Böblinger Bilderbogen

26.10.2022 – 23.04.2023 | Städtische Galerie Böblingen

Begleitprogramm

Böblinger Bilderbogen 1900 BIS 1950: Vergangenheit in Farbe. Mit den Chronisten Rinhold Nägele & Fritz Steisslinger auf Streifzügen durch unsere Stadt – eine Spurensuche in Schlaglichtern

In der großen Sonderausstellung »Böblinger Bilderbogen« werden erstmals die beiden befreundeten Maler Reinhold Nägele (1884-1972) und Fritz Steisslinger (1891-1957) mit Bildern der Stadt und der näheren Umgebung, die sie während ihrer Wirkungszeit in Böblingen gemalt haben, zueinander in Bezug gesetzt.

Von den beiden in der Region verwurzelten, zugleich deutschlandweit renommierten Künstlern können in dieser sich an der Schnittstelle von Kunst, Stadthistorie und Heimatgeschichte ausgerichteten Doppelausstellung teilweise noch nie öffentlich gezeigte Gemälde, Miniaturen, Hinterglasbilder, Zeichnungen und Grafiken aus insgesamt fünf Jahrzehnten präsentiert werden. Ein besonderes Highlight bildet die geschlossene Präsentation der »Böblinger Bilder« aus der Frühphase des bis zu seiner Emigration 1939 in Stuttgart leben den »Malerstars« Reinhold Nägele, die auf dem Kunstmarkt und in überregionalen Sammlerkreisen äußerst begehrt sind und erstmals umfassend zusammengetragen werden konnten.

Reinhold Nägele ist mit seltenen Ansichten und spektakulären Ausschnitten des zeitgenössischen Stadtlebens vertreten, die 1916, mit Beginn seines auf dem Böblinger Flugplatz zu absolvierenden Militärdienstes, entstanden sind. Demgegenüber rundet sein Kollege Fritz Steisslinger die Schau mit einem über mehrere Jahrzehnte verlaufenden Stadtbilder-Pano rama an Gemälden aus den »goldenen wie giftigen« Zwanzigern über die »Zeitenwende« der 1930er- und 1940er-Jahre bis zu den »Aufschwungjahren« der Nachkriegsära ab.

Beim Anblick der farbenfrohen Werke, die in eine architektonisch aufwändig gestaltete Ausstellungsszenerie eingebettet und der Thematik entsprechend mit zeitgenössischen Schriftstücken, topographischen Plänen, nachgebildeten Modellen und zeittypischen Exponaten angereichert sind, kann Nostalgie aufkommen: Denn die Malerfreunde halten in dieser buchstäblichen »halben Jahrhundertschau« den Weg einer sich rasant wandelnden, in die Moderne aufbrechenden, zuvor noch verstärkt landwirtschaft lich geprägten Kleinstadt in atmosphärisch eindrücklichen und gleich zeitig zeitdokumentarisch wertvollen Ansichten fest. Im retrospektiven Kontext zeichnen sie farbenfrohe Puzzlestücke einer wechselvollen Stadtgeschichte, die
ansonsten mehrheitlich anhand von Schwarz-Weiß-Fotografien überliefert worden wäre.

Gemäß einer Zeitreise zurück ziehen sie uns schlag(licht)artig in die Vergangenheit, erzählen uns längst Vergessenes oder Verdrängtes und lassen uns in Erinnerungen schwelgen… Zugleich spannen die Bilder einen Bogen vom vergangenen Jahrhundert in die Jetztzeit und stehen – aktueller denn je – als Mahnmale: Denn die Bilder malen neben einst geschaffenen und im Schicksalsjahr 1943 unwiederbringlich verlorenen Wahrzeichen zu dem stellvertretend die Chronologie einer vormals unversehrten Stadtgestalt im Südwesten Deutschlands vor der verheerend verlaufenden Zeitenwende im »Dritten Reich«.