Hinkelstein: | Nr. 77 am 31.05.2026 | …Digital Detox?
Liebe kunstportal-baden-württemberg-Leserinnen und Leser,
mit „Das Freie Internet ist zurück“ hatten wir am 14.06. mal einen positiven, optimistischen HInkelstein-Beitrag vorgelegt; kann ja mal passieren. Doch heute müssen wir alle enttäuschen, die nun „folgerichtig“ die rhetorische Kehrtwende erwartet haben: Es wird eben doch alles immer schlimmer:
Nein, es tut mir zwar leid, aber wir bleiben, bis auf Weiteres, optimistisch, auch wenn uns das schwerfällt: ich hoffe, es ist ein wenig unterhaltsam für Sie, an diesem inneren Kampf teilzunehmen:

Bild oben: Wolfgang Gießler (1945 – 2021) :Studie zum Animalischen Depressionismus,
aus der legendären kunstportal-bw-Kunstwissenschaftsreihe:
Wolfgang Gießler (2001)
Kunstführer & Flugschwein: | “Stilrichtungen der Kunst im dritten Jahrtausend” im kunstportal-bw
4,7 Milliarden Smartphones gibt es weltweit; dreieinhalb Stunden täglich oder mehr verbringen die 16 – 29 jährigen hierzulande mit ihrem kleinen Bildschirm. Zahlen, an die wir uns gewöhnt haben und bei denen wohl die meisten von uns davon ausgegangen waren, dass dies nicht nur ungesund oder gar gefährlich ist, sondern das dies alles immer weiter so geht und noch schlimmer werden wird, weil ja alles immer nur schlimmer wird …
Auch ich selbst war davon bislang überzeugt. Immer öfter aber lese ich inzwischen Zeitungs- und Internet-Beiträge, die unter Umständen meine Überzeugung („alles wird immer schlimmer“ ist ja auch bequem und klingt abgeklärt) womöglich als Vorurteil entlarven könnten.
Zwar bleibt noch immer abzuwarten, ob und in welchem Umfang es hier Handy- und/oder Social-Media-Verbote geben wird und ob und in welchem Umfang diese dann ggf. wirksam durchgesetzt werden können. Aktuell sieht es ja so aus, dass wir wohl ein Social-Media-Verbot bis 13 Jahre bekommen werden und die Plattformbetreiber gezwungen werden sollen, für die Jugend ihre Angebote wesentlich umzugestalten: bei TikTok etwa sind offenbar die Algorithmen (wenn hier Ironie erlaubt ist, derart “gut“ programmiert, dass die User im Nu durch eine eine ständige Dopaminausschüttung (das sogenannte Glückshormon) im Gehirn direkt in die Sucht getrieben werden.
Bei Google lese ich zum Thema:
Im Gegensatz zu traditionellen Medien oder anderen Plattformen erfordert TikTok keine lange Suche. Der Algorithmus lernt in Sekundenschnelle aus jedem Like, jeder Verweildauer und jedem Wisch (Swipe), welche Inhalte dich am meisten interessieren oder emotional berühren. Er füttert dich pausenlos mit maßgeschneidertem „Futter“
Das „Infinite Scroll“ (Unendliches Scrollen): Es gibt kein klares Ende, keinen „Seitenwechsel“ wie bei Google und keine Ladezeiten, die zum Nachdenken anregen. Der Feed ist wie eine niemals endende Chipstüte – das Gehirn gewöhnt sich daran, sofort zum nächsten Video zu springen.
Bestimmt ist dies ein Teil dessen, was wir heute Digital Overkill nennen: als Gegenmittel empfehlen wir ruhige Musik – Mike Odfeld: Tubular Bells – Ein einziger Titel über 26 Minuten – ein Gegengift gegen die digitale Hektik. (etwa 30 verschiedene Instrumente spielt der Künstler hier – ich glaube, alle analog. Klingt auch über eine gute analoge Stereoanlage (wie übrigens jede andere Musik auch) ungleich besser als über Smartphone mit Ohrenstöpsel.
Und der WDR schreibt:
Die Europäische Kommission hat TikTok heute (06.02.2026) vorläufig als Verstoß gegen den Digital Services Act (DSA) eingestuft. Das ist das europäische Gesetz, das große Online-Plattformen seit 2022 dazu verpflichtet, Risiken für ihre Nutzer zu bewerten und wirksam zu bekämpfen.
Auch wenn ich sehr dankbar dafür bin, in einem freien Land zu leben und auch die unternehmerische Freiheit für wichtig halte, so frage ich mich doch: Warum ist es nicht möglich, eine solche Plattform ganz zu stoppen, zu verbieten?. Dass so etwas technisch machbar ist, beweist China, wo ja sogar Google gezwungen wurde, die Suchalgorithmen an die strengen Regeln der dort geltenden Political-Correctness anzupassen.
O Schreck lass nach! Längst schon müssen wir China legitim als Vorbild betrachten, etwa bei der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Wir hinken da sehr weit hinterher, leider.
