…konstruktive Lebendigkeit: über Wolfgang Heiser

Wolfgang Heiser im Internet:
Website: www.wolfgang-heiser.de
E-Mail: w.heiser@web.de

Wolfgang Heiser, © Foto: Annette Fuchs

“Transformationen“ ist der Titel der Ausstellung, die Wolfgang Heiser in April und Mai 2022 beim Freundeskreis Badisches Malerdorf Grötzingen präsentieren wird. Beim “Bauen“ der kunstportal-bw-Seiten für den Freundeskreis hatte ich Wolfgang Heisers Kunst für mich entdeckt. Fasziniert von dieser besonderen Position zwischen zwei- und dreidimensionalen Werken habe ich den Künstler dann in seinem Atelier im Alten Schlachthof in Karlsruhe besuchen können.

Eindeutig stehen die “Transformationen“ aktuell im Zentrum des künstlerischen Schaffens von Wolfgang Heiser, der sich – als diplomierter Architekt – seit Jahren auf seine künstlerische Arbeit fokussiert. In früheren Schaffensphasen sind auch Skulpturen und Glasobjekte entstanden, die auf Heisers Website, nicht aber aktuell in seinem Karlsruher Atelier zu finden sind.

Objekt Nr.37, 2019, Tusche auf Papier, 32,6 x 32,6 x 6,2 cm

So war schnell klar, dass wir uns beim Gespräch im Atelier auf die Transformationen konzentrieren würden. Erst in einem zweiten Gespräch Wochen später gelingt es dann, die besondere Vorgehensweise des Künstlers der Transformationen in einem übergreifenden Rahmen zu betrachten, die die Arbeitsweise von Wolfgang Heiser insgesamt auszeichnet: Alle seinen Arbeiten, die auf Heisers Website klar und übersichtlich in Werkgruppen geordnet sind, ist gemein, dass sie aus einem konstruktiven und planerischen Prozeß heraus entstehen – durchaus also die Arbeitsweise, die wir von einem guten Architekten erwarten: Etwa bei Heisers großen Skulpturen geht die Analogie so weit, dass für die geplanten Objekte zuerst entsprechende Verschalungen erstellt werden müssen, um dann auch stabile Objekte zu erschaffen. Der kreative Prozeß also liegt hier in der Idee und der Planung – während der eigentlichen Ausführung ist dann, anders etwa als bei einem Maler, kein wesentlicher Eingriff mehr möglich. Denken wir beim Stichwort Architektur etwa an die Museumsbauten eines Frank Gehry (Guggenheim-Museum in Bilbao der das Museum Marta in Herford), so sehen wir, dass die Verlagerung der Kunst in den Planungsprozeß zu herausragenden Kunstwerken führen kann.

Anders aber als bei solchen architektonischen Großprojekten, bei denen das Ergebnis (schlicht auch aus Gründen der Statik) exakt dem Modell entspricht, nur eben maßstabsgetreu vegrößert, kommt es bei Wolfgang Heisers Transformationen durchaus zu oft großen Überraschungen – für uns als Betrachter, aber auch für den Künstler selbst:

Transformationen – das klingt sehr klar und programmatisch, ein wenig wohl auch wissenschaftlich/technisch. Der diplomierte Architekt denkt und arbeitet im Raum und wenn er über seine Bilder spricht, sehe ich Bildobjekte, für mich eindeutig dreidimensionale Objekte. Als verblüffend erleben wir die Verbindung aus einer offenbar sehr planvollen, mathematisch anmutenden Strenge in der Vorgehensweise und der daraus dann erwachsenden Bewegtheit der Bilder.

Wahrscheinlich ja“ antwortet der Künstler auf meine Frage, ob denn Künstler, die Architektur studiert haben, andere Kunst machen als herkömmliche Künstler.

Der Künstler erklärt seine Arbeitsweise selbst auf seiner Website:
„Ausgehend von großformatigen, handgefertigten, doppelseitigen Tuschezeichnungen entstehen durch Zerschneiden und Verflechtungen auf dem Quadrat basierende 3-dimensionale Strukturen, die abstrakte Bildinhalte durch Textur und veränderten Kontext neu erlebbar machen.“

Glaswürfel, 2007, Floatglas 18 x 18 x 18 cm

In diesem Prozess, so erklärt Wolfgang Heiser, beginnt er mit einer Einheit (dem beidseitig mit Linien bezeichneten Papier), die durch das Zerschneiden in Streifen zu einer Vielheit gewandelt wird. Die gleichlangen und immer auch exakt gleichbreiten Streifen werden dann gefaltet und über eine Rolle gebogen, so dass gewölbte, meist elliptische, Segmente entstehen. Angeordnet zum Quadrat, bilden diese Streifensegmente dann eine neue Einheit. Ein dialektischer Prozess, aus dem eben etwas Neues entsteht.

Wolfgang Heiser unterscheidet dabei zwischen “statisch-linearen-Strukturen“, die aus einem klaren Streifenmuster heraus entstehen; immer hat das Weiß des Papiergrundes einen eigenen Raum auf dem Papier, was die Gesamtwirkung im Ergebnis deutlich mitstrukturiert. Noch sichtbarer vielleicht wird die strukturierende und sinnliche Wirkung dieses Weglassens angesichts etwa der Glasobjekte von Wolfgang Heiser: streng und exakt in der Form der Glasscheiben bewirken eben diese Zwischenräume die Lebendigkeit der gefertigten Glas-Skulptur.

Aus den dann mathematisch weniger klaren doppelseitigen Tuschezeichnungen entwickelt Heiser dann seine “dynamisch-linearen-Objekte“. Was nun – aufgrund des durchgängigen Farbspektrums der entstandenen Streifen – ebenfalls als stimmige Einheit wirkt, erscheint gleichzeitig als ganz neues Bild: wir entdecken Strukturen und Formen, die nicht vorhersehbar waren.

Ein dialektischer Prozess, aus dem eben etwas Neues entsteht. Unerklärlicherweise entstehen narrative Assoziationen, über deren Ursprung wir nur spekulieren können: vielleicht sind es die Farbräume, die der Künstler – auch ohne konkrete Absicht – ja steuert; vielleicht sind es Resonanzen unserer Gehirne und unseres (Unter-?) Bewußtseins?

Durch die Transformation von der zweidimensionalen Zeichnung zum dreidimensionalen Objekt entwickelt der Künstler eine Freiheit, die aus mathematisch strenger Arbeitsweise hervorgeht, so dass wir eine sehr besondere Spannung erleben: Freiheit ist eben alles andere als beliebig, sondern entsteht aus Wolfgang Heisers künstlerischem Konzept heraus. Der Künstler hat sich hier eine ganz eigene Position erarbeitet.

Objekt Nr.48, 2020, Tusche auf Papier, 32,6 x 32,6 x 6,2 cm

Während wir von der Arbeitsweises des Künstlers her durchaus von konkreter Kunst sprechen sollten oder sprechen könnten, so verblüffen die konkret geplanten Bildobjekte durch ihre frappierende Lebendigkeit. Als bewegt und assoziationsreich erleben wir die Bilder von Wolfgang Heiser.
Ich nenne dies “konstruktive Lebendigkeit“.

© Bilder und Fotos: Wolfgang Heiser
Jürgen Linde im Dezember 2021