The day after tomorrow – über Michaela A. Fischer

“Ratgebs Frau”, Ratgeb Skulpturenpfad Herrenberg

The Day after Tomorrow – über Michaela A. Fischer

Michaela A. Fischer ist Bildhauerin. Wie viele Bildhauer zeichnet sie auch, aber der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist klar das Dreidimensionale. In Stahl, Draht und Bronze präsentiert sie eine beachtliche Bandbreite verschiedener Arbeitsgruppen und Werke.
Immer wieder beschäftigt sich die Künstlerin mit religiösen Motiven; Zuerst aufgefallen waren mir ihre Arbeiten in der Wanderausstellung „Engel – oder kann das weg?“, die die Erzdiözese Freiburg von Juli 2020 bis Januar 2021 an verschiedenen Orten gezeigt hatte.

Mit ihren oft sehr großen Skulpturen arbeitet Michaela A. Fischer immer wieder für den öffentlichen Raum. Die dann meist sehr aufwändigen Bewerbungen, mit denen sie an den entsprechenden Ausschreibungen teilnimmt, sieht sie als Teil ihrer künstlerischen Arbeit

Mich selbst faszinieren insbesondere die “Schnürfiguren”. Die menschliche Figur, um die es hier eindeutig geht, wird repräsentiert durch Bänder („breite Schnüre“) und/oder Drähte.

Sicherlich kann man diese Arbeiten verschieden wahrnehmen:
Viele sprechen hier von Reduktion – also die Konzentration auf das Wesentliche. Zweifellos gelingt es der Bildhauerin, die Figur sichtbar zu machen allein durch die äußere Form, die Hülle. Es bedarf nicht der steinernen oder metallischen Masse, die den Körper selbst darstellte. Oft arbeitet die Künstlerin auch mit Metall-Draht, insofern sehen wir eine Verbindung zu den plastischen Draht-Arbeiten von Stephanie Welk.  

Schnürfiger mit Vogelhelm, Detailansicht

Ich selbst erlebe Michaela A. Fischers Skulpturen jedoch weniger als Reduktion; vielmehr, so denke ich, geht es um Rekonstruktion – die Rekonstruktion einer Körperlichkeit, die heute verloren zu gehen droht, beziehungsweise schon verschwunden ist.

Die Digitalisierung, noch beschleunigt durch die Pandemie, bewirkt ja gewissermaßen eine Entkörperlichung unserer Wirklichkeit. An Online-Ausstellungen anstelle der realen und an digitale Vernissagen ohne realen Kontakt (und ohne Sekt & Buffet!) haben wir uns inzwischen schon gewöhnt. Digitale Streaming-Veranstaltungen und Videokonferenzen, deren praktische und ökologische Vorteile unbestreitbar sind, setzen sich durch als normale Kommunikationsformen. Bildschirme all überall ermöglichen den aus gesundheitlichen Gründen erforderlichen “Hygiene”-Abstand. Die Körperlichkeit geht verloren.
Dabei stehen wir erst am Anfang der Entwicklung: Schon heute erleben wir, dass wir von Computern angerufen werden: Die Künstliche Intelligenz ermöglicht “empathische“ Programme, und eine durchaus realistisch/lebendig und sympathisch klingende Computerstimme versucht, uns zu einem Wechsel der Autoversicherung oder des Stromanbieters zu überreden.
Ökonomisch betrachtet ist dies zweifellos eine erhebliche Rationalisierung.

Sitzender Wächter auf Eichenholzsockel,
31 x 12 x 12, Bronze

Wie wir schon in unserem Januar-Künstlerporträt (“Zeit der Masken“) entwickelt haben, müssen wir die „Antiquiertheit des Menschen“ neu denken: Wir wissen manchmal nicht mehr, ob unser Gesprächspartner am Telefon oder Bildschirm auch tatsächlich real ist. Bestimmt auch hat schon mancher von uns gelegentlich an seiner eigenen Realität gezweifelt.

Selbstverständlich kann man diesen Fortschritt bejahen: neben der wirtschaftlichen Rationalisierung, die durch Digitalisierung möglich wird, versprechen die Optimisten, dass in der digitalen Zukunft auch Krankheiten aller Art besser bekämpft werden können oder teilweise ganz verschwinden.

Michaela A. Fischer aber ist in ihrer Kunst schon einen Schritt weiter: sie veranschaulicht nicht allein den Verlust der Körperlichkeit, den sie durch deren Rekonstruktion sichtbar macht; Sie zeigt uns viel mehr: ihre oft sehr gestischen und ausdrucksstarken Plastiken veranschaulichen, dass mit der Entkörperlichung nicht nur Krankheit und Leid verloren gehen, sondern eben auch Empathie und Menschlichkeit.
Hier weist die Arbeit der ja auch religiösen Künstlerin über das Digi-Tal hinaus:

Wie so oft schon übernimmt hier die Kunst wieder die warnende, mahnende Aufgabe, die Gefahren der gesellschaftlichen Entwicklung zu erspüren und zu veranschaulichen. Und doch zeigt die Kunst nicht nur, was verloren zu gehen droht, sondern indem sie dies tut, zeigt sie eben auch, was unzerstörbar bleiben wird, denn:

Blackbird, Leonberg

Künstliche Intelligenz, auch dies schon ein streitbarer Begriff, mag möglich sein.
Digitale Transzendenz ist nicht möglich.

Deshalb nenne ich meinen Text über Michela A. Fischer:
The Day after tomorrow.
Jürgen Linde im März 2021