…lass das Sägen einfach sein – über Wolfgang Neumann

Aktuelle Ausstellungen und Projekte von und mit Wolfgang Neumann

…lass das Sägen einfach sein

Seit bald 30 Jahren schreibe ich die Künstlerporträts für das kunstportal-bw. Viele Leser begleiten unsere gemeinsame Reise zur Kunst, durch die Kunstwelt. In unserem Juli-Porträt – inzwischen der 270. Beitrag dieser Reihe – geht es um den in Waiblingen bei Stuttgart lebenden Künstler Wolfgang Neumann. In den verschieden(st)en Ausdrucksformen arbeitend nimmt Wolfgang Neumann unsere gesamte Lebenswelt in den Blick.

Bild rechts: Baaahn, 2022
Acryl und Lack auf Leinwand, 120 x 150 cm

Wieder ist der Anfang schwierig: “Wo fange ich nur an, wie kann ich hier – bedroht von einem überwältigendem Tsunami von Bildern und Medien (Medien im weitesten Sinne) – (m)einen, den oder zumindest einen roten Faden finden?”
Dieser Hilferuf erscheint sicherlich vielen Menschen in unserer heutigen Mediengesellschaft eher vertraut als fremd. Die “Bilderflut“ im Allgemeinen und im Internet insbesondere die Überschüttung mit (fast immer störender) Werbung und fake news ist Teil unseres Alltags geworden.

Obwohl ich Wolfgang Neumann zuerst und vor allem Linie als Maler wahrnehme und durch seine bildnerischen Werke auf ihn und seine Arbeit aufmerksam wurde, wird doch schnell klar, das dieser Künstler nicht nur in praktisch allen Bereichen der Kunst unterwegs ist, sondern, dies ist meine Arbeitshypothese, die Auseinandersetzung mit unserer gesamten Medienwelt zum zentralen Thema seiner künstlerischen Auseinandersetzung macht.

Der Vielfalt der vielen medialen und damit ja auch sinnlichen Eindrücke begegnet er seinerseits mit allen Techniken/ Medien der Kunst: Das Standardrepertoir ist nur der Anfang: Malerei, Zeichnung, Radierungen, Druckgraphik, Plastik. Hinzu kommen dann Digitale Grafik, Installation/Objekt und Video, Musik, Lyrik und andere Texte. Und immer wieder zurück zum Handmade-Medium Malerei und Zeichnung – dem “Seismograph der Hand” (Wolfgang Neumann).
Neumann selbst unterteilt auf seiner Website seine Arbeit in mehrere Rubriken: Werke, Räume, Musik, Lyrik, Text.

Rawdeo 1, 2010; Tusche auf Karton
29,7 x 21 cm; (Privatsammlung)

Doch nutzt Wolfgang Neumann, der nicht nur Malerei und Kunstgeschichte studiert hat, sondern dann auch  Intermediales Gestalten (Schwerpunkt Video / Performance / Bühne), alle ihm verfügbaren Werkzeuge und Medien:  als Inhaltsquelle, als Inspiration. Medien im umfassenden Sinne:
1. Im Sinne von Wahrnehmungssinnen) (sehen, hören, spüren riechen) und
2. im Sinne zu konsumierender Medien (Zeitung, Radio(?), Fernsehen.

Kunstgeschichtlich und auch kultursoziologisch umfassend gebildet, greift der Künstler auf alles zurück, was schon da ist: seine Werke sind voller Zitate und oft überraschender Verbindungen: Berühmtheiten von Freud bis Marx, von Filmfiguren (James Bond u.a.) über Comichelden bis hin zu Klischeefiguren (The „all-american girl“) – alle erhalten in der Bildwelt Wolfgang Neumanns ihren Platz und ihr Recht; immer wieder auch entdecken wir Selbstporträts – der Künstler ist mittendrin.

