Hinkelstein 65 | 11.01.2026 | „This is not America“, part one

Hinkelstein, der wöchentliche Newsletter des kunstportals baden-württemberg:
Am Sonntag frisch auf den Screen

Liebe kunstportal-baden-wuerttemberg-Leserinnen und Leser,

Ist es nur Wunschdenken eines früheren Amerika-Bewunderers (ja, ich); Ist es nur mein kerngesunder Zweckoptimismus?
Hauptsache egal: zwei Hinkelsteine wenden wir auf, nicht um zu beweisen (das können wir nicht), aber um plausibel zu machen und uns selbst zumindest einzureden: This is not America!:
Hier die Musik dazu von David Bowie und der Pat Metheny Group (1985): This is not America

Bild oben: Tech-Milliardär Musk nach der Amtseinführung von US-Präsident Trump: Nutzte X, um Trumps Wahlkampf zu unterstützen und rechtextreme Ideen zu verbreiten, sagt O’Mara. Foto: AFP

im letzten Hinkelstein,Nr. 64 am 31.12.2025, war es mir nicht eben leicht gefallen, den Jahreswechsel/ den Ausblick nach 2026 irgendwie positiv klingen zu lassen.Sicher haben Sie dies bemerkt, weil Sie wahrscheinlich selbst die politische/gesellschaftliche Entwicklung kritisch beobachten.

Ein wenig haben wir deshalb getrickst: die leicht positive Aussicht – „als ob es ein Morgen gäbe“ – wurde leichter darstellbar, weil wir den ja ebenfalls fälligen Jahresrückblick auf die Trump-Politik insbesondere und damit auf Politik und Gesellschaft insgesamt verschoben haben auf diesen heutigen Hinkelstein:

Bleibt also viel aufzuarbeiten – beginnen wir mittendrin:
Die kantige Visage der Macht unserer Zeit war der Titel eines Beitrages von Monika Mühl in der FAZ vom 29.01.(Feuilleton; S. 9) , der uns daran erinnerte, dass wir schon vor ca. 1,4 Jahren, zu Beginn der Hinkelstein-Reihe die integrierende Gewalt der zunehmend allumfassenden Popkultur als zeitgemäße Perspektive erkannt hatten, um die heutige Mediengesellschaft zu analysieren, in der es zwischen Popkultur und Politik keine Grenzen mehr gibt.
Was aber haben nun die botoxdeformierten Gesichter und Silikonbusen ín der Popwelt und offenbar zunehmend auch im politischen Lager Trumps, in dessen Umfeld, zu tun mit Trumps Politik, mit Trumps Weltbild und Ideologie?

Die Frauen in Trumps Umfeld ähneln einander auf unheimliche Weise. Sie alle tragen das  Mar-a-Lago-Face. Es kostet sehr viel Geld und symbolisiert maximale Härte. Was treibt die Frauen zu dieser ästhetischen Unterwerfung? fragt Melanie Mühl. (a.a.O.)

In der immer schon besonderen Ästhetik der amerikanischen Elite geht es heute darum, Macht, Stärke, Durchsetzungsfähigkeit zu demonstrieren. Und es soll offenbar künstlich aussehen: die Bereitschaft, viel Geld und Leidensbereitschaft zu investieren in diese Symbole der (Zuge-)Hörigkeit ist nur ein weiteres Zeichen der Entschlossenheit.
Geschäftstüchtige plastisch-ästhetische Chirurgen werben bereits mit dem “Mar-a-Lago-Face“.

US-Heimatschutzministerin Kristi Noem hat eine Rolex im Wert von 50.000 Dollar während eines Gefängnisbesuchs getragen.;  AP Photo/Alex Brandon

Das alles kommt uns doch irgendwie bekannt vor?Unsere Superreichen orientieren sich wohl an den richtigen Superhelden aus der Comic-Welt, die in den USA ja irgendwie schon ein Teil der realen Kultur ist:

Ein Modul der Software Palantir von Peter Thiel hat ja den Namen Gotham, das ist bekanntlich der Ort, wo der gute Bat-Man für Ordnung sorgt. Der Name Palantir stammt aus J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ und bezieht sich auf die magischen „Sehenden Steine“ (Palantíri), die Kommunikation und Beobachtung über große Entfernungen ermöglichen. (Quelle:IT-Business).Vielleicht kommen ja unsere Supermen vom Planeten Krypton?
Jedenfalls sind sie eher nicht von dieser Welt.