Doch weigere ich mich selbstverständlich, hinsichtlich der Politik das autokratsche System Chinas als “Vorbild“ zu nehmen.
Stattdessen sollten wir weiter darauf bauen und drängen, dass unser Rechtsstaat das alles trotz der zermürbenden Bürokratie doch noch auf die Reihe kriegt.
Oder, was natürlich die schönste Lösung wäre, wenn die Menschen hier, wir Bürger, das selbst hinbekämen – wenn sich dies von selbst – ohne neue Gesetze / staatliche Regeln erledigen würde. Und tatsächlich häufen sich die Hinweise darauf, dass genau dies passieren könnte – und dass dann starrsinnige alte Leute wie ich ihre so gut gepflegten und festgefügten Vorurteile aufgeben müssen.
Schon jetzt hat ja offenbar die Social-Media-Nutzung ein wenig nachgelassen und wir dürfen hoffen, dass dies ein Trend ist, der sich fortan verstärkt! Immer öfter auch ist zu lesen, dass gerade jüngere Handy-Nutzer – eigentlich also typische Heavy-User – ihren eigenen Smartphone und/oder Social-Media- Konsum als deutlich viel zu hoch, als sehr bedenklich einstufen und diesen deshalb reduzieren wollen.
Sie haben bemerkt, dass die eigne Konzentrations- und Lernfähigkeit leidet, wenn man ständig abgelenkt ist vom Blick auf den Bildschirm an der Schreibtischecke oder wenn neue Posts / Whatsapps ihr Eintreffen mit einem Piepston oder durch Vibration in der Hosentasche verkünden.
Zudem gibt es immer mehr Apps, die helfen sollen, die eigene Handy-Nutzung zu begrenzen; die Nachfrage danach wächst offenbar stark. Auch scheint es nicht zu schwierig zu sein, ggf. mit Hilfe von Google, die auf dem eigenen Smartphone sowieso schon vorhandenen (!) Tools dazu zu finden und zu aktivieren.
Und sicher sind auch die meisten User überhaupt nicht einverstanden mit dem Cybermobbing. Ein Phänomen, das gut geeignet ist für gelegentliche eher sensationsgeifernde Schlagzeilen, zu welchem aber die tatsächliche Datenlage denkbar schwierig zu ermitteln ist.
Doch es gibt auch dazu durchaus “belastbare Daten“; die seriöse empirische Forschung hierzu ist fleissig und umfangreich:
So hat das seit 14 Jahren existierende Bündnis gegen Cybermobbing (Karlsruhe) in 2025 in einer repräsentativen Umfrage (2030 Teilnehmer; nach Alter, Geschlecht und Wohnsitz etc. der Gesamtbevölkerung Deutschlands entsprechend verteilt) befragt und u.a. folgende Ergebnisse geliefert:
Über zwei Drittel der Befragten waren schon einmal in Mobbing- oder Cybermobbingsituationen involviert, sei es als Betroffene, Täter, Beobachter, Unterstützer, Schlichter oder Mediatoren. Sie kennen das Thema aus verschiedenen Perspektiven. 37% der Befragten waren schon einmal Opfer von Mobbingattacken. 14% der Befragten sind Opfer von Cybermobbing (2021 waren es noch 11,5%).
Vielleicht gibt es auch ein ganz natürliches Unbehagen daran, den eigenen Alltag so sehr von einem kleinen Gerät bestimmen zu lassen. Meine eigenen Vor(?)-Urteile gegenüber den Handys habe ich schon in deren Anfangszeit in den 90er Jahren aufgebaut. Die Handys, die damals ja zum Telefonieren benutzt wurden, wurden für Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs absolut unerträglich, seit die Telefon-Flatrates aufkamen und man im Regionalzug nicht mehr seine Termine vorbereiten, ja nicht einmal mehr Zeitung lesen konnte, weil man permanent vollgelabert wurde – gerne mit eher langweiligen bis peinlichen Details aus den Privatleben der Mitfahrenden.
Und kürzlich berichtete ein Autor der FAS (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) von einem Selbstversuch: eine Woche ohne Smartphone hatte sich Valentin Hillinger verordnet und beschreibt dann, wie schwierig dies für ihn war: “Meine Woche in der Wirklichkeit – Eine Emanzipationsgeschichte“. (FAS vom 14.06.2026; Seite 9).
Die gewonnene Zeit hatte der Autor u.a. auch genutzt, um in einem Buch des amerikanischen Sozialwissenschaftlers Thomas Dekeyser (“Techno-Negative“) zu erfahren, dass offenbar auch in den USA der Widerstand gegen die Herrschaft der Handys wächst, und dass dieser – überraschender Weise vor allem von den jüngeren Leuten ausgehe.
Ironisch oder auch optimistisch schließt der Autor: „Die Gen-Z ist vielleicht die erste Generation, deren utopische Zukunftsvision nicht nach vorn gerichtet, sondern von Nostalgie geprägt ist“.
