Aktuell ist Danielle Zimmermanns Kunst zu erleben in der Städtischen Galerie Fähre in Bad Saulgau.
21.06. – verlängert bis 27.09.2026! | Danielle Zimmermann: ReUse me
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Wieder einmal können wir ein Künstlerinnenporträt
Jürgen Linde: | Art All Inclusive – über Danielle Zimmermann
als Dreifachporträt präsentieren; dank zweier Gastbeiträge, für die wir der Autorin Corinna Steimel (Städtische Galerie Böblingen) und dem Autor Dirk Lenz (Philosoph und Literaturwissenschaftler, Stuttgart) sehr herzlich danken:
Corinna Steimel, Direktorin der Städtischen Galerie Böblingen
Text zum Ausstellungskatalog anlässlich der Ausstellung
Danielle Zimmermann: Wishful thinking – Neues aus der Boutique von Buntbehrens
in der Galerie von Braunbehrens, Stuttgart [ 02. – 30.07.2022 ]
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Dirk Lenz: Eröffnungsrede „ReUse me“, Städtische Galerie „Fähre“ Bad Saulgau, 21. Juni 2026
Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher,
erlauben Sie mir, Sie heute mit auf die Reise durch die Welt von Danielle Zimmermann zu
nehmen und erlauben Sie mir besonders, dies auf eine vielleicht erst mal nicht nahe liegende
Weise zu tun. Geschuldet ist diese Weise meiner Profession, ich stehe vor Ihnen nicht als
Kunsthistoriker und/oder Kunstpraktiker sondern als studierter Philosoph und
Literaturwissenschaftler. Und als solcher ist mein Zugang einer, der vom Wort ausgeht, von
den Begriffen, von den Ideen, die wir ideengeschichtlich nachverfolgen können. Aber keine
Sorge, das bleibt nicht grau wie alle Theorie – wie es uns Goethe im Faust lehrte – sondern
wird uns immer wieder auch zur Anschauung, zur visuell überwältigenden Bilderwelt
Danielles führen.
Der Begriff der heute hier im Zentrum stehen soll, ist der der Verdichtung. Also der Prozess,
Komplexes – vielleicht gar Komplexität – in eine überschaubare, greifbare, kraftvolle Form zu
pressen; Rauschen in Signal zu verwandeln.
Diesen Begriff drücke ich nicht von außen kommend auf Danielle Zimmermanns Werk auf, er
drängt sich im Gegenteil geradezu jedem auf, der sich mit dieser Ausstellung beschäftigt.
Sehr deutlich schon direkt im Titel:
Reuse me; gerade mal SIEBEN Buchstaben, mit Sicherheit einer der kürzestmöglichen Titel
überhaupt, der jedoch ein Maximum an Information enthält: das ist VERDICHTUNG. Was
meine ich damit? Ich meine damit, dass dieser Titel mindestens vier Zugänge des Verstehens
zulässt. Schauen wir uns diese an:
Erster Zugang: das REUSE/die Ebene der Form.
Spätestens seit den 70er Jahren ist das Credo eines neuen ökologisch orientierten
Paradigmas, die drei Rs – REDUCE, REUSE, RECYCLE – allgegenwärtig. Und offensichtlich auch
zentral im Werk Danielle Zimmermanns. Danielle recycled. Sie finden in dieser Ausstellung
Bilder, die auf Plastiktüten aus dem Supermarkt gemalt sind, auf Kartonage vom
Wochenmarkt, auf Werbeschilder eines Autohauses, sogar ein am Wegerand entdecktes
Kinderplanschbecken wird zum Malgrund umgewidmet.
Und auch in den Motiven wird das aufmerksame Auge schnell Recycledes und Reusedes
finden. Frech bedient sich Danielle hier bei Figuren und ganzen Konstellationen aus der
Kunstgeschichte; genauso, wie sie es auch in der modernen Werbewelt oder in
Modemagazinen tut. Im Rahmen Ihrer Collagen kann es durchaus vorkommen, dass sich
Pinups und Heiligenfiguren auf Klopapierverpackungen treffen – und natürlich generiert
diese räumliche Verdichtung auch wieder Bedeutung, die zur Interpretation einlädt. Denn
das ist zwar offensichtlich, soll hier aber der Vollständigkeit halber doch noch erwähnt
werden: Danielles Recycling ist natürlich kein Downcycling sondern durch und durch Up
Cycling: trashiger Malgrund wird in der Bearbeitung und in der Collage zum hochwertigen,
musealen Kunst-Objekt. Schauen Sie sich – nur als ein Beispiel – nachher gerne mal in aller
Ruhe schon alleine das Finishing der Plastiktütenarbeiten an, machen Sie den Schritt zur
Seite und schauen sie von dieser Seite auf die nun plastisch gewordenen Objekte an der
Wand, finden Sie die aufwändigen Nähte, die Plastik und Leinwand verbinden und beides in
ihrer Kombination aufwerten, etwas Neues entstehen lassen, neue Bedeutungsräume
erschließen.