Bild rechts: Paradex, 2010
Acryl auf Leinwand, 200 x 150cm

Dabei entdecken wir eine “medienübergreifend durchgehende” eigene Handschrift – sowohl in seinen bildnerischen Arbeiten als auch in seinen Texten: der Künstler be- und verurteilt nicht; er bewertet überhaupt nicht, sondern formuliert frei assoziierend seine Bilder; er selbst spricht einmal von “wogend-schwappenden Formationen” …
Der “konkret-gegenständliche” Inhalt tritt dabei in den Hintergrund; mehr geht es dem Künstler wohl um den malerisch freien, sehr intuitiven Umgang mit der Außenwelt
Prozesshaft mit seinen Materialien umgehend, entstehen subjektive Wahrnehmungen / Beschreibungen, die wir gleichwohl als politisch-kritisch verstehen dürfen als auch wiederum als dargestellte Prozesse sehen können. Nur die Kunst vermag es, solcherart innere Welt (modisch-modern fast schon ein Unwort: Befindlichkeiten) und äußere Welt gleichzeitig sichtbar zu machen.

Es kracht mal rechts
Es kracht mal links
Autopilot in der Mitte
Es schwirrt was übers Dach
Es kommt was unters Rad
Wir nehmen die goldene Mitte
Und wir blinken überall
(…)
Es gibt keine Falschfahrer mehr
Alle rotieren im großen Kreisverkehr
Alle fahren kaum noch raus
Nur noch rein
Die Fahrbahnmulden fräsen sich
Tief im Boden ein
(Wolfgang Neumann: Mittig, 2013)

Bild links: Längstrenner, 2006
Acryl auf Leinwand, 100 x 80cm

Im Bild links vermuten wir Lex Barker, der sich als Old Shatterhand selbst (als Jäger) mit Lebensmitteln versorgt. Dies erinnert an den Performance-Künstler Christian Jankowski, der sich in seinem Projekt “Die Jagd” eine Woche lang nur von Lebensmitteln ernährt hatte, die er sich zuvor selbst mit Pfeil und Bogen im Supermarkt geschossen hatte …Mit viel Abstand gelangt Wolfgang Neumann mitten ins Zentrum? Nein, es ist umgekehrt: aus dem Zentrum (Existenzsicherung, Nahrung) heraus beschreibt der Künstler deren heutige mediale Ent- und Verfremdungen; bei allem Ernst nie ohne Humor. Wie schon seinerzeit bei den Hofnarren ist es auch heute so, dass Satire mehr Raum für Wahrheit schafft.

Beim unbedingt zu empfehlenden Besuch der Website des Künstlers werden Sie noch viele weitere Werke entdecken, in denen Wolfgang Neumann mit satirischem Blick die Realität exakt zeichnet, formuliert. Während uns das Lachen im Halse stecken bleibt, lässt der Künstler Zusammenhänge für uns aufscheinen, die wir vielleicht schon verdrängt haben. Hier wird Wolfgang Neumann unmittelbar politisch. Die satirische Perspektive ist wahrscheinlich auch eine “Bedingung der Möglichkeit” (Immanuel Kant), all dem, was uns sonst oft furchtbar aufgeregt, mit verblüffender Ruhe und Gelassenheit zu begegnen; mit Kunst zu binden.

Bild oben: Wolfgang Neumann, 2022 (Foto: Paul Robert Reif)

Bild rechts: Energy Drunk, 2011
Acryl und Lack auf Leinwand, 160 x 120 cm (Privatsammlung)

