Hinkelstein 73 | 03.05.2026 | Willkommen in der Matrix?

Hinkelstein: | Nr. 73 am 03.05.2026 | Die Zukunft wird nicht abgesagt III

Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,

überraschend auch für uns selbst: Hatten wir uns in den Hinkelsteinen 70 und 72 auseinandergesetzt mit dem Thema „Die Zukunft wird nicht abgesagt“, so scheint sich heute eine nicht geplante Fortsetzung dieser (Erkenntnis oder) These geradezu aufzudrängen:

Am 19. April postete der offizielle X-Account der Datenanalyse-Firma Palantir ein aus 22 Grundsätzen bestehendes Manifest. Eine Zusammenfassung von „The Technological Republic“, das Buch von Palantirs Chef, Alex Karp, das im vergangenen Jahr erschien. 
Keine Ankündigung für ein neues Produkt, keine Quartalszahlen. Stattdessen ein politphilosophischer Abriss. Von einem privaten Rüstungsunternehmen.
[ Quelle Focus*: KI, Militär, Macht: 22 Palantir-Thesen sorgen für Aufsehen – FOCUS online ]

Bild oben: Alex Karp und Peter Thiel (unscharf im Vordergrund) bei einem Essen im Weißen Haus 2017
Quelle: Getty Images © Chip Somodevilla

Noch im letzten Hinkelstein (Nr. 72) hatte ich, aus künstlerischer Perspektive, die Zukunft als einen zu gestaltenden Raum betrachtet, um dann meinen Beitrag abzuschließen mit dem optimistischen Untertitel: Zukunft, warum eigentlich nicht?
Angesichts des Palantir-Manifests und des nicht zu unterschätzenden Einflusses der beiden Autoren auf die Politik der noch immer mächtigsten Großmacht USA, knüpfen wir heute wieder an an unsere dystopischen Überlegungen bezüglich einer Entwicklung hin zu einem technologischen Totalitarismus.
Weiterhin behaupte ich stur: „Die Zukunft wird nicht abgesagt„, doch stelle ich – jetzt direkt – die in früheren Hinkelsteinen schon implizit entstandene – und unten zu begründende Frage:
Werden wir zu Avataren; machen wir uns zu Avataren?

Das Zukunftsszenario des Palantir-Manifestes lesen wir als Integration zweier dystopischer Kunstwerke:
George Orwells 1984 – als Vision einer digitalen Überwachungsgesellschaft
der Film „Die Matrix„, der uns zweifeln lässt an unserer eigenen psychischen und physischen Realität

Denn auch, wenn uns, wohl fast uns allen von uns, die Zukunft als solche alternativlos erscheint, so bleibt doch die Frage im Raum stehen: Welche Zukunft?
Das fast beziehe ich auf die Menschen, die,,wie offenbar eine ganze Reihe von Leuten aus Trumps Führungsriege, unsere Welt vor dem Armageddon sehen, vor dem Ender der Welt, wie wie wir sie kennen.
Ganz unabhängig davon, dass Präsident Trump ja auch gern mal so nebenher von der Auslöschung der Zivilisation des Iran sprach, sehen ja viele Menschen, die früher, noch immer oder heute wieder, friedensbewegten Menschen der 70er und 80er Jahre, einen globalen (Atom-)Krieg als reale Gefahr an. Denken wir etwa an die Demo in Bonn (1981) gegen den NATO-Doppelbeschluss, den damals viele als weiteren Schritt zum dann unvermeidlichen (?) Weltkrieg III wahrgenommen hatten. Rückblickend hat diese Politik zu einem Stück Abrüstung geführt, doch die German Angst ist geblieben.

Und es ist ja auch zumindest denkbar, dass die aktuellen großen Konflikte sich in eben dieser Richtung militärisch ausweiten. Aktuell sieht es jedoch eher so aus, als ob der Konflikt USA/Iran durch einen Deal beendet werden könnte und auch Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine auf ähnliche Weise bewältigt werden kann.

Nun denn: Also zurück in die Zukunft, aber welche?
Wir betrachten hier das Palantir-Manifest, das zu bewerten jedem einzelnen überlassen bleibt, als eines der möglichen Zukunftsszenarien , das jedoch hohe Relevanz hat:
Die Zukunftsvision, die hier vorgestellt wird, hat das Zeitalter der atomaren Weltkonflikte jedenfalls bereits hinter sich gelassen, jedoch sei Krieg die Zukunft.
Nun , was sollten wir von einem Rüstungsunternehmen anderes erwarten?