Zweiter Zugang: das USE ME/die Ebene kulturellen Kommentars
Hört man ‚Use me‘/‘Benutze mich‘ denkt man vielleicht nicht direkt an hohe Kunst,
konnotiert wird eher der Bereich der Erotik oder der Pornographie. Ein offensichtlich
bewusst in Kauf genommener Anklang: schaut man sich die Werke Danielle Zimmermanns an, dann überwiegen Frauendarstellungen. Und diese Frauen sind nicht brav, zurückhaltend,
diese Frauen sind expressiv, laut und selbstbewusst. Und ja, sie sind auch sexy. Aber – und das ist wichtig – nicht sexistisch. Dieser Vorwurf prallt an Danielle ab. Und das nicht nur, weil
sie selbst eine Frau ist. Sondern weil diese Darstellungen bei Danielle nicht ohne Kontext, nicht ohne Kommentar auftreten. Die ‚süßen Früchten‘ – ich meine damit z.B. die Plastiktütenbilder im Raum dahinten – räkeln sich auf den Slogans, mit denen sie sonst
häufig abwertend beschrieben werden. Sie sind ‚kokett‘, ‚soft‘ und Prinzessinen. Vorgeführt werden so nicht sie, sondern der objektifizierende, meist männliche Blick auf sie.
Kommentiert wird die kommerzialisierte Hyper-Sexualität der heutigen Zeit.
Und auch das ist eines der rominentesten Merkmale von Danielle Zimmermanns Kunst. Ihre Werke können auch einfach so gefallen, für ein umfassenderes Verstehen ist es aber
unabdingbar, sie als das zu sehen, was sie immer auch sind: Kommentare auf die uns
umgebende Kultur. Auf Sexualität, auf Kommerz, auf Fashion und Konsum, auf Religion und
Politik. Oft, fast immer, mit einem Augenzwinkern, einer verspielten Leichtigkeit; aber doch
nie unfair, nie unter der Gürtellinie.

Dritter Zugang: das ME/die Ebene der persönlichen Öffnung
Wenden wir uns nun dem zweiten Wort des Titels zu, dem kleinen Wörtchen ‚me‘. Grammatikalisch das Objekt des Satzes. Formuliert in der ersten Person Singular macht es den Sender oder die Äußerin des Satzes eben gerade zu einem solchen Objekt unserer Betrachtung. Und es stellt sich unmittelbar die Frage: Wer ist dieses Ich, das im Titel ‚Reuse me‘ zu uns spricht? Ist es ein rein lyrisches Ich, bei dem wir uns hüten sollten, dies mit der Künstlerin gleichzusetzen, das es gilt rein aus dem Werk zu extrahieren? Dagegen spricht einiges. Oft sehen wir die Künstlerin selbst, wie sie uns aus ihren Werken frech, manchmal fast schon aufmüpfig entgegen lächelt (oder gar den bösen Mittelfinger zeigt) – machen Sie sich da gerne auf die Suche danach. Auch die Performance, an der Sie sich nach diesem Vortrag erfreuen dürfen, hat genau eine Protagonistin:
Danielle Zimmermann. Die Künstlerin inszeniert sich selbst. Und auch die vorhin schon angesprochenen im Werk von Danielle immer wieder bearbeiteten Kulturaspekte, Fashion, Shopping, Recycling durch Second Hand sind natürlich nicht zufällig gewählt. Sie kommen aus dem unmittelbaren Lebensumfeld der Künstlerin, hier liegen mindestens große Teile ihrer Leidenschaft. Der Reichtum an Farben, Motiven und generell Expressivität im Werk spiegelt sich nicht nur heute sondern durchaus immer in Danielles Kleidungsstil und bspw. auch den täglich getragenen Accessoires wider.
Das Werk der Künstlerin verschmilzt mit der Künstlerin selbst, ist ihre Erweiterung; oder sie
Teil der künstlerischen Inszenierung. Die Grenzen verwischen.
