Kunstausflüge mit Sigrid Balke | Ausstellung im Haus der Kunst München bis 07. Februar 2027: Tomás Saraceno – Verwobene Welten – In Collaboration

Verlassen wir Baden-Würrtemberg für einen Kunstausflug ins benachbarte Bayern. München bietet eine Fülle hochkarätiger Ausstellungen, doch an einer führt kaum ein Weg vorbei. Im Haus der Kunst ist noch bis zum 7.Februar 2027 die Ausstellung Verwobene Welten – In Collaboration von Tomás Saraceno zu sehen. Es ist die bislang größte Präsentation des argentinischen Künstlers in Deutschland – eine Ausstellung, die weit über den musealen Raum hinausweist.

Schon der Titel beschreibt ihr Programm. Tomás Saraceno denkt Kunst nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als ein miteinander verwobenes Geflecht aus Wissenschaft, Architektur, Ökologie und gemeinsamen Handeln. Das Haus der Kunst folgt diesem Gedanken konsequent, öffnet seine Terrasse und macht einen Teil der Ausstellung frei zugänglich. Die Schwelle zwischen Stadtraum und Museum verschwindet, Kunst wird Teil des öffentlichen Lebens. Man betritt die Installation Algo-R(h)i(y)thmus, ein spielerisches Werk. Gespannte Fäden werden zu Saiten, Berührungen zu Schwingungen, aus einzelnen Bewegungen entsteht ein gemeinsamer Klangkörper. Die Skulptur existiert erst durch ihre Besucher und ihr Miteinander. Partizipation ist hier kein Vermittlungsangebot, sondern künstlerisches Prinzip.

Auch Museo Solar im Eingangsbereich vom Haus der Kunst versteht sich als Gemeinschaftswerk. Aus gebrauchten Plastiktüten entsteht ein leichtes, schwebendes Museum, das an jedem Ausstellungsort weiterwächst. Jede hinzugefügte Tüte erzählt von einem anderen Ort, einer anderen Begegnung. Das Werk bleibt offen und wird zu einem Archiv geteilter Erfahrungen und ein Sinnbild kollektiver Verantwortung. Das entspricht dem künstlerischen Verständnis partizipativer Skulpturen, der Umsetzung von Leichtigkeit, Bewegung, Form und einfachen Materialien“, so Dr. Andrea Lissoni, Künstlerischer Leiter des Hauses. „In unseren Räumen finden Kunstwerke statt, werden Informationen geteilt. Wir schaffen den kritischen Kontext, um historische Dimensionen im Zeitgenössischen zu erkennen“.

Die Offenheit für die Bedeutung von Miteinander prägt Tomás Saracenos gesamtes Schaffen. Der 1973 im Norden Argentiniens geborene Künstler arbeitet seit Jahren mit den indigenen Gemeinschaften der Salinas Grandes zusammen. Gemeinsam gründeten sie das Netzwerk Red Atacama, das Wasser, Landschaft, Atmosphäre sowie Flora und Fauna als untrennbar miteinander verbundene Lebensräume versteht. Aus diesem Denken entwickelt Saraceno seine künstlerische Kosmologie – ein Web of Life, in dem alles mit allem verbunden ist.

Kaum ein Motiv verkörpert diese Idee eindrucksvoller als das Spinnennetz. In den abgedunkelten Räumen der Ausstellung werden seine filigranen Strukturen durch fein gesetztes Licht sichtbar. Was eben noch unsichtbar war, zeigt sich im Licht als schwebende Architektur von erstaunlicher Präzision. An anderer Stelle zeichnet das Licht Staubpartikel in die Luft und macht das Unscheinbare zu leisen, beinahe meditativen Momenten bewusster (Kunst) Wahrnehmung.

Diesen poetischen Räumen steht die monumentale immersive Installation Towards the Sanctuary of Water gegenüber, weit gespannte Konstruktionen, in der man sich durch begehbare Landschaften aus Licht, Luft Wasser und Kosmos bewegt. Gerade dieser Wechsel zwischen monumentaler Geste und teilweise fragiler Feinheit verleiht der Ausstellung ihre außergewöhnliche Spannung.

Doch Verwobene Welten erschöpft sich nicht im Staunen. Wissenschaftliche Forschung, ökologische Fragen und gesellschaftliche Verantwortung sind eng mit den ästhetischen Erfahrungen verwoben. Nie belehrend, sondern präzise und nachvollziehbar. Eine Karte der Seen rund um München macht den Wasserverbrauch des Lithiumabbaus sichtbar und übersetzt abstrakte Zahlen in eine erfahrbare Dimension. Die räumliche Nähe verdeutlicht, welche Folgen unser Ressourcenverbrauch an einem scheinbar weit entfernten Ort haben kann.

Während der Ausstellung arbeitet Saraceno gemeinsam mit Red Atacama in Salinas Grandes weiter an dem die Werk The Sanctuary of Water, dessen Entstehung per Livestream verfolgt werden kann. Gegen Ende der Ausstellung wird es selbst Teil der Präsentation – ein Werk, das nicht transportiert, sondern gemeinsam entwickelt wird und den Gedanken der Kollaboration konsequent weiterführt.

Es ist das Besondere dieser Ausstellung, Erkenntnis und sinnliche Erfahrung so selbstverständlich miteinander zu verbinden. Saraceno zeigt die Schönheit eines Spinnennetzes ebenso wie die Eleganz schwebender Staubpartikel, öffnet monumentale Räume und richtet den Blick zugleich auf das beinahe Unsichtbare. Aus Licht, Klang, Bewegung, wissenschaftlicher Neugier und dem Bewusstsein für die Bedeutung endlicher Ressourcen entsteht eine Ausstellung, die den Blick auf die Welt verändert. Man verlässt diese Ausstellung mit geschärften Sinnen und mit der Ahnung, dass die feinsten Verbindungen oft die tragfähigsten sind.

Oder, wie Tomás Saraceno seine Arbeit selbst beschreibt:

Wenn das Lama von den Sternen trinkt und die Spinne Lebenszyklen webt, dort, wo der Himmel die Erde berührt und die Zeit sich ausdehnt wie Salz …“


