Das moderne Denken im Kunstmuseum herausfordern.

ZKM Karlsruhe

ZKM | Karlsruhe ist zusammen mit dem Weizenbaum-Institut Berlin Kooperationspartner des Forschungsprojektes »Gedankenausstellungen«.


Am Zentrum »Art as Forum« der Universität Kopenhagen startet das zweijährige Forschungsprojekt »Gedankenausstellung«, welches sich dem von Peter Weibel und Bruno Latour entwickelten kuratorischen Konzept zur Hinterfragung der »dualistischen Mentalität« der europäischen Moderne widmet. Das Forschungsprojekt wird von dem Medien- und Kulturwissenschaftler Dr. Daniel Irrgang im Rahmen seines Marie-Skłodowska-Curie-Stipendiums durchgeführt.

Das Forschungsprojekt »Gedankenausstellung« untersucht den kuratorischen Ansatz, den Bruno Latour und Peter Weibel sowie wechselnde Kurator:innen im Rahmen von vier Ausstellungen am ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, entwickelt haben. Die Ausstellungen zielten darauf ab, die dualistische Mentalität (Trennungen wie etwa Natur/Kultur, Objekt/Subjekt usw.) zu hinterfragen, die von der europäischen Moderne gefördert wird und die, so Bruno Latour, auch aktuellen Krisen wie dem Klimawandel zugrunde liegt.

Aufbauend auf den Arbeiten Bruno Latours im Bereich der Wissenschaftsforschung und Philosophie ist eine „Gedankenausstellung“ als Ausstellungsformat für Kunst und Wissenschaft konzipiert. Abgeleitet vom Begriff des Gedankenexperiments setzt das Konzept sich kritisch mit der dualistischen „modernen“ Denkweise auseinander, die das Weltbild der sogenannten westlichen Kulturen stark beeinflusst. Eine Sichtweise, die historisch anderen Kulturen oft aufgezwungen wurde. Die Gedankenaustellungen am ZKM setzten sich mit Dualismen wie der Trennung von Natur und Kultur auseinander, die die Grundlage für andere Dualismen bildet, zum Beispiel die Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt oder die scheinbar objektive „Außen“-Perspektive der Wissenschaft gegenüber der subjektiven „Innen“-Perspektive der Natur. Diese Dualismen, die Hierarchie und Herrschaft implizieren (Kultur über Natur, Subjekt über Objekt usw.), bilden den Kern großer Herausforderungen, vor denen die Welt von heute steht und von denen der Klimawandel wohl die am weitreichendste ist.

Das Konzept der Gedankenausstellung baut auf Latours philosophischen Hauptwerken »Wir sind nie modern gewesen« (1991) und »Existenzweisen. Eine Anthropologie der Modernen« (2012) auf. Die Ausstellungen sind aber keine bloßen „Veranschaulichungen“ von Ideen, die auf Buchseiten entwickelt wurden: Im explorativen und partizipatorischen Raum eines Kunstmuseums, einem Raum für Reflexion und Experiment, treffen die Besucher:innen einer Gedankenausstellung auf Kunstwerke und Objekte wie wissenschaftliche Instrumente sowie auf Performances und Workshops, die moderne Dualismen und ihre Erscheinungsformen in Frage stellen. Gedankenausstellungen sind Parcours, die die Besucher:innen als Akteur:innen in ein räumliches und ästhetisches Gedankenexperiment involvieren, indem sie Vorurteile in Frage stellen und Alternativen vorschlagen.

Das Konzept der Gedankenausstellung wurde im Laufe von vier Ausstellungen am ZKM | Karlsruhe entwickelt. Das Forschungsprojekt wird die vier Ausstellungen als Fallstudien analysieren, um ihre Bedeutung für Latours allgemeine Arbeit sowie die Prämissen des Konzepts, seine kuratorischen Methoden und Implikationen als neues Format für Kunstinstitutionen zu untersuchen. Die letzte Gedankenausstellung, »Critical Zones. Horizonte einer neuen Erdpolitik«, die bis zum 9. Januar 2022 am ZKM Karlsruhe zu sehen war, lud die Besucher:innen ein, sich mit der kritischen Situation unseres Planeten auseinanderzusetzen und „neue Modi des Zusammenlebens zwischen allen Lebensformen zu erkunden“. Weitere Gedankenausstellungen waren »Iconoclash. Jenseits der Bilderkriege in Wissenschaft, Religion und Kunst« (2002), die Ikonoklasmus in unterschiedlichsten Ausprägungen sowie dessen Positionierung der Besucher:innen (im kulturellen und räumlichen Sinne) untersuchte, »Making Things Public. Atmosphären der Demokratie« (2005), welche den Begriff der politischen Repräsentation auf nicht-menschliche Akteure ausweitete, und »Reset Modernity!« (2016), die fragte, was wir eigentlich sind, wenn „wir nie modern waren“, sowie zur Entwicklung von alternativen Zukünften jenseits von Wachstumsnarrativen der Globalisierung aufrief.

Trotz der Relevanz sowohl von Latours Werk als auch des ZKM | Karlsruhe als eines der weltweit führenden Kunstmuseen wurde das Konzept der Gedankenausstellung bisher kaum erforscht. Das Forschungsprojekt möchte diese Lücke füllen, indem es diesen kuratorischen Ansatz untersucht, der auf dem ästhetischen und partizipatorischen Potential der Künste aufbaut, wichtige Themen anzusprechen und Menschen in Veränderungsprozesse mit einzubeziehen.

Marie Skłodowska-Curie Fellowship, European Commission/REA, grant agreement no. 101028379

Gastgebende Institution:
Centre Art as Forum, Universität Kopenhagen (Supervisor: Prof. Frederik Tygstrup)

Partnerinstitutionen:
ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe,
Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft, Berlin