Vorab: das in den letzten 30Jahren entstandene Werk von Rainer Zerbacks ist zu vielfältig, auch zu umfangreich um im Rahmen eines unserer Künstlerporträts vorgestellt zu werden. Wir fokussieren uns deshalb in diesem Beitrag auf wenige Werke aus nur zwei der Werkserien und Werkgruppen, die der Künstler geschaffen hat und die teilweise abgesschlossen sind, teilweise auch weiterhin durch neue Arbeiten fortgesetzt werden. Um einen umfassenden und klar strukturierten Überblick zu erhalten über die Arbeit von Rainer Zerback empfehlen wir dessen Website:
Rainer Zerback (https://www.zerback.de)

The World without us – das Titelbild des Katalogbuches, das mir Rainer Zerback am Ende meines Besuches mitgibt, war auch des erste Bild von ihm, das ich vor einigen Jahren gesehen hatte.

Etwa vor 2 Wochen sah ich dieses Bild wieder, im kunstportal-bw, die Ankündigung einer Ausstellung in der Städtischen Galerie Ostfildern: | 01.02. – 07.04.2026: | Maxim Dondyuk und Rainer Zerback | VUCA World
Maxim Dondyuk; Rainer Zerback | Vernissage: So. 01.02.2026; 11 Uhr.

Aktuelle Ausstellungen und Projekte von Rainer Zerback
  • VUCA World
    Städtische Galerie Ostfildern  | 01.02. – 07.04.2026 | Maxim Dondyuk; Rainer Zerback | Vernissage: So. 01.02.2026; 11 Uhr

Wir sind also hochaktuell mit unserem Februar-Künstlerporträt: | das geht uns an; das einzuordnen wird
die Aufgabe sein
– über Rainer Zerback

Bild oben: Rainer Zerback: Contemplationes XIX, 2002

Fasziniert und erfrischend irritiert von dieser Arbeit, eine Fotografie, die auf den ersten Blick mit ihren pastelligen Farben auch ein malerisches Werk hätte sein können, nehme ich gleich Kontakt auf zu diesem Künstler, dessen Arbeit nicht nur für eine erste Irritation sorgen kann, sondern in der Lage ist, bei jedem Schritt der Annäherung immer weitere Fragen aufzuwerfen, uns zwingt, immer tiefer einzudringen in die jeweilgen Vorstellungswelten: wir können jedes einzelne dieser Werke als Narrativ erleben, als Beginn einer Erzählung vielleicht …oder als deren Ende?
Als Film, als Filmstill?

Oder ist dies alles – dazu kommen wir weiter unten – noch viel radikaler, noch existenzieller gedacht?

Als poetisch erleben wir viele der Werke von Rainer Zerbacks Bildern – bildgewordene Gedichte? Wenn ja, so sind diese ganz sicher nicht von einer KI generiert, sondern geschaffen von einem denkenden Menschen, der seine Bilder sehr aktiv und detailgenau gestaltet.

Bild oben: Niagara Falls, Kanada, 2019 (aus der Serie „Places of Interest“)

Der nicht allein die Bildidee hatte, sondern diese auch auf sehr systematische und, wie Zerback mir erläutert, meist sehr arbeitsaufwändige Weise, realisiert. Wichtig ist ihm: Er entwickelt immer zuerst ein künstlerisch recht strenges Konzept, aus dem heraus dann die einzelnen Werke entstehen.

Nun schon seit über 30 Jahren immer gut präsent in der Kunstwelt weit über Baden-Württemberg hinaus, ist die Serie „Contemplationes“. In schon einigen Ausstellungen waren diese Werke unter dem Titel „The World Without Us“ zu sehen. Fast wie ein Markenzeichen.

Die Erde nach der Ära der Menschheit, von der wir in Zerbacks Werken jedoch noch immer zahlreiche Artefakte entdecken; ein quasi archäologischer Rückblick im Futur 2.?
Während wir über die Erde vor uns Menschen weiter forschen und viel zu wissen glauben, wird über den Fortbestand der Menschheit eifrig gestritten: Und offenbar aktueller denn je: schon der Name der Bildserie weckt ja automatisch Assoziationen zu den zahlreichen Dystopien, die längst gängige Teile unseres Weltbildes geworden sind.

