Blick zurück nach vorn – 20 Jahre kunstportal-bw (Text von 2016)

1. Kaum zu glauben
Sie glauben es nicht? Ich glaube es ja auch nicht wirklich, aber belegbare historische Fakten beweisen: online seit dem 01. Mai 1996 wird unser kunstportal-bw in diesem Jahr volle zwanzig Jahre alt: – Das erste Internet-Kunstportal Europas; wahrscheinlich auch global.

Jürgen Linde: der Chef schlechthin,
nebenher auch Verlagsleiter, Redaktionsleiter, Hausmeister, Marketingleiter, Herausgeber, Vertriebsleiter,Mädchen für alles, Leiter der Strategieplanung, Halbleiter, Chef vom Dienst, (und gar mehrfach!!:) Mitarbeiter des Monats, Leiter des Controlling, Chefredakteur, Sicherheitschef, Azubi (=Arsch zum Bierholen), Leiter der Putzkolonne, Justitiar, Kaufmännischer Leiter, Blitzableiter, Master of Disaster, IT-Leiter, Betriebsratsvorsitzender, CEO (Chief Executive Organisation) , Betriebsratsnachsitzender, CFO (Chief Financial Organisation) , Konkursverwalter, Leiter der Entwicklung, Erfolgsleiter, Leiter der Abwicklung, Verwaltungsleiter, im Kopf schon weiter, Frauenbeauftragter, Männerbeauftragter, Lichtwellenleiter, Leiter der Rechtsabteilung, Leiter der Redaktionskonferenz, Schlichter bei Konflikten der Redaktionskonferenz, Leiter der Linksabteilung, Vorsitzender des Aufsichtsrats, Compliance Beauftragter, Einsatzleiter, Pressesprecher, Leiter des Verbesserungsvorschlagswesens, Geschäftsstellenleiter, Kreativdirektor, Werbeleiter, Nachtwächter, Tagwächter, Leiter der Nachrichtenredaktion, Kulturredaktionsleiter, Feuerleiter, und so weiter, dennoch manchmal heiter
Foto: Artis (Uli Deck), 2015, im kunstportal-bw-Head-Quarter (Kunstportal-Tower; Büro im Penthouse / Etage 104) im Gründerzentrum Karlsruhe Durlach;
© Foto: Künstler, VG Bildkunst Bonn 2020

Etwas älter somit als herkömmliche Internetportale wie Amazon, Facebook, Google oder Ebay, wenn auch kommerziell nicht ganz so erfolgreich wie diese, hat das kunstportal-bw eine ganz eigene, teils unterhaltsame – manchmal aber auch gar nicht witzige – Geschichte zu erzählen.
Nach 20 Jahren ist dazu der Zeitpunkt gekommen.
“Blick zurück nach vorn“ war der Titel eines der ganz frühen Ressorts im kunstportal, das ja gestartet war als “Südwest-Online – die Virtuelle Kulturregion” – doch dazu nachher mehr im ersten Kapitel unserer ruhmreichen Geschichte.
Und ebendiesen Blick wagen wir auch heute. Das Internet, ein angeblich sich furchtbar schnell entwickelndes Medium, beginnt jetzt erst, langsam, erwachsen zu werden und das ist auch gut so.

Einfach net.
Am besten Südwesten.


Unsere ersten beiden Werbe-Slogans sind heute nicht mehr aktuell; Moment, “Am besten Südwesten“ kennen wir heute noch – aus dem SWR-Fernsehen, das den Slogan stillschweigend für die “Landesschau” übernommen hat.
Selber dumm; ich hätte diesen Spruch natürlich schützen lassen müssen, woran ich als hyperaktiver Existenzgründer seinerzeit nicht eine Sekunde der damals permanent knappen Zeit verschwendet habe…

Dies nur als Einstieg in unsere Geschichte, die derzeit nach vielem Auf und Ab stetig nach oben weist: nach über 250.000 Page-Impressions monatlich in November und Dezember 2015 beginnt unser Jubiläumsjahr 2016 mit einem kleinen Rekord: mit über 280.000 Page-Impressions im Januar, generiert von fast genau 1200 täglichen BesucherInnen, beginnt das Jubiläumsjahr doch recht feierlich positiv.
Wir wollen den weiteren Text am besten gleich etwas strukturieren:
1. Kaum zu glauben
2. Was war die Grundidee, wie und vor allem warum ging es los?:
Jedem Zauber wohnt ein Anfang inne
3. Wie funktioniert kunstportal, (wie) kann man damit Geld verdienen? | Content is King
4. Wie ist die Lage? | Es geht voran

Diese vier und eventuell noch weitere Kapitel der legendären und ruhmreichen Geschichte des kunstportals-bw erscheinen hier in unregelmässigen Abständen, aber alle bis zum 01. Mai, dem exakten Geburtstagsdatum. Der Virtuelle Champagner für alle liegt dann zeitnah wohltemperiert bereit.