Die Autoren gehören zum Zirkel der Superreichen, der Mächtigen um US-Präsident Donald Trump – zu dessen Hofstaat, zu dessen Gefolgschaft – oder ist es eher umgekehrt so, wie hier schon vor langer Zeit vermutet und wovon inzwischen viele kritische Beobachter ausgehen, dass Peter Thiel als maßgeblicher „Moderator“ im Hintergrund der eigentliche Strippenzieher ist? Angesichts des intellektuellen Hintergrunds der beiden Autoren des Manifests können wir davon ausgehen, dass Thiel und Karp sich kaum als Höflinge Trumps – stattdessen aber als radikale Vordenker sehen:

Wir folgen insoweit der Focus-Autorin Corinna Baier, die da weiter schreibt:
„Nun könnte man das „Manifest“ als schamlose Marketing-Maßnahme abtun – was es in Teilen auch ist. Ein Aufruf an Staaten- und Unternehmenslenker, sich mit Palantir-Software zu bewaffnen. Das atomare Zeitalter gehe zu Ende, ein neues Zeitalter der Abschreckung durch Künstliche Intelligenz beginne. Das Silicon Valley schulde dem Land eine moralische Pflicht. Krieg sei die Zukunft. 
Aber dahinter steckt mehr: Ein weltanschauliches Bekenntnis, das etwas über diese Firma und die Männer verrät, die sie gegründet haben: Alex Karp und Peter Thiel.

Im Focus-Artikel zum (unbedingt zum Lesen empfohlenen) Palantir-Manifests folgen weitere Informationen zu den beiden Autoren, die in wichtigen Punkten über die im Hinkelstein schon referierten Aspekte hinausgehen:
Alex Karp hat auch in Frankfurt ab 1992 Philosophie/die „Frankfurter Schule (Adorno, Horkheimer) studiert, war Schüler bei Habermas, den er bewunderte. Dass Jürgen Habermas dann die Betreuung seiner Dissertation abgelehnt hatte, war offenbar eine (nicht überwundene) narzisstische Kränkung für Karp.

Thiel hingegen blieb in Palo Alto, wo ihn vor allem ein Denker entscheidend prägte: Der Literaturtheoretiker René Girard. Thiel hörte eine Vorlesung, in der Girard seine mimetische Theorie erklärte. Die geht ungefähr so: Wir begehren Dinge nicht einfach so, sondern weil andere in unserem Umfeld sie begehren. Wir kopieren uns alle ständig gegenseitig. Daraus entstehen Konflikte, werden Rivalitäten und irgendwann Aggression und Gewalt – aufgelöst werden kann das nur durch einen gemeinsamen Sündenbock, den die Gemeinschaft opfert.
Für Thiel war es wie eine Erleuchtung. Er machte aus der Theorie zwei Dinge: Er investierte in das gerade von einem Harvard-Studenten gegründete Facebook – mit seinem Like-Button die perfekte digitale Umsetzung von Girards These.
(Nochmal Focus:*: KI, Militär, Macht: 22 Palantir-Thesen sorgen für Aufsehen – FOCUS online

Und genau da sind wir ja wieder bei Dystopie des technologischen Totalitarismus: die Grundidee der Social Media, im Kern erfunden von Mark Zuckerbergs facebook, ist die des gegenseitigen Vergleichens, das Liken – das Zugehörigkeit suggeriert/bedeutet, während die „nicht gelikten“ User schon potentielle Loser sind, potentielle Opfer des Cybermobbing, das ja von Sozialwissenschaftlern inzwischen oft als hochgefährlich, als und gnadenlose Ausgrenzung betrachtet wird.
Im dialektischen Gegenzug sind immer nur diejenigen „in“, die sich anpassen. So entsteht ein Anpassungsdruck, dem zu entkommen kaum mehr möglich ist. Die Anpassung in der totalitären Zukunft wird nicht erzeugt durch Indoktrination oder irgendeine andere Form der Manipulation wie etwa in der Werbung:„Das sind die Must-Haves der Saison: Genau so mußt Du aussehen“.
Wenn sich heute schon 6,7 jährige Kinder (also Grundschüler) daran gewöhnen (daran gewöhnt werden), solche Entscheidungen – für sich und für andere – zu treffen, dann gewöhnen sie sich daran, zu gehorchen, den Erwartungen gerecht zu werden. Sie verzichten auf das, was wir heute noch als Urteilskraft bezeichnen
Die Anpassung machen wir selbst im Rahmen der digitalen Logik: Eins oder Null, Like oder Dislike, Du gehörst dazu oder Du bist Draußen.

Anpassung wird vorgeschrieben: Nicht durch Manipulation, sondern durch Anpassung erfolgt durch Verhaltenstraining (per Klick), durch Konditionierung,
wir selbst machen uns zu Avataren.

Willkommen in der Matrix.