Dystopie – das Thema drängt sich hier auf. Und so erlaube ich mir einen weniger wissenschaftlichen (=sehr lang, anstrengend) als eher launigen (=hoffentlich unterhaltsamen) Exkurs:

Genauso wie fast alle Autoren, die über Rainer Zerbacks künstlerische Arbeitt schreiben, komme auch ich nicht daran vorbei, das sich aufdrängende Thema Dystopien anzugehen, zumal es ja auch hier im kunstportal-bw (dort im gesellschaftspolitisch-kritischen Newsletter Hinkelstein) um eines meiner Vorzugsthemen geht: Im Hinkelstein geht es darum, ob/wie sich unsere Mediengesellschaft weiterentwickelt zu einer Welt des technologischen (digitalen)Totalitarismus. Dass dies der Fall ist, ist meine zentrale These, die ich dort entwickle, immer wieder inspiriert von George Orwells 1984 (geschrieben im Jahr 1948).
Eine der ältesten heute noch aktuellen Dystopien.

Der Begriff geht zurück auf Thomas Morus Utopia (1516); Der Titel leitet sich vom Griechischen ab und bedeutet wörtlich „Nicht-Ort“ (ou topos). Eine fiktive Inselgesellschaft, die Morus als positive, erstrebenswerte Alternative entwickelt zur krisenhaft erlebten Neuzeit in Europa.
Utopia – eine gute und gerechte Welt.
Dialektische Pointe: die Vorstellung einer guten Gesellschaft entstand schon damals im Gegensatz zur realen, zunehmend als ungerecht und destruktiv erlebten Welt.

Seit 1972 der ”Club of Rome” die Studie “Die Grenzen des Wachstums” veröffentlich hat, sehen wir – ich meine: sehr viele, wohl die meisten von uns – die Zukunft eher als Fortschreibung, als Zuspitzung der aktuellen Wirklichkeit. Der Menschheit werden hier gewöhnlich keine allzu großen Überlebenschancen zugebilligt.

In den zahlreichen Varianten des ”Endes der Menschheit” gibt es zwei Hauptstränge: die militärische und die ökologische Selbstvernichtung unserer Gattung Mensch. Am schönsten erleben wir unser aller Ende im Hollywood-Kino: James Camerons Terminator-Reihe – angesichts der KI-Debatte aktueller denn je – repräsentiert die miitärisch-technologische Dystopie, während Roland Emmerich das ökologische Desaster filmisch zelebriert.

Doch gibt es hier eben auch einen “Day after Tomorrow” – Die Menschheit kehrt zurück? Naja, Hollywood eben – auch die totale Zerstörung führt unweigerlich zum Happy End?

Ganz anders und ungleich radikaler arbeitet und denkt der Künstler Rainer Zerback:

Bild oben: Contemplationes LIX, 2015

Zweifellos handelt seine Werkserie Contemplationes von einer Welt nach der Menschheit; wie es dazu kommt, reflektiert Rainer Zerback in seiner künstlerischen Arbeit nicht: Stattdessen erleben wir Zerbacks Bilder als sehr kontemplativ, als ruhig und meditativ, vielleicht als melancholisch, besonders aber als poetisch, als lyrisch?

Und zweifellos weist Begriff Kontemplation eigentlich und zuerst in Richtung des Sichversenkens, des Nachdenkens. Contemplationes weisen hinaus über diese, unsere reale Welt. Religiöse, transzendentale Assoziationen stellen sich ein, wenn wir uns diesen Zustand des Entrücktseins vorstellen. Im letzten Künstlerporträt, im Januar 2026, über den Bildhauer Rudolf Kurz, hatten wir ja sogar die Gretchenfrage gestellt. Auch hier mt dem Begriff der Contemplationes bewegen wir uns erneut zwischen Religion und Kunst.

Wie sonst häufig in unseren Künstlerporträts, könnten wir auch hier sogar leicht musikalische Assoziationen auflisten. Da aber der Künstler selbst durch die Titel seiner Werkserien und Werkgruppen sprachliche Assoziationen evoziert und ich seine Arbeiten stark als lyrisch empfinde, (ver-)suche ich heute eine Verbindung zur Poesie:

Und in diesem Kontext entdecke ich einen Aphorismus von Rainer Maria Rilke: Zeilen, die man lesen könnte als nahezu programmatisch für die Arbeit von Rainer Zerback:

Daß wir erschraken, da du starbst, nein,
daß dein starker Tod uns dunkel unterbrach,
das Bisdahin abreißend vom Seither:
das geht uns an; das einzuordnen wird
die Arbeit sein, die wir mit allem tun.
(Aus dem Requiem für Paula Modersohn-Becker, geschrieben in Paris, 31. Oktober bis 02. November 1908)

Nun erscheint mir dies genau die Aufgabe zu sein, die uns Rainer Zerback mit seinen weiterhin irritierenden Werken mitgibt:
das geht uns an.

Jürgen Linde im Februar 2026