Ja, Satire und Kunst schaffen mehr Raum, den wir dringend benötigen, um zu sehen. Nicht nur, um Kunst zu sehen, sondern um das Leben, die Welt zu sehen. Denn unsere Welt – eben als die digitalisierte Medienwelt, die wir (wie oben und schon in früheren Porträts beschrieben) wahrnehmen, scheint oder ist zwar einerseits voller (überfüllt und zugemüllt) geworden, aber mitnichten größer, ganz im Gegenteil: reduziert (technisch und, ja leider, letztlich auch inhaltlich) auf 5,5 bis 6,6 Inch Displaydiagonale unseres “Smart”phones, sehen wir heute kaum mehr die Weite des Horizonts, die Caspar David Friedrich sah, auch nicht die Lebendigkeit des Meeres William Turners. Stattdessen sehen wir nur noch den Teil unserer Konsum-, Pop- und Medienwelt, den Big Brother uns durchgeben will – umrahmt von störender, manchmal genialer, meist leider stupider, schlechter Werbung zu den neuesten Must-Haves. Ja, Big Brother still lives: die Werbung ist derart zielgruppengenau, dass die Rasterfahndung, gegen die Anfang der 80er Jahre (Volkszählung nein danke!) noch recht viele auf die Straße gingen, nicht mal mehr einen Lacher wert ist. Fast täglich werde ich per Werbemail an mein Alter erinnert, durch deutliche Hinweise auf die Möglichkeit, wie ich meinen Treppenlift mit ein paar Tausend Euro vom Staat gesponsert bekommen könnte.
Lieber bleibe ich im Erdgeschoss, wo der Rollator (ächz) noch ausreicht. Wolfgang Neumanns Kunst hilft mir bei dem Versuch, den Blick auf die Weite zurück zu gewinnen; zu versuchen, das verloren geglaubte Ganze wieder vor den Horizont zu bekommen. Er selbst sagt in einem Interview, dass “gegenständliche Malerei wieder möglich sei”, was er ja letztlich auch selbst beweist. Dies bitte nicht falsch verstehen: Früher war nicht alles besser. Doch gut ist es, Möglichkeiten der Wahrnehmung, die verloren zu gehen drohen, (zurück oder wieder-) zu gewinnen. Weiterhin, und nun aufgefrischt durch Wolfgang Neumanns Arbeit, erlebe ich die Kunst immer wieder als “Spielraum des Geistes“.

Wohl wissend, dass der einzelne kaum die Welt zu begreifen vermag, entdeckt und geht Wolfgang Neumann neue Wege: nebenberuflich arbeitet er als Kunstvermittler, als Kurator und Ausstellungsmacher :
Im Waiblinger Ortsteil Bittenfeld hat der Künstler erst kürzlich die Räume einer ehemaligen Apotheke bezogen. (aktuelle Gruppen-Ausstellung: “Heilsam – was gut tut”)

Der Besucher betritt eine Kunstgalerie, in der Neumann thematische Gruppenausstellungen und dann auch eigene Ausstellungen präsentieren wird. “Hinter” der Galerie befinden sich seine Atelier – und Arbeitsräume. All dies firmiert nun unter dem Namen Atelier Wolfgang Neumann / Bildzentrale.

Im kurzweiligen, intensivem Gespräch mit dem Künstler glaube ich schließlich, ein Zipfelchen zu entdecken, das uns auf einen roten Faden führen könnte: Wolfgang Neumann versucht nicht, alles sozusagen umfassend zu begreifen, sondern geht dialektisch den umgekehrten Weg: modern und mediengerecht arbeitet er selektiv, von allem, was er sieht und wahrnimmt, wählt er seine Themen, wählt die Aspekte und dazu seine jeweilige Herangehensweise, um seine Themen künstlerisch zu bearbeiten und sie mit Humor und mit politisch-kritischer Reflektion zu hinterfragen..

So zeigt er uns einen Weg vom Ganzen zum Wesentlichen: nicht jedoch von außen betrachtend (zusammenfassend, integrativ) , sondern von innen heraus (selektiv) forschend: Selbst mitten in der Welt, sucht und finden die Kunst und der Künstler Wege nach (dr)aussen, um dann sich selbst und die Wirklichkeit mit Abstand zu erkennen.

Bild rechts: Sweet Birds of Paradox, 2010
Assemblage aus Puppen, Schaumstoffwürfel, Kleber, ca. 35×35 cm (Privatsammlung NRW)

Noch mehr vielleicht als in seinen bildnerischen Werken verdeutlicht Wolfgang Neumann in seinen Texten, wie eng zum einen Worte und Bilder verbunden sind und wie sehr es insgesamt, bei der Betrachtung der Welt, auf die Perspektive ankommt:

Dein Ast am Baum der Erkenntnis
gibt den Blick auf Landbau frei
auf Schrebergärten, verblühte Rosen, die Obstbrennerei
du musst hier leben
alle Risse gehen dir auf den Leim
du sollst sie kleben

lass das Sägen einfach sein.
(aus: Wolfgang Neumann: “Kleben am Ast”)

Text: Jürgen Linde über Wolfgang Neumann im Juni 2024