Kürzlich erschien im Handelsblatt ein sehr erhellender Beitrag, der vertieften Einblick gibt in das Denken und die Ideologie unserer neuen amerikanischen Supermen (es sind ja nur Männer):
Ein Interwiev von Felix Holterman am 05.01.2026 mit der Historikerin Prof. Margaret O’Mara:
O’Mara ist so etwas wie die Chronistin des Valleys. Ihr Buch „The Code“ zur Geschichte der Tech-Industrie gilt als Standardwerk. Sie beschreibt darin, wie sich einst obskure Start-ups namens Google oder Facebook zu globalen Machtzentren aufschwangen und was das mit ihren Gründern zu tun hat.

Wir wollen der Historikerin, die „das Valley“ ja schon lange beobachtet und analysiert, hier etwas mehr Raum geben, da sie viele Aspekte, die wir im Hinkelstein schon ähnlich auf dem Screen hatten, in ihren eigenen Texten mit wissenschaftlicher Distanz sehr gut kritisch erläutert:

Bild oben: Tech-Milliardär Zuckerberg mit US-Präsident Trump beim Abendessen im Weißen Haus: Zuwendung auf zwei Ebenen. Foto: dpa

O’Mara warnt vor den Plänen der Valley-Milliardäre. Im Interview erklärt sie, warum viele Ideen der Tech-Titanen albern sind – sie aber ernst genommen werden müssen.
Quelle Handelsblatt: Interview: „Die Räuberbarone des 19. Jahrhunderts gleichen der Tech-Elite“

Schauen Sie sich Mark Zuckerberg an. Seit er 19 Jahre alt war, wird ihm gesagt, wie brillant er sei. Er könne nichts falsch machen. Er sei so klug. So ging es vielen Tech-Vordenkern. Sie sind sozial isoliert aufgewachsen und haben dann früh extremen Erfolg erlebt. Das hat sie zu seltsamen, mittelalten Männern gemacht, die zu viel Zeit mit ihresgleichen verbringen. Sie haben ein übersteigertes Selbstbild entwickelt. Sie glauben an ihre intellektuelle und genetische Überlegenheit.
Sie stellen Technologie über alles und vertreten die Vorstellung, dass die üblichen Regeln für geniale Unternehmer nicht gelten.

Diese Männer wurden schon in jungen Jahren zu Milliardären, ohne Impulse von Menschen, die nicht auf ihrer Gehaltsliste stehen und sie Demut gelehrt haben. Sie sind umgeben von Schmeichlern und Jasagern. In der Folge haben sie nie gesellschaftliche Verantwortung gelernt. Diese Mischung aus extremem Reichtum, frühem Erfolg und einem ausgeprägten Selbstbewusstsein führt zu einem problematischen Weltbild. Sie stellen Technologie über alles und vertreten die Vorstellung, dass die üblichen Regeln für geniale Unternehmer nicht gelten.

Teilnehmer dieser Gesprächsrunden berichten, dass der Kreis um Thiel unter anderem über eine Art römische Militärdiktatur als Zukunftsmodell spricht: einen postdemokratischen Staat, der sich auf die Macht des Militärs stützt.

Es gibt viele dieser alternativen Gesellschaftsmodelle. Sie sind zutiefst antidemokratisch – und entsetzen mich als Amerikanerin. Sie sind eine Antithese zum amerikanischen Projekt. Sie legen aber auch die Hybris dieser Männer offen. Sie haben sehr viel Macht und sind davon zunehmend berauscht. Aber der Literaturkanon, den sie lesen – oder vorgeben zu lesen –, ist unvollständig. Ihre Bildung ist lückenhaft. Ihre Ideen sind, es tut mir leid, einfach nur albern. Es sind adoleszente Ideen von Männern, denen es an Empathie mangelt und an historischem Verständnis, wie die Welt funktioniert.

