Marc Peschke | 09.01.2026 | Unterwegs im östlichen Spessart
In den Spessart geht es, mal wieder – wir haben es gar nicht weit. Hinein in den großen Wald, ein Wald der Superlative sogar, ist er doch der größte zusammenhängende Laubmischwald Deutschlands.
Der Spessart, dieser Naturraum zwischen Odenwald, Rhön und Vogelsberg, ist für die Menschen des Rhein-Main-Gebietes bis in den Würzburger Raum immer der Ort kleiner Fluchten gewesen – ein Blättermeer, ein Naturpark mit lieblichen Tälern, Bächen und Flüssen. Saale, Main, Kinzig und Sinn. Wie geht er noch, der alte Reim? Kinzig, Sinn und Main schließen rings den Spessart ein: das Mainviereck.

Bild oben: Schloss Lohr am Main
© Foto: Spessart-Mainland; Holger Leue
Wer die Bundesstraße 26 von Aschaffenburg nimmt, seinen Wagen durch den Hochspessart lenkt, der kommt irgendwann unweigerlich uns unterfränkische Lohr am Main. Lohr und der Spessart, das gehört zusammen. Genauso, wie der Main zu Lohr gehört. Auch Lohr ist durch den Main reich geworden. Im 18. Jahrhundert waren es Lohrer Schiffbauern, die in Wien und Prag Donau- und Moldauschiffe bauten.
Lohr und der Spessart, diese alte Geschichte erzählt seit vielen Jahren schon das Lohrer „Spessartmuseum“ im Schloss. Das Museum illustriert die Historie des großen Waldgebietes zwischen Hessen und Bayern, erzählt von hohen Herren und Habenichtsen. Fotos dokumentieren das Leben im Spessart. Ein hartes, einfaches Leben.
Doch gleichzeitig war der Spessart eine riesige „Holzfabrik“, adliges Jagdrevier und natürlich der geheimnisvolle Ort, wo Schurken ihr Unwesen trieben. Höhepunkt des Spessartmuseums ist deshalb neben vielen Exponaten zur Glasherstellung selbstverständlich die Spessarträuber-Abteilung, wo anhand von Originalobjekten und Rauminszenierungen von Banden und legendären Räubern erzählt wird, von finsteren Gesellen mit langen Gewehren, Bärten und Filzschlapphüten, denen Wilhelm Hauff mit seiner Erzählung „Das Wirtshaus im Spessart“ ein Denkmal gesetzt hat. Eine Entdeckungsreise hinter die romantischen Klischees vom Spessartwald verspricht das Museum Kindern und Erwachsenen. Also hinein ins Abenteuer Geschichte!