(2) Jedem Zauber wohnt ein Anfang inne (Zitat: Wolfgang Gießler, 2004)

Wie schon erwähnt, begann alles unter dem Namen Südwest Online (www.swo.de, www.suedwest-online.de). Die Grundidee, die damals, als erst 2% der Leute in Deutschland “Internet hatten“, kaum zu vermitteln war; ist heute einfacher verständlich: entstehen sollte ein (mindestens) landesweites Portal für Wirtschaft und Kultur. Die gefühlt unendlich vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen des Südwestens sollten hier präsent sein, sollten die durch das Internet neuen Wachstumschancen nutzen und insbesondere auch untereinander kommunizieren:

Denn Kommunikation ist das eigentliche, bis heute noch immer weitgehend ungenutzte Potential dieses Mediums. Als zweites Standbein des Portals sollte die Kultur das Ganze interessant machen für alle. Kultur hatte ich damals noch umfassend gedacht: Bildende Kunst, Musik, Theater, Film, Literatur.
Hier wollte ich, einfach nebenher, mein Hobby zum Beruf machen.
Alles und mehr? Ja, mindestens. So war die Zeit.

Klar kam dann alles anders. Bei allem gesunden Größenwahn war klar, dass einer allein dies nicht auf die die Beine stellen kann. Leider war ich dann zu blöd und auch ein wenig zu sehr der Zeit voraus, um die richtigen Partner/Investoren zu finden und zu überzeugen. Das zum Einen.
Zum Anderen kam noch ein Hammerschlag von Outerspace: der SWF (damals gab es noch den SWF und den SDR; die Fusion zum SWR war Jahre später) ließ durch seinen Justitiar mitteilen, dass ich den Namen Südwest-Online nicht verwenden darf, weil dies die Marke Südwestfunk verletze. Ich wollte es nicht glauben; ich hatte die Domain www.suedwest-online.de angemeldet und aktiv und seinerzeit galt “first come, first serve“ als Gesetz im Internet, so dachte ich jedenfalls. Langer Geschichte kurze Quintessenz: das deutsche Markenrecht unterscheidet normale Marken und “berühmte” Marken. Zu letzteren gehörte der SWF und der war somit geschützt vor “Verwechslungsgefahr”:
Niemand, der im Medienbereich unternehmerisch etwas tut, darf “Suedwest” als prägenden Namensbestandteil verwenden. Der SWF hatte dies zuvor in einem anderen Prozess vor dem Landgericht Mannheim durchgesetzt. Ein Karlsruher Patentanwalt, den ich zufällig kannte, sagte mir dazu, dass dies zwar schwachsinnig wirke, aber die bittere Realität sei – “keine Chance, Jürgen, vergiss es”.
Ich musste eine “Unterlassungserklärung“ unterschreiben, in der drinstand, dass ich meinen Namen Suedwest-Online nicht mehr verwenden würde, bei Strafe von 20.000 DM in jedem einzelnen Fall, wenn ich dies doch tun würde…
Bedeutete für mich: Briefpapier neu, Visitenkarten neu, alle (damals noch wenigen) Kunden und vor allem alle viele viele potentielle Kunden anschreiben, um den Sachverhalt zu erklären…

Diesen doch recht kraftvollen Schlag in die Fresse musste ich erstmal wegstecken. Das dauerte nicht wirklich lange: ein Bier im Durlacher Vogelbräu (unweit des damaligen kunstquartal-Headquarters im Gründerzentrum Karlsruhe Durlach, dann eine salzige Brezel dazu und dann noch ein Bier und schon war klar: Es geht weiter, irgendwie. Ich war damals schon viel zu starrköpfig, um ans Aufgeben ernsthaft auch nur zu denken. Pause, dann weiter.