Ebendies erscheint mir als die angemessene Einordnung unser Supermen. Anders als wir low-performenden Normalos, leben sie in ihrer eigenen Welt, vielleicht schon bald auf dem Mars oder zumindest auf regierungsfreien Inseln in internationalen Gewässern?

Hier auf der Erde scheint sich ja jetzt, nach der Entführung von Venezuelas Maduro, alles nach Plan zu entwickeln – nach dem Plan von George Orwell, der in 1984 ja unter anderem die Aufteilung der politischen Welt in drei große Machtblöcke prophezeit hat: die USA zementieren ihre Macht über ihre natürliche Hemisphäre in Mittel- und Südamerika; Grönland und Kanada kommen noch dazu; wobei es nicht unbedigt darum geht, die kontrollierten Länder als Gebiet (vielleicht als neue Bundesstaaten) zu übernehmen (oder gar zu demokratisieren!), entscheidend ist die politische Kontrolle: Venezuela etwa könnte durchaus als Staat Bestand haben, wenn die Diktatur nach Maduro stabil ist und die gewünschten Deals eingeht. Die „Donroe-Doktrin“ postuliert ein Machtgebiet, das autark existieren kann.

Trump treibt dies voran, auch weil innenpolitisch unter hohem Druck steht: seine Stammwähler, etwa die konservativen Farmer im mittleren Westen, leiden massiv unter den Folgen der trump’schen Zoll-Exzesse zu Beginn seiner zweiten Amtszeit; Zahllose Normalamerikaner zahlen seit Januar rund doppelt so hohe Krankenkassenbeiträge und stehen finanziell am Rande des Abgrunds. Trumps Beliebtheit bewegt sich stetig abwärts.
Trump hat im Wahlkampf noch alle motiviert, doch bitte unbedingt zur Wahl zu gehen – es sei auch das letzte Mal, dass man würde wählen müssen.
Solange es aber in den USA noch freie Wahlen gibt, und die Kongresswahlen im November wird auch Trump nicht verhindern, sind Trump und sein Team in Gefahr.

Denn das Amerika , das Trumps Machtzirkel vorschwebt, ist nicht das Amerika des oft im besten Sinne konservativen, demokratischen und freiheitsliebenden Amerikaners. Es gehört zum amerikanischen Grundkonsens, eher dem einzelnen zu vertrauen und dem Staat eher zu mißtrauen. Der Patriotismus gilt dem Land, auf das man stolz ist, nicht der jeweiligen Regierung. Für einen Staat, der von Dagobert Duck & Co. geführt wird, ist sicherlich kein Platz im American Way of Life. Ergo:

This is not America.

Mag sein, dass sich die (geo)politische Welt „explizit“ in drei Machtblöcke aufteilen wird (was ja de facto schon so ist), doch die Welt der Wissenschaft und Kunst, die Welt des Geistes, entzieht sich dieser absurden Fehlentwicklung: ein Beispiel nur: das yichuan art museum in China zeigt ab 16.01.2026 die Ausstellung „boundless – german contemporary art“; klarerweise ist auch Baden-Württemberg dabei, unter anderem mit Camill Leberer.
Unser kleines gallisches Dorf bleibt unbesiegbar; Grenzen werden ignoriert: Kunst geht weiter., boundless.

Daher gibt es auch in 2026 im kunstportal-bw täglich gute Nachrichten aus der Kunst:

Neu am 11. Januar 2026: | Künstler | 16.01. – 15.03.2026 | Camill Leberer u.a. | yichuan art museum, yichuan,China: | „boundless – german contemporary art“
Neu am 11. Januar 2026: | Neu im kunstportal-baden-wuerttemberg: | Neu-Ulm: | das Edwin Scharff Museum
Neu am 11. Januar 2026: | Edwin Scharff Museum Neu-Ulm: | bis 03.05.2026 | Tanze dein Leben – Tanze Dich selbst
Neu am 11. Januar 2026: | Dazu | Kunstausflüge mit Sigrid Balke | Tanz wird Kunst
Neu am 11. Januar 2025: | Newsletter Hinkelstein: | Hinkelstein 65 | 11.01.2026 | „This is not America, part one“