Zeichen“ eine eigene Geschichte, die Zeichen bestehen oft aus schon einmal gebrauchten Gegenständen – etwa Zigarrenkisten oder Eierkartons; die hier erzeugte sinnliche Anmutung entzieht sich der gewohnten Beschränkung auf die instrumentelle Vernunft, in der Sprache Interessen artikuliert und auf Zwecke zielt.

Die ironischen Aspekte dieser Kunst, die sich durch genaue Betrachtung erschließen, werden im Gespräch mit der Künstlerin schneller bewußt. Katalin Moldvay arbeitet, so erscheint es mir, künstlerisch im Geiste des Philosophen Ludwig Wittgenstein, wobei ich hier Philosophie als eine kunstnahe Tätigkeit sehe, deren Material aber eben auf Sprache beschränkt bleibt, was gerade Wittgenstein ganz genau wußte, wodurch seine Ironie so erfrischend und brillant war:

“zum Beispiel”, 2001
© Katalin Moldvay, VG Bildkunst Bonn 2020

So schreibt er im Vorwort seines berühmten „Tractatus Logicus Philosophicus“:
“Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind — oder doch ähnliche Gedanken – schon selbst einmal gedacht hat. Es ist also kein Lehrbuch. Sein Zweck wäre erreicht, wenn es einem, der es mit Verständnis liest, Vergnügen bereitete.
Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müßten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müßten also denken können, was sich nicht denken läßt). Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können, und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.“

Katalin Moldvay geht mit ihrer Sprache aus Bildern über die Grenzen der gewohnten Schriftsprache hinaus, und wie so oft erweist sich diese Grenzüberschreitung als lustvoll und wohltuend. Eigenwillig (und im Geiste der Romantik?) überschreitet sie hier auch die Grenzen zur Literatur und zur Musik leichten Schrittes, wie wir unten sehen werden.

“Zustände” (Objektserie), 2003 | © Katalin Moldvay, VG Bildkunst Bonn 2020

Katalin Moldvay besucht jährlich ihre in Siebenbürgen lebenden Eltern und reist auch sonst gerne. Einen Monat etwa verbringt sie jedes Jahr auf einer Almhütte in Österreich, wo sie, alleine, ohne fließend Wasser und Strom, in 1800 Meter Höhe die Einsamkeit nutzt, um zu sich zu kommen und ganz konzentriert zu arbeiten, zu zeichnen also und zu fotografieren.

Die Objekte mit den schwarzen Löchern entstehen dann hierzulande. Der von Novalis entliehene Titel unseres letzten Künstlerporträts – “Nach innen geht der geheimnisvolle Weg“ würde in einem konkreten Sinne auch zu diesen Objekten passen – lauten doch die Zeilen zuvor: “Wir träumen von Reisen durch das Weltall! Ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht.“

“Mindestens”, 2001 | © Katalin Moldvay, VG Bildkunst Bonn 2020

So ist die Unendlichkeit des Alls, die vorzustellen uns schwerfällt – obwohl doch, dies nur nebenbei, mir die Endlichkeit des Alls noch viel schwerer vorstellbar erscheint – letztlich wohl in uns zu finden.
Unendlichkeit, unendlich … “unendlich einsam“ fällt mir ein, als ich durch Katalins Räume gehe – und sehe. Das Motiv der Einsamkeit wiederum erinnert mich an Kafka.

Auch Katalin Moldvay nennt Kafka als wichtige Inspiration, gerade liest sie ihn erstmals in ihrer ungarischen Heimatsprache, doch fließt die Literatur in ihre Kunst nicht ein in Form wiedererkennbarer Motive und Themen, sonder vielmehr “als Lebensgefühl“. Ähnlich wichtig ist die Musik, mit der sich Katalin sehr verbunden fühlt; bei den zeitgenössischen Komponisten kennt sie sich hervorragend aus; als inspirierende Quellen nennt sie etwa den Griechen Jannis Xenakis und den ungarischen Komponisten György Ligeti.

Musik im allerweitesten Sinne wird bald Teil einer Installation von Katalin Moldvay: der nervende Lärm eines Glascontainers vor der alten Schule provozierte die Idee, dies künstlerisch zu verarbeiten: mit Hilfe der Tonmeisterin Dorothee Schabert wurde schon mal der Klang der zerberstenden Flaschen im Surround-Sound aufgenommen; laut, prägnant, ja brutal klirrt es aus Katalins Stereoboxen. Verbunden mit einer Rauminstallation wird Katalin Moldvay daraus ein Gesamtkunstwerk zaubern.

“Zum Beispiel”, 2001 | © Katalin Moldvay, VG Bildkunst Bonn 2020

Erstmals verwendet Katalin, die sich immer schon mit Musik und Theater befaßt hat, Klang explizit für eine künstlerische Arbeit. Wenn wir diese Kunst weiterhin als eigenes Sprachuniversum begreifen, so wird hier nicht das Vokabular erweitert, nein, hinzu kommt vielmehr eine neue Dimension dieser Sprache.

Die künstlerische Arbeit Katalin Moldvays zeigt uns mit den Mitteln einer künstlerisch radikal erweiterten Sprache, wie wesentlich für uns die Welt außerhalb des sprachlich Faßbaren ist. Viel würde uns fehlen, wenn wir uns als Menschen nur auf den “sprachlich erreichbaren” Teil des Lebens/der Welt beziehen könnten. Denken wir etwa an Max Frischs “Homo faber”, der ja auch alles nicht rational Erfassbare (in Wittgensteins Worten) als “Unsinn” betrachten zu können glaubte.

Wittgenstein wußte, daß dies so einfach nicht ist; so beschließt er seine Vorrede zum Tractatus:
“Dagegen scheint mir die Wahrheit der hier mitgeteilten Gedanken unantastbar und definitiv. Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht nun der Wert dieser Arbeit zweitens darin, daß sie zeigt, wie wenig damit getan ist, daß die Probleme gelöst sind.“

“Gnadenlos” (Objektserie) 2001 | © Katalin Moldvay, VG Bildkunst Bonn 2020

Katalins Moldvays Kunst empfinde ich als Sprache, die die Grenzen der normalen Sprache transzendiert und damit benennt. Wir können nicht denken, was wir nicht denken können, aber wir können es erleben. Wahrscheinlich müssen wir hier, wenn wir mit Wittgenstein exakt sein wollen, auf den Begriff “Sprache” verzichten. Aber auf einer dialektisch höheren Ebene könnte es hilfreich sein, zu sprechen von einer

Semantik der Sinne.

Jürgen, im Januar 2005