Und das, wo es doch zu meinem Kanon an Standard-Vorurteilen gehört, dass die jungen Leute, die mit Smartphone und Internet/Social Media aufgewachsen sind, gar nicht mehr anders (also ohne diese Plage-Geister) können und schon gar nicht anders wollen.
Wir Älteren wußten doch schon immer, dass die jungen Leute eh’ nichts mehr auf die Reihe kriegen und dass sowieso alles immer schlimmer wird.
In meiner eigenen Jugend haben meine Eltern dies ganz genauso gesehen. Und immer schon gehörte es dazu, es war halt einfach so, dass die Kinder niemals , auf gar keinen Fall, so werden wollen wie ihre Eltern – “Wir sind die Leute, vor denen unsere Eltern uns immer gewarnt haben“. So war es als gängige ewige Wahrheit an so manche Hauswand gesprüht.
Und das soll jetzt plötzlich alles nicht mehr stimmen? Wo kämen wir da hin?
Nun denn; es gehört ja auch zu unserer Hinkelstein-typischen streng intuitiven wissenschaftlichen Vorgehensweise, dass wir, obwohl wir eigentlich alles schon zu wissen glauben, grundsätzlich nichts ausschließen können.
Warten wir also gespannt auf die nächste ARD/ZDF-Medienstudie und die neuesten empirischen Nutzungsdaten.
Bin gespannt; ein wenig ängstlich womöglich auch. Es fällt eben doch schwer, altgediente und wohlbewährte Vorurteile abzulegen. Denn wir wissen oder wußten: „Weil das morgen noch so ist, weil es immer schon so war.“ (Großstadtgeflüster)
Anderseits: hat es nicht auch schon früher immer mal wieder Überraschungen gegeben?
Digital Detox ist derzeit in aller Munde:
Digital Detox bedeutet die bewusste Auszeit von Smartphone, Social Media oder Streaming. Ziel ist es, Stress abzubauen, die Konzentration zu fördern und der ständigen Erreichbarkeit zu entkommen. Es geht dabei meist nicht um den kompletten Verzicht, sondern um einen gesünderen, achtsameren Umgang.
(Google)
Digitale Entgiftung – bestimmt ein sinnvoller Gedanke. Klar: Angesichts der vielen Nutzungsmöglichkeiten und Vorteile, die ein Smartphone ja mit sich bringt, wird kaum jemand ganz darauf verzichten wollen. Als notorischer ÖPNV-Nutzer bin ich ja selbst froh, fast überall auf die Bahn-App zugreifen zu können, die mich – nach einer Zug- oder auch selbstverschuldeten Verspätung meist weiter bringt.
Hier ist das Smartphone wohl „alternativlos“. Wer aber neben dem kleinen Smartphone auch noch ein Laptop oder gar einen altmodischen PC mit einem richtigen Bildschirm hat und verwendet, wird mir wahrscheinlich zustimmen, dass dies zum Arbeiten (etwa mit mehreren Windows gleichzeitig) oder auch nur zum „Internet-Surfen“ schlicht das viel bessere Werkzeug ist.
Insbesondere Kunstfreunde werden dies bestätigen: Gut die Hälfte der kunstportal-bw-Besucher besuchen uns per PC (Laptops inklusive), während inzwischen die meisten Internetzugriffe insgesamt aus dem Mobilfunk-Netz kommen – trotz der viel zu kleinen Bilder!
Ich denke, wir sollten die Medien mediengerecht; und die uns verfügbaren Werkzeuge menschengerecht einsetzen. Nicht verzichten, sondern verbessern!
Und kaum überraschend ist leicht zu erkennen: Ein Smartphone ist eben kein ARTphone.
Überraschend aber und sehr erfreulich jedenfalls ist, dass die Kunstschaffenden hierzulande trotz dieser Affenhitze noch immer für so viele guten Nachrichten sorgen (morgen soll es nicht mehr ganz so heiss werden)! Auch heute, am Sonntag, dem 24.06.206!
Neu am 28. Juni 2026: | Künstler: | 02.10. – 03.12.2026 | Mimi Kohler und Leonie Lass | Kunstverein Ludwigsburg | Vernissage 02.10.2026; 18:30 Uhr: | Kohler & Lass | Plateaus
Neu am 28. Juni 2026: | GEDOK Karlsruhe | 28.08. – 26.09.2026 | Regierungspräsidium Karlsruhe: | 100 Jahre GEDOK – Künste | Frauen | Netzwerk
Neu am 28. Juni 2026: | Newsletter Hinkelstein: | Hinkelstein Nr. 77: Digital Detox?
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Künstler:
So, 28.06.2026, 13 Uhr im Rahmen der Ausstellung » Danielle Zimmermann: | ReUse me« (bis 13.09.2026): |
Performance – Zwischen Sprache, Bild und Erinnerung – eine Sprechcollage zu Sophie Scholl
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