The day after tomorrow – über Michaela A. Fischer

“Ratgebs Frau”, Ratgeb Skulpturenpfad Herrenberg
Bronze, H ca 175 cm; © Michaela A. Fischer, VG Bildkunst, Bonn

The Day after Tomorrow – über Michaela A. Fischer

Michaela A. Fischer ist Bildhauerin. Wie viele Bildhauer zeichnet sie auch, aber der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist klar das Dreidimensionale. In Stahl, Draht und Bronze präsentiert sie eine beachtliche Bandbreite verschiedener Arbeitsgruppen und Werke.
Immer wieder beschäftigt sich die Künstlerin mit religiösen Motiven. Zuerst aufgefallen waren mir ihre Arbeiten in der Wanderausstellung „Engel – oder kann das weg?“, die der Kunstverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart und die Gemeinschaft Christlicher Künstler der Erzdiözese Freiburg von Juli 2020 bis Januar 2021 an verschiedenen Orten gezeigt hatte.

Mit ihren oft sehr großen Skulpturen arbeitet Michaela A. Fischer immer wieder für den öffentlichen Raum. Die im Zuge der Wettbewerbsausschreibungen aufwändigen Bewerbungsmodalitäten wie Zeichnungen, Erstellen von maßstäblichen Modellen sieht sie als Teil ihrer künstlerischen Arbeit.

Mich selbst faszinieren insbesondere die “Schnürfiguren”. Die menschliche Figur, um die es hier eindeutig geht, wird repräsentiert durch Bänder („breite Schnüre“) und/oder Drähte.

Die Schnürfiguren bilden sicherlich die wichtigste und markanteste Werkgruppe der Künstlerin, die neben ihren Drahtfiguren und Zeichnungen eigentlich mit der Holzbildhauerei begonnen hatte. Zu Beginn ihres Kunststudiums in Stuttgart führt sie in ihrer Vita den Bundessieg in einem Wettbewerb für Holzbildhauerei auf.

Sitzender Wächter auf Eichenholzsockel,
Bronze, 31 x 12 x 12,cm; © Michaela A. Fischer, VG Bildkunst, Bonn

Bei einem Atelierbesuch zeigt mir die Künstlerin auch Holzarbeiten und doch stehen die Schnürfiguren im Zentrum ihres Schaffens. Im Katalog zu einer Einzelausstellung im Museum der Stadt Kornwestheim beschreibt die Kunsthistorikerin Gisela Hack-Molitor sehr anschaulich, wie Michaela A. Fischer die traditionelle Bronzegusstechnik weiterentwickelt und zu einer Perfektion gebracht hat, die erforderlich war und erst ermöglicht hat, dieses Verfahren für die ja sehr filigranen Schnürungen anzuwenden.
Gisela Hack-Molitur befasst sich in ihrem erhellenden Text mit der Frage nach der Körperlichkeit der eigentlich nicht vorhandenen Körper. Geht es um eine Mumifizierung? fragt sie. “Aber welcher Leib sollte das sein – hinter diesen Schnürungen ist ja buchstäblich nichts. …Aber dennoch – und das ist das Rätselhafte – ist in jedem Fall ein Körper spürbar, greifbar, besitzt darüber hinaus Haltung, Spannung …

Sicherlich kann man diese Arbeiten verschieden wahrnehmen: Viele sprechen hier von Reduktion – also die Konzentration auf das Wesentliche. Zweifellos gelingt es der Bildhauerin, die Figur sichtbar zu machen allein durch die äußere Form: die Hülle. Es bedarf nicht der steinernen oder metallischen Masse, die den Körper selbst darstellte. Oft arbeitet die Künstlerin auch mit Metall-Draht.

Die Darstellung der Figur durch ihre Hülle, die hier durch ihre Form von Schnüren und Bändern sogar selbst noch einen fragmentarischen Charakter annimmt, können wir lesen als Reduktion – die Hülle genügt, um die Figur zu zeigen.