Vorsicht ist natürlich trotzdem geboten: Danielle (als Kunstobjekt und Kunstsubjekt durchdie erste Person Singular im Titel) ist nicht einfach nur eine Abbildung der realen Danielle Eröffnungsrede ‚Reuse me‘, Städtische Galerie ‚Fähre‘ Bad Saulgau, 21. Juni 2026, Dirk Lenz
Zimmermann, Danielle Zimmermann nicht vollständig über ihren nom de l’artiste zu
erschließen. Viel zu verspielt springt die Künstlerin dabei zwischen diesen beiden
Persönlichkeiten, zeigt uns in diesem Spiel mit Identitäten, wie fragil in unserer heutigen Zeit
die Frage nach Identität überhaupt geworden ist. Immer dürfen und müssen wir raten, wer
nun gerade zu uns spricht.
Vierter Zugang: das REUSE!/die pädagogische Ebene
Aber nicht nur die erste Person Singular zeigt sich in der Rolle der Sprecherin, der Senderin in
diesem Titel. Lassen Sie uns nicht übersehen, dass dieser durch seine grammatische Form
auch klar einen Adressaten benennt: als Imperativ spricht er uns an, die zweite Person
Singular, das Du, das Ihr/Sie.
Als Aufforderung, selbst tätig zu werden. Danielle möchte, dass Sie sich aktiv auf diese Ausstellung einlassen, dass Sie sich die Hände schmutzig machen, fast schon wortwörtlich im Müll wühlen. Es wäre so einfach, recht zügig durch die Räume zu laufen, das eigene Urteil bei einem durchaus schnell zu erreichenden „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“ schon zum Schluss kommen zu lassen. Aber glauben Sie mir, damit tun Sie dieser Ausstellung unrecht und nehmen sich die Möglichkeit, sich quasi mit der Lupe in der Hand auf die Suche zu machen nach dem Upcycling in Verweisen und Zitaten, sei es in die Kunstgeschichte oder die Alltagsumwelt, sei es zwischen den einzelnen Werken und Werkserien. Auf die Suche nach den Spuren zur Interpretation verschiedenster
Deutungsebenen, die Danielle unter anderem als kulturellen Kommentar in all ihren Werken angelegt hat. Auf die Suche nach den Manifestationen der Künstlerin selbst in ihrem Opus. Ich kann ihnen nicht versprechen, dass dieser Weg widerstandslos und einfach ist. Lassen Sie mich das im Rückgriff auf unseren Anfangspunkt kurz noch einmal erläutern: Verdichtung passiert, wo Kultur entsteht. Verdichtung als Kulturtechnik generiert mehr Sinn auf weniger Raum. Als Beispiel dafür reicht der Blick in die Lyrik, im deutschen nicht zufällig ‚Dichtung‘ benannt. Im Gedicht sehen wir im Vergleich zur Prosa literarisch die Verdichtung von Emotion, Zeit und Bedeutung. Wofür ein Roman Seiten braucht, reicht im Gedicht oft eine einzige Metapher.

Und die Meisterschaft der Verdichtung bedeutet dann die Generierung des Maximums an Sinn auf einem Minimum an Raum.
Danielle Zimmermann ist zweifelsohne eine Meisterin der Verdichtung der bildenden Kunst. Wenn schon ein Titel mit gerade mal sieben Buchstaben ausreichend Bedeutung für diesen Vortrag liefern kann, dann kann man sich vorstellen, wie viel Bedeutung in einem ausgestellten Oeuvre von über 150 Exponaten hier auf die Entdeckung, Interpretation, Diskussion durch Sie als Publikum wartet und welche Arbeit nun tatsächlich als
Besucherinnen dieser Ausstellung auf Sie zu kommt. Und vielleicht mag es etwas weit hergeholt wirken, wenn ich behaupte, dass Danielle Zimmermann mit dem Imperativ des Ausstellungstitels nicht nur diese Aufforderung zur Bedeutungssuche an Sie ausspricht, sondern Sie zusätzlich ermuntert, selbst einfach mit offenen Augen durch Ihre jeweiligen Lebenswelten zu spazieren und zu sammeln, zu collagieren, upzucyceln, selbst schöpferisch tätig zu werden. Eröffnungsrede ‚Reuse me‘, Städtische Galerie ‚Fähre‘ Bad Saulgau, 21. Juni 2026, Dirk Lenz Ich glaube aber, dass man auch diese Aussage guten Gewissens tätigen kann. Wer Danielle Zimmermann kennt, weiß, dass sie neben der Schöpfung ihrer eigenen Kunst als Kunstlehrerin auch für die Kunstvermittlung und die Vermittlung künstlerischer Tätigkeit brennt. Leuchtende Augen ihrer Schülerinnen beim Atelierbesuch sprechen für ihre Begabung auch auf diesem Gebiet. Danielle gibt den Funken künstlerischer Inspiration weiter, vielleicht ja heute auch an Sie.