Hinkelstein 70 | 21.03.2026 | Die Zukunft wird nicht abgesagt

Hinkelstein: | 21.03.2026 | Zeit zum Nachdenken

Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,

Freitag, 20.03.2026; 06:00 Uhr morgens.
Der heutige kunstportal-bw-Update ist online; das bedeutet für mich:
-was heute morgen getan werden mußte (alles andere kann ich ein wenig aufschieben bzw. in der Reihenfolge frei gestalten), ist getan; gut.
– der dritte Kaffee dampft noch
Ergo: Zeit zum Nachdenken: was muss / kann / will ich als nächstes tun?

Die To-Do-Liste ist wie immer recht lang, aber „Wenn Du es eilig hast, mache einen Umweg“ – also ist Zeit zum Nachdenken, zum Innehalten.

Noch aber ist Freitag, das heißt, dass ich bald den Hinkelstein Nr. 70 für Sonntag texten muss. Nach zwei zeitraubenden Dienstreisetagen in dieser Woche bin ich mal wieder zeitlich knapp dran; doch natürlich kreisen dazu längst viele Themen in meinem Kopf:
– am 01. Mai 2026 wird unser kunstportal-bw, das (beste und) älteste Internet-Kunstportal dieses Planeten 30 Jahre alt. Sicher wird dieses Jubiläum Thema in einem der nächsten Hinkelsteine – vielleicht verbunden mit einem Essay über die Veränderung der journalistischen Arbeit durch das Internet?
– die Tech-Riesen investieren gerade Hunderte Milliarden Dollar in die Künstliche Intelligenz. Was bedeutet dies? Dieses Thema, das ich schon länger vor mir herschiebe, bedarf gründlicher Recherche – Zeit also.
– Gedanken zur Zeit machen wir uns alle trotzdem:

Wie immer habe ich für den nächsten Hinkelstein auch ein paar Links in meinen „Favoriten“ (ordentlich im Unter-Ordner „Hinkelstein 70“; ) und ein paar Zeitungsartikel, die ich mir als Inspirationsquellen aufgehoben habe.
Zeit zum Nachdenken? Ja, genau: Ganz oben auf meinem Zeitungs-Stapel liegt ein FAZ-Artikel von Montag, dem 16. März 2026: (Seite 6 „Die Gegenwart“):
Wer gibt uns heute noch zu denken?
Die Frage, ob „wir“ Intellektuelle noch brauchen, sollte man nicht leichtfertig abtun. Letztlich ist sie eine Frage nach der Zukunft der Demokratie.
[Autor ist Prof. Dr. Alexander Gallus, der an der TU Chemnitz Politische Theorie und Ideengeschichte lehrt]

Ja, wir sind schon mitten im Themenfeld unseres Hinkelsteins: stichwortartig zusammengefasst: Demokratie und Totalitarismus, Wirklichkeitswahrnehmung, Medienwirklichkeit, und die Veränderung unserer Welt durch Digitalisierung und Internet.
Alexander Gallus‘ hervorragender Beitrag nimmt natürlich auch Bezug auf Jürgen Habermas, der ja kürzlich, am 14. März mit 96 Jahren gestorben ist und den wir als den großen Intellektuellen und (bitte nicht: „Staats“-) Philosophen in Erinnerung behalten werden. Leider finde ich schon heute keinen Link mehr zum vollständigen, sehr lesenswerten Text von Alexander Gallus.

Bild oben:© Hochschule Karlsruhe (HKA), ZKM Karlsruhe
(Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit – Generation Smartphone)?
 Fr, 24.10.2025 | Medientheater: | Die Fabrikation der Wahrheit

Bei dem Namen Jürgen Habermas denkt man sofort an den berühmten Titel seines Habilitationswerkes “Strukturwandel der Öffentlichkeit“. In meinem Geburtsjahr, 1962, hat er diese Arbeit veröffentlicht, deren Titel, deren Thema nicht aktueller sein könnte: Schon damals beklagte er den Niedergang der bürgerlichen Öffentlichkeit als einem Raum des herrschaftsfreien Diskurses.
Wobei, hier möchte ich genau sein, der Begriff des herrschaftsfreien Diskurses“ schon seinem späteren Hauptwerk – der “Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) zuzuordnen ist.

An diesem Werk (2 verdammt dicke Bücher, kleingedruckt) habe ich mich in 8 Semestern Philosophie-Studium abgearbeitet, wobei ich mir das Thema Legitimität als besondere Perspektive ausgewählt und – extrem bescheiden, wie ich nun mal bin – meine Magisterarbeit dann als “Kritik der Legitimität“ betitelt hatte. Angesichts der heutigen Macht der Tech-Konzerne, die sich ja auf keinerlei demokratische Legitimation berufen kann, ist auch dieses Thema wieder hochaktuell.

