Spielraum des Geistes – über den Bildhauer Günter Wagner

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ dieser kluge Satz aus Schillers “Gedanken zur ästhetischen Erziehung des Menschen”  fällt mir ein, als ich mir den Katalog anschaue zu Günter Wagners Ausstellung „Raumdialog“, die er im Kunstraum St. Georgen Wismar im Jahr 2014 zeigte, zelebrierte, entwickelte. Automatisch strengt man sich an, möglichst die genau richtigen Worte zu finden. Was ich als Texter sowieso tun sollte, ergibt sich insbesondere nach dem intensiven Gespräch mit dem Bildhauer, den ich in seinem Atelierhaus in Bruchsal besuchen durfte.

Ein angenehmes Gespräch, das der Künstler, gutgelaunt und freundlich führt. Entspannt, selbstverständlich entspannt: rückblickend auf über 40 Jahre erfolgreicher Arbeit als Künstler, als Bildhauer, der auch zeichnet, aber zuerst und vor allem Räume, öffentliche und historische Räume und ehemalige Kirchen und Kloster gestaltet, muss Günter Wagner längst nichts mehr beweisen.

Bild rechts: Macadam II (Ausschnitte), 2023
15-teilige Wandinstallation, Gusseisen, patiniert und Glas, Masse variabel

Dennoch sehr konzentriert und anschaulich erklärt er mit erfrischendem Engagement seine Arbeit. Wie so oft sind es die Gegensätze, die wir in der bildhauerischen Arbeit entdecken und die meist einen wesentlichen Aspekt dieser Kunst ausmachen: leicht und schwer, hart und weich, und bei Günter Wagner sicherlich hervorzuheben: transparent und intransparent: einen Schwerpunkt in der aktuellen Arbeit des 1955 in Karlsruhe geborenen Künstlers bilden Werke, in denen er Glas und Stahl oder auch Glas und Stein verbindet.

„Glas und Stahl – zwei Materialien, die ja eigentlich flüssig sind“ so liefert Günter Wagner gleich selbst die Aufhebung dieses dialektischen Widerspruchs.

Bild links: Ikarus, 1997
Gusseisen, patiniert, mit Sand gestrahltem Glas verschraubt;
H 24cm, B 46cm, T 4cm

Seine Arbeit „Ikarus“ zeigt anschaulich, wie der Künstler mit einfachen Mitteln den antiken Mythos auf den Punkt bringt: Der mit einem gusseisernen Flügel verschraubte, in Glas sandgestrahlte Schriftzug in griechischer Sprache wird erst im „Lichte“ angestrahlt lesbar, verweist dadurch auf die Leichtigkeit des Fluges von Ikarus, aber durch den schweren eisernen Flügel gleichzeitig auch auf den tragischen Ausgang der Geschichte.

Glas, Eisen und Stein, Philosophie und Literatur – virtuos komponiert diese Elemente aus zwei Welten – einerseits leicht uns spielerisch erscheinend, hochkonzentriert und reflektiert andererseits.
Idealtypisch erscheint mir dazu seine Werkgruppe “Am Ende der Erinnerung”: 7 Arbeiten aus Glas und Gusseisen, die mir der Künstler während unseres Gesprächs an den Wänden seiner Wohnräume zeigt. Hier kombiniert er Glas, Eisen und gewichtiges Gedankengut: als Titel verwendet er Ausschnitte aus 7 Werken der Weltliteratur (von Homers Ilias bis zu Goethes Faust), die auch jeweils einen hohen philosophischen Rang haben. Diese Texte platziert er explizit als Teil der Kunstwerke – als Texte auf den Glaselementen, die somit auch die Funktion übernehmen, wie wir sie sonst von Texttafeln an den Wänden von Museen kennen – neben oder hinter den eigentlichen Kunstwerken. Scheinbar mühelos verbindet der Künstler Elemente der Natur und der Welt des Geistes.

Bild rechts: Günter Wagner und seine “Ovale Raumkonstruktion”,1992
48-teilige Bodenarbeit, Cortenstahl, kaltgeschmiedet, verschweißt und patiniert, Glasplatten;
H 180 cm, L 500 cm, B 500 cm

Diese Arbeit, zweifellos eines der wichtigsten Werke des Künstlers, fand in Wagners Ausstellung “Raumdialoge” (15. – 30. November 2014) in der St. Georgen-Kirche in Wismar, einen wunderbaren Raum. Günter Wagners reduzierte Formen und die jahrhundertealte gotische Architektur – aus dem vermeintlichen Gegensatz entsteht etwas, das ich als Neukonstruktion des Raumes beschreiben möchte:
Leicht, schwebend fast, erscheinen die gebogenen Flächen aus dem eigentlich schwerem Material Gusseisen; nach oben (er)strecken sich die eingebauten Glaselemente. Sehr treffend schreibt Thomas Beyer, damals Bürgermeister der Hansestadt Wismar, in seiner Einleitung zum Ausstellungskatalog:
“Diese diaphane Struktur der gotisch überhöhten Raumgrenze in Verbindung mit dem einfallenden Licht, empfanden die Menschen jener Zeit als mystische Offenbarung des göttlichen Geistes, “Gott ist Licht”.

Nun wurde über die verschiedenen dialektischen Spannungsfelder, die gerade in der Kunst der Bildhauer eminent wichtig sind, schon sehr vieles, wahrscheinlich schon – fast – alles gesagt und geschrieben. Was aber unterscheidet die Kunst Günter Wagners von den Werken seiner Kollegen?

Die transzendentalen Aspekte der Arbeit Günter Wagners sind nicht zu übersehen. Die Philosophie ist eine der Inspirationsquellen des Künstlers, neben der Literatur, weshalb wir oben unsere Gedanken über das Werk Günter Wagners mit Schiller begonnen haben. Verbinden wir diese Themenfelder ergänzend noch mit der Dialektik, so gelangen wir unweigerlich zu Hegel, der ja in seiner Philosophie des Geistes eben Religion und Kunst gemeinsam verortet: im Bereich der absoluten Vernunft. Nun ist Hegels Dialektik eine Wissenschaft für sich, der ich mich (bescheiden und vorsichtig, aber eben doch) immer wieder mal anzunähern versuche. Vielleicht ist ja die Kunst im Allgemeinen und die künstlerische Arbeit Günter Wagners im Besonderen (im Sinne Hegels) auch eine “List der Vernunft”:

Nun; mir scheint es ein besondere Dialektik zu sein, an der sich Günter Wagner abarbeitet, der (vermeintliche?) Gegensatz zwischen Spiel und Ernst, der für diesen Künstler gar kein Gegensatz zu sein scheint, da er ihn in seinem Werk längst (im dialektischen Sinne) “aufgehoben“ hat. So wie Günter Wagner offenbar mühelos und eigentlich immer in druckreifemText spricht, so scheint er in seiner Kunst die verschiedenen Materialien ganz und gar mit spielerischer Leichtigkeit zu verbinden.

Bild oben: Günter Wagner: “Conte und Contessa” (2004), Siemenskreisel Bruchsal
eine von Günter Wagners zahlreichen Skulpturen im öffentlichen Raum.

Hierzu fällt mir zweites Literaturzitat ein; wieder einmal von Franz Kafka: “Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.”
Dieses Zitat Kafkas könnten wir lesen als die “Lehre” aus seiner Erzählung „Vor dem Gesetz“.

Nicht überraschend und doch sehr erfreulich: natürlich hat sich der Künstler-Phiolosoph Günter Wagner auch mit Kafka intensiv beschäftigt; auch zu “Vor dem Gesetz” hat er eine schöne Arbeit realisiert; der Künstler schreibt dazu selbst: “Der Inhalt von Kafkas Torhüterparabel „Vor dem Gesetz“ besteht darin, dass „ein Mann vom Lande“ vergeblich versucht, den Eintritt in das Gesetz zu erlangen, das von einem Torwächter bewacht wird. Auch hier bringt der philosophisch geschulte Künstler die Essenz der Parabel auf den Punkt indem er mit zwei Stahlplatten ein stilisiertes Tor gestaltet, das mit Glasplatten in Form von Torflügeln gleichzeitig
Offenheit suggeriert aber auch versperrt ist.

Diese Vorliebe für Metaphern und Parabeln zeigt sich immer wieder in Günter Wagners Oevre.

Und während viele Menschen hier, vor dem Gesetz, in irrationaler Angst verharren, schließlich vielleicht gar verzweifeln, zeigt uns die künstlerische Arbeit von Günter Wagner, dass die Kunst uns andere Sichtweisen ermöglicht, darunter den spielerischen Umgang mit Grenzen, Ängsten, geschlossenen Toren. Bei allem notwendigen und unverzichtbaren Ernst, den die Kunst immer mitbringt und den auch die Künstlerpersönlichkeit Günter Wagner nach meinem persönlichen Eindruck auszeichnet: Hier zeigt uns der Künstler die Kunst – für sich als Künstler wie auch für uns Betrachter – als möglichen

Spielraum des Geistes.

+