Kunstausflüge mit Sigrid Balke | Die Opernfestspiele Heidenheim

Die Opernfestspiele Heidenheim könnten mühelos mit Superlativen werben. Sie sind das einzige Opernfestival, bei dem nicht nur die Sängerinnen und Sänger, sondern auch das gesamte Orchester unverstärkt unter freiem Himmel spielt. Passt das Wetter nicht, verfügen die Opernfestspiele mit dem Festspielhaus CCH über eine gleichwertige Indoor-Spielstätte

Bild oben: © Foto: Sigrid Balke

Doch Alleinstellungsmerkmale sind für den Intendanten und Dirigenten der Festspiele, Prof. Marcus Bosch, eher Begleiterscheinung als Ziel. 2009 übernahm der gebürtige Heidenheimer die künstlerische Leitung der 1964 als Schlossserenaden gegründeten Festspiele, und hatte von Anfang an einen anderen Anspruch. „Qualität. Exzellenz. Nur so kann man Menschen für Musik begeistern“, sagt Bosch. Er vergleicht sein Ensemble und das künstlerische Team hinter den Kulissen mit einem Spitzenfußballverein. Auch wer kein Experte ist, erkennt außergewöhnliches Können sofort. Aktuell ein passender Vergleich, schließlich dient die große Projektionswand im Rittersaal, die Regisseurin Rosetta Cucchi für ihre Inszenierung von Otello installieren ließ, außerhalb der Festspiele auch für Public Viewing der WM.

Aus einer regionalen Institution entwickelte Marcus Bosch die Marke OH!, ein Festival, das heute international wahrgenommen und in einer Reihe mit großen Namen wie den Salzburger Festspielen oder dem Glyndebourne Festival genannt wird. Dass sein künstlerischer Anspruch international Anerkennung findet, zeigen Auszeichnungen wie der Best Festival Award oder Opus Klassik.

„Die Opernfestspiele verstehen sich als Ort für alle, die neugierig sind, unabhängig davon, ob sie Opernliebhaber sind, oder zum ersten Mal eine Vorstellung besuchen. Marcus Bosch möchte vor allem seine spürbare Leidenschaft für Musik teilen. Konsequent setzte er auf eine chronologisch aufgebaute Verdi-Reihe mit sämtlichen Werken des italienischen Komponisten. Womit wir bei den diesjährigen OH!, den Opernfestspielen Heidenheim und ihrem Markenkern sind, den Opern im Rittersaal der Burgruine. Macbeth und Otello, eine sehr frühe Oper Verdis und ein Spätwerk. Macht.Menschen, dass Motto der Spielzeit 2026, könnte in den zwei komplementären Studien nicht besser dargestellt werden. Die Themen Thema Macht, Ehrgeiz, Manipulation und der Abgrund menschlicher Entscheidungen bestimmen beide Opern. „Als wir uns für die beiden hochpolitischen Opern entschieden haben, war nicht absehbar, wie sehr drei mächtige alte Männer und ihr Ego die Welt vor sich hertreiben werden“ sagt Marcus Bosch. Das Spielzeitmotto „Macht.Menschen.“ hätte kaum treffender gewählt werden können. Politische Assoziationen sind durchaus erwünscht, aber nicht die Voraussetzung zum Verständnis der Opern. „Große Oper muss keine Antworten liefern. Sie stellt Fragen, die jeder Zuschauer für sich beantwortet. Genau darin liege ihre zeitlose Aktualität. Und wer „nur“ die Musik für sich sprechen lassen will, wird deren Sprache selbst für sich entdecken“.

Entdeckungen sind übrigens nicht auf die beiden Opernproduktionen begrenzt. Zum Festival gehören ebenso Jazzkonzerte, Oper für Kinder und zahlreiche OH!-Extras, die das Programm über den Rittersaal hinaus erweitern. Potential für Entdeckungen.

www.opernfestspiele.de

Ganz aktuell: die Reihe früher, teils weniger bekannter Verdi-Opern wird 2027 mit I Masnadieri fortgesetzt.

© Text und Fotos: Sigrid Balke