Aloisia Föllmer zur Ausstellung “Weniger”

Das Reduzierte wird immer mehr …über Johannes Gervé

Landau März 2020
Diese Ausstellung ist ein Fest für die Augen, da die moderne Kunst sich in diese ehrwürdigen Räume der Villa Streccius so wirkungsvoll einfügt.
Nehmen Sie sich Zeit für die Betrachtung der Werke, damit die Konzentration, die die Künstler in ihre Arbeiten hineinlegen, auf sie wirken kann. Sie werden empfinden, dass Weniger mehr ist.

Der Titel der Ausstellung lautet „Weniger“.
Wir leben in einer Zeit, die geprägt ist von Überfluss und drohendem Kontrollverlust. Andererseits haben wir in den letzten beiden Jahren sowohl schmerzhaft wie auch wohltuend erleben müssen und dürfen, was es heißt, auf vieles zu verzichten bzw. reduzierter zu leben.


Johannes Gervé, Jahrgang 1965, studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Seit 32 Jahren ist er freischaffender Künstler, der seine Seestücke oder Abstraktionen in Galerien und Kunstvereinen in ganz Deutschland zeigt.
Seine Arbeiten sind in bedeutenden Kunstsammlungen wie z. B. der Sammlung Würth, der Städtischen Galerie Karlsruhe, dem Regierungspräsidium Stuttgart vertreten.
Johannes Gervé, der auf den Meeren der Welt herumgekommen ist, macht da, wo der Horizont noch erahnbar ist, das Meer in seiner unendlichen Ausdehnung fühlbar.
In seinen Bildern finden sich keine Linien, dafür dominieren reine Farbklänge. Warme Rot- und Gelbtöne, verhaltene Blau- und Graufärbungen, helle und dunkle Farben weiten wie sanfte Akteure ihre leise, unaufdringliche Präsenz aus, mal flächig, mal in fliehender Malbewegung, mal in leicht geballter bzw. wolkiger Form.


Die Farben bestimmen den gesamten Bildeindruck und behaupten sich in ihrer andeutungshaften Erscheinung
wie zarte Nebel.
Ihr leises An- und Abschwellen, ihr flüchtiges Vorbeiziehen ist vergleichbar mit dem Verklingen von Klängen in der Musik.

Der Künstler malt auf Flachsleinwände, die er mit einer Mischung aus Kreide und Knochenleim grundiert. Er verwendet hierzu eine eigens hergestellte Tempera-Farbmixtur und legt seine Bilder in bis zu sieben Schichten an.
So manchem Bild ist in seiner eher monochromen farblichen Erscheinung nicht anzusehen, dass es nahezu alle Farbtöne im Untergrund enthält.

Die sensible Spannung der Bilder von Johannes Gervé wird durch dynamische wie auch abwägende Malbewegungen sowie durch den deckenden und lasierenden Farbauftrag bestimmt.
Die Farben vermitteln Transparenz und Leichtigkeit.


Die Farben machen dort, wo sie noch eine Landschaft erahnen lassen, Nähe und Ferne, Wasser und Himmel nahezu ununterscheidbar. Ihr großflächiger, annähernd monochromer Farbauftrag mit seiner beruhigenden Ausstrahlung lädt zur Kontemplation ein. Je länger man die Bilder auf sich wirken lässt, desto lebendiger erscheinen sie und desto mehr öffnet sich die Tiefe des Bildraums.

Die Skulpturen von Joachim Jurgelucks und die Bilder von Johannes Gervés kennzeichnet Bewegung, wodurch ihnen Wandel eingeschrieben ist.

Gervés Bildern atmen zudem die Empfindung von Zeit. Im Vorüberziehen der Farben, in ihrem Erscheinen und Entschwinden klingen Werden und Vergehen an.
Und wenn Gervé davon spricht, dass seinen Landschaften Melancholie innewohnt, meint er vielleicht diesen Aspekt der Vergänglichkeit.


Und da ist noch das Licht. In seinem zarten Schimmer, in seinem verhaltenen Leuchten klingt es aus der Tiefe hervor und lässt sich nicht verorten. Es entführt ins Sphärische und berührt Immaterielles, Geistiges.
Die konsequente Verfolgung des „Weniger“ führt Joachim Jurgelucks letztendlich zu radikalen Linienkompositionen und rückt die Bilder von Johannes Gervé in die Nähe der Farbfeldmalerei.
Und da bei beiden der künstlerische Herstellungsprozess mit Versenkung einhergeht, berühren ihre Arbeiten jene Fülle, die die Stille mit sich bringt.


Die Künstler lassen sich also von dem ergreifen, was in ihnen ist.
Nicht mehr und nicht weniger.

Aloisia Föllmer