Bild oben: Jürgen Habermas mit Studenten, ca. 1968; © Foto: Lutz Kleinhans; FAZ

Selbst Student in Heidelberg, hatte ich während meines Studiums Jürgen Habermas nicht persönlich kennen lernen können. Doch etwas später war dazu Gelegenheit: Anlässlich einer – leider gescheiterten – Bewerbung um ein Promotions-Stipendium – hatte ich einen Termin an der Universität Frankfurt und musste 15 Minuten warten: Im Flur des Instituts für Philosophie stand an der ersten Büro-Tür: Prof. Jürgen Habermas.


Klarerweise (nicht ohne Lampenfieber) habe ich angeklopft, wurde herein gebeten und er hatte, freundlich und völlig unprätenziös, “na ja, 4 – 5 Minuten“ Zeit. Ich klagte über die Mühe meiner Arbeit mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns, die ich gleichzeitig in höchsten Tönen lobte. Als ich auf seine Frage nach meiner persönlichen Quintessenz seines Werkes, nicht unironisch sagte, dass er im Grunde ja eigentlich (nur?) Rousseaus Volonté générale theoriegeschichtlich umfassend neu fundiert, rekonsturiert habe, meinte er – lakonisch und nicht weniger ironisch, in etwa: „Ja, auf einer Ebene, die Sie selbst wahrscheinlich noch nicht verstanden haben, haben Sie vielleicht recht“. Eine schöne Erinnerung.

Anfang der 90er Jahre kam dann das Internet auf. Und damit eine – aus heutiger Sicht leider total gescheiterte -Vision eines herrschaftsfreien Diskurses aller Bürger.

Alle können teilhaben am öffentlichen Diskurs, war die naive Vorstellung von uns Internetpionieren: „Seid Net zueinander“ war der Titel eines Buches, das mir der ZKM-Chef Peter Weibel (der wie Jürgen Habermas ja auch Berufsoptimist war) damals in die Hand gedrückt hatte.
Leider hat dies – das Internet als Medium des offenen Diskurses – ja überhaupt nicht geklappt. Dank der Überkommerzialisierung und der Social Media hat das urdemokratisch gedachte / erhoffte Medium Internet leider eine ganz andere Entwicklung genommen.

Jürgen Habermas, der sich ja bekanntlich in so ziemlich alle politischen Debatten eingebracht hat, hat dann im Jahr 2022 diese Entwicklung in einem neuen Buch analysiert; und jetzt bin ich mal ganz zeitgerecht und zitiere die KI-gestützte Google-Zusammenfassung:

In seinem Buch Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik“ reagierte Habermas 2022 auf die digitale Transformation. 

  • Fragmentierung: Durch soziale Medien entstehen abgeschlossene „Echokammern“ oder Filterblasen, die den gemeinsamen, übergreifenden Diskurs erschweren.
  • Qualitätsverlust: Die Grenze zwischen privater Meinung und öffentlicher Information verschwimmt, was die Basis für rationale demokratische Entscheidungen gefährdet.
  • Plattformisierung: Große Tech-Konzerne kontrollieren nun die Infrastruktur der öffentlichen Kommunikation, was neue Machtstrukturen schafft.

Das alles sind ja unsere Dauerthemen im Hinkelstein und ja, das klingt alles überhaupt nicht gut. Und doch sehen wir heute fast überall Gegenbewegungen gegen diese Entwicklung. Um unseren Rahmen des Hinkelsteins nicht zu überbeanspruchen verweisen wir heute auf die Fortsetzung in zwei Wochen – dann wird eindeutig klar:
Die Zukunft wird nicht abgesagt.

Na gut, einen kleinen Ausblick möchte ich doch heute schon geben: die gute Nachricht ist: politisch sind wir zwar weit entfernt von einem herrschaftsfreien Diskurs (freier Bürger), aber
– die Zivilgesellschaft lebt (hier und auch in den USA)
– das kleine gallische Dorf der Kunst (kunstportal-bw) trotzt der aktuellen Krise
– das Freie Internet (siehe Wikipedia, Libre Office, kunstportal baden-württemberg, etc.) ist noch immer da, kommt gestärkt zurück – oder ist „wieder hier“: Da fällt mir Marius Müller Westernhagen ein: Wieder Hier
(„Ich bin wieder hier, in meinem Revier
war nie wirklich weg, hab‘ mich nur versteckt“
…)

Nicht verstecken müssen sich die guten neuen Nachrichten aus der Kunst, die wir im kunstportal-baden-wuerttemberg weiterhin jeden Tag liefern werden, auch und gerade am Sonntag:
Neu am 22. März 2026: | Künstler: | So, 22.03.2026; 15 Uhr: | Elly Weiblen und Jürgen Heinz: | Eine besondere Führung: | Silent Seeing – You will see what you want to see
Neu am 22. März 2026: | ZKM – Zentrum für Kunst und Medien | 28.11.2026 – 30.05.2027 | Lichthof 1+2; 2 OG: | Hidden on Tape. Frühe Videokunst in Europa
Neu am 22. März 2026: | Newsletter Hinkelstein: | Hinkelstein Nr. 70 am 22.03.2026: | Die Zukunft wird nicht abgesagt