Bild links: © Foto: Marc Peschke
Doch Lohr bietet mehr als das Spessartmuseum. Es lohnen ein Bummel durch die sehenswerte Altstadt und vor allem auch ein Besuch der Stadtpfarrkirche mit den Grabmälern der Grafen von Rieneck. Es gibt noch traditionelle Gasthäuser in Lohr, holzvertäfelte, alte Wirtschaften wie das „Weinhaus Mehling“. Ach ja, das Schneewittchen, das soll der Legende nach im Lohrer Schloss geboren worden sein soll. Hinter den Spessart-Bergen, bei den sieben Zwergen. Märchenhafte Spuren deuten darauf hin …
Am nächsten Morgen geht es weiter nach Gemünden, etwa 20 Kilometer nach Nordosten, ebenfalls noch im unterfränkischen Landkreis Main-Spessart gelegen, etwa 40 Kilometer mainabwärts von Würzburg. Wir kommen ganz in der Nähe, in Gräfendorf-Michelau, im Hotel Saalestuben direkt an der Saale unter, ein gutes, sympathisches 3-Sterne-Haus mit Sauna.
„Ich stieg aufs Geradewohl in Gemünden aus, fand viel Frohsinn, drollige Gassen und Häuser und trank der Kellnerin Therese zuliebe 15 Schoppen Wein“. So hat sich Joachim Ringelnatz hier in Gemünden verlustiert, der bedeutende Schriftsteller, Kabarettist und Maler der Weimarer Republik. Im Sommer ist es hier ein Radel-Paradies, an Mainradweg, Saaleradweg, Sinnradweg und Wernradweg – doch auch in den stillen Wintermonaten lohnt die Reise.
Die mittelalterliche Burgruine Scherenburg dient im Sommer als Kulisse für das renommierte Gemündener Freilichttheater. Sie liegt auf einer Bergnase zwischen Main und Saale, mit Blick auf das Maintal, die Täler der Nebenflüsse, den Wald des Spessarts und die Weinberge des Fränkischen Weinlandes – alles in nächster Nähe. Die Burg kam 1469 unter Bischof Rudolph von Scherenberg an das Hochstift Würzburg und war bis zum 18. Jahrhundert bewohnt.
Ganz nah ist das stille Franziskanerkloster Schönau: drei Kilometer nördlich der Stadt im Tal der fränkischen Saale. Sehenswert in Gemünden ist auch das 300 Jahre alte Huttenschloss auf der rechten Saaleseite, das heute unter anderem ein Stadtmuseum, ein Film-Photo-Museum mit Kino und das Informationszentrum Naturpark Spessart beherbergt. Achtung: im Winter reduzierte Öffnungszeiten.
Ein ganz besonderer Garten ist der Ronkarzgarten, der zwischen 1830 und 1845 geschaffen wurde. Mit seinen roten Sandsteinstützmauern stellt er laut Bayerischem Landesamt für Denkmalpflege ein „bemerkenswertes und seltenes Zeugnis der bürgerlichen Gartenbaukunst“ dar und steht seit 1989 unter Denkmalschutz. Der Erbauer dieser Gartenanlage, Medizinalrat Heinrich Ronkarz, war ein Liebhaber des oberitalienischen Barock – und so hat er sich hier, am Main, sein italienisches Gartenparadies geschaffen.

Bild oben: Schloss Lohr am Main („Räuberausstellung)
© Foto: Spessart-Mainland; Holger Leue
Auch machen wir Station am Kloster Neustadt, zwischen Lohr und Marktheidenfeld. Das Kloster mit seiner Basilika, heute in großen Teilen neuromanisch, soll schon im 8. Jahrhundert gegründet worden sein. Es ist ein stiller Ort und einer der bedeutenden frühmittelalterlichen Kristallisationspunkte des Spessarts. 2023 haben die Dominikanerinnen das Kloster verlassen – Klosterhof und das Gelände sind aber zugänglich.
Von hier aus lockt uns noch einmal der Spessartwald. Unser Ziel ist das etwa 500 Meter hoch gelegene Forsthaus Aurora. Wir starten die gut ausgeschilderte Wanderung am Parkplatz vor dem Kloster Neustadt etwa 6 Kilometer südlich von Lohr. Zunächst geht es mit schöner Sicht auf das Maintal auf einem alten Sandsteinweg den Hornungsberg hinauf. Nach einem längeren Waldstück erreichen wir den geheimnisvollen, auf einer Lichtung gelegenen Margaretenhof. Schon eine halbe Stunde später sind wir im Forsthaus Aurora.
Das im Jahr 1936 erbaute Forsthaus hat nur an Sonn- und Feiertagen geöffnet. Am besten man ruft vorher kurz an unter 0170 3517995. Aurora ist einer jener Orte im Spessart, die sich mit Standhaftigkeit jedem neumodischen Diktat verweigern. Es führt keine Straße hierher. Die Gäste der Familie Pfeuffer, die das Haus mit dem Charme einer Berghütte auch bewohnen, sind Wanderer und Waldarbeiter. Man kocht hier einfach und gut: Es gibt Wildbratwürste mit Sauerkraut, Eier mit Speck oder Kochkäse. Dazu trinkt man einen selbst gekelterten Apfelwein. Ist kein Tisch mehr frei, kein Problem, dann rückt man am Kachelofen zusammen.
Hier endet unsere kleine Wochenendreise durch den östlichen Spessart. Man könnte noch weiter fahren, nach Hammelburg etwa, in die älteste Weinstadt Frankens, wo schon die bayerische Rhön beginnt. Und von dort vielleicht weiter nach Oberfranken, ins Coburger Land. Aber das ist wieder eine andere Geschichte …
Marc Peschke
© Text und Fotos: Marc Peschke