(3) Content is king

Erfolg ist die Summe der Nackenschläge, die man weggesteckt hat“, meinte einst ein kluger Zeitgenosse. Und sonst: von Rocky Balboa lernen, heißt, wieder aufzustehen lernen.
Downsizing. Kein Wirtschaftsportal mehr, nur noch Kultur und gleich noch klarer: nur noch Bildende Kunst. Das ist die Welt, die mir besonders am Herzen liegt und für die das Internet besonders viel leisten kann. Neben swo.de, diese Domain hatte der SWF nicht kassieren können, kam die zweite – sprechendere – Domain hinzu: kunstportal-bw. Ein klassischer Restart. Die Designerin Gundula Schmidt (heute unter feingestalt firmierend) hat mir dazu auch ein geniales neues Logo geschaffen, das bis heute Bestand hat.

Auch das Design des kunstportals, das heute mehr denn je von KünstlerInnen gelobt wird, weil es so klar ist, im besten Kunst-Sinne reduziert (reduced to the max, wie es bei Mercedes mal treffend hieß) und weil keine nervige Pop-Up-Werbung nervt…Wie aber geht das, wird sich der eine oder die andere fragen: keine Werbung – woher kommt dann verdammt nochmal das Geld? Nun, wer kunstportal-bw genauer anschaut, weiß es schon lange: das Portal besteht fast nur aus Werbung, denn all die Beiträge zu den Ausstellungen und Veranstaltungen der Museen und Galerien sind keine Rezensionen oder redaktionelle Beiträge, sondern eben Texte der Institutionen, die damit im kunstportal werben und dies, natürlich, auch bezahlen. Sie erreichen hier ein großes Publikum, welches umgekehrt froh ist, unter einem Dach eine gute Übersicht zu erhalten über das regionale Kunstgeschehen.

Und doch ist das kunstportal-bw kein “virtuelles Anzeigenblatt“, sondern lebt inhaltlich von einem umfangreichen redaktionellen Teil: eine Reihe freier Autoren bilden gemeinsam die Kulturredaktion. Zwei der früheren Autoren der Kulturredaktion habe ich gar nicht persönlich kennen lernen können, sondern nur per Telefon und E-Mail, weil sie von Osnabrück aus arbeiten: Auch das oder gerade das ist eben Internet. Raum und Zeit spielen keine große Rolle, Inhalte aber unbedingt.

Es gab und gibt Beiträge über Literatur, Theater, Musik, und natürlich die – inzwischen deutlich über 200 – KünstlerInnenporträts, in denen etwa monatlich regionale KünstlerInnen und ihre Arbeit ausführlich präsentiert werden. Hier habe ich mein Hobby, die Texterei, zum Beruf gemacht und freue mich über das gute Feedback und die KünstlerInnen sind dankbar für die gute Werbung, für die sie kein Geld bezahlen brauchen.

4. Es geht voran
Content is king – but we’re Republicans. Der Spruch ist so alt, dass er heute fast schon erklärt werden müsste, aber wer mag, kann dies ja googeln.
Aber auch, wenn früher, natürlich, alles besser war, war längst nicht alles richtig und wie daneben dieser Spruch ist, zeigt sich, endlich, heute und in den nächsten paar Jahren. Denn immer deutlicher wandert die Online-Werbung im Schwerpunkt weiter in Richtung Smartphone/Apps. Das eigentliche, meinetwegen “alte“ Internet bekommt dadurch genug Luft, um erwachsen zu werden, um sich zu besinnen auf seine eigentlichen Stärke: Communication.

Kommunikation, die wir nicht in Petabyte oder Terabyte messen, sondern Kommunikation, die wir aktiv teilnehmend erleben als Austausch über Inhalte, als Bereicherung unseres Lebens: global organisiert, immer mehr aber auch regional gefiltert/fokussiert, entstehen wirklich die Gemeinschaften (“Communities—?”), von denen ich 1996 noch – oder eigentlich: schon – träumte.
Und für den Austausch über die Bildende Kunst, um die es uns ja hier geht, arbeiten wir in erster Linie für die Nutzer richtiger Bildschirme, so ab 14, 15 Zoll aufwärts – und alle Kunstleute, also die KünstlerInnen, die Leute von den Museen/Galerien und die KunstliebhaberInnen sind eingeladen, hier dabei zu sein.