„Schnürfigur, balancierend“, Detailansicht
Bronze/Eisen, 42 x 8 x 18 cm; © Michaela A. Fischer, VG Bildkunst, Bonn

Ich selbst erlebe Michaela A. Fischers Skulpturen jedoch weniger als Reduktion; vielmehr, so denke ich, geht es um Rekonstruktion – die Rekonstruktion einer Körperlichkeit, die heute verloren zu gehen droht, beziehungsweise schon verschwunden ist.

Die Digitalisierung, noch beschleunigt durch die Pandemie, bewirkt ja gewissermaßen eine Entkörperlichung unserer Wirklichkeit. An Online-Ausstellungen anstelle der realen und an digitale Vernissagen ohne realen Kontakt (und ohne Sekt und Buffet!) haben wir uns inzwischen schon gewöhnt. Digitale Streaming-Veranstaltungen und Videokonferenzen, deren praktische und ökologische Vorteile unbestreitbar sind, setzen sich durch als normale Kommunikationsformen. Bildschirme all überall ermöglichen den aus gesundheitlichen Gründen erforderlichen Abstand. Die Körperlichkeit geht verloren.
Dabei stehen wir erst am Anfang der Entwicklung: Schon heute erleben wir, dass wir von Computern angerufen werden: Die Künstliche Intelligenz ermöglicht “empathische“ Programme, und eine durchaus realistisch und sympathisch klingende Computerstimme versucht, uns zu einem Wechsel der Autoversicherung oder des Stromanbieters zu überreden.
Ökonomisch betrachtet ist dies zweifellos eine erhebliche Rationalisierung.

Blackbird, Leonberg, Bronze, H ca 370 cm;
© Michaela A. Fischer, VG Bildkunst, Bonn

Wie wir schon in unserem Januar-Künstlerporträt (“Zeit der Masken“) entwickelt haben, müssen wir die „Antiquiertheit des Menschen“ (Günter Anders) neu denken: Wir wissen manchmal nicht mehr, ob unser Gesprächspartner am Telefon oder Bildschirm auch tatsächlich real ist. Bestimmt auch hat schon mancher von uns gelegentlich an seiner eigenen Realität gezweifelt.

Selbstverständlich kann man diesen Fortschritt bejahen: neben der wirtschaftlichen Rationalisierung, die durch Digitalisierung möglich wird, versprechen die Optimisten, dass in der digitalen Zukunft auch Krankheiten aller Art besser bekämpft werden können oder teilweise ganz verschwinden.

Michaela A. Fischer aber ist in ihrer Kunst schon einen Schritt weiter: sie veranschaulicht nicht allein den Verlust der Körperlichkeit, den sie durch Bänder, die die Körperhülle fragmentarisch nachbilden, sichtbar macht; Sie zeigt uns viel mehr: ihre oft sehr gestischen und ausdrucksstarken Plastiken veranschaulichen, dass mit der Entkörperlichung nicht nur Krankheit und Leid verloren gehen, sondern eben auch Empathie und Menschlichkeit.
Hier weist die Arbeit der ja auch religiösen Künstlerin über das Digi-Tal hinaus:

Die Künstlerin selbst schreibt mir: „Meine Schnürfiguren zeigen Transparenz bei gleichzeitiger Körperhaftigkeit. Es geht mir um die stärkere Einbindung des Betrachters und um die Öffnung von Form.“

Wie so oft schon übernimmt hier die Kunst wieder die warnende, mahnende Aufgabe, die Gefahren der gesellschaftlichen Entwicklung zu erspüren und zu veranschaulichen. Und doch zeigt die Kunst nicht nur, was verloren zu gehen droht, sondern indem sie dies tut, zeigt sie eben auch, was unzerstörbar bleiben wird, denn:

Künstliche Intelligenz, auch dies schon ein streitbarer Begriff, mag möglich sein.
Digitale Transzendenz ist nicht möglich.

Die Digitalisierung verändert unsere Welt; die Kunst bleibt wichtig.
Deshalb nenne ich meinen Text über Michela A. Fischer:
The Day after tomorrow.

Jürgen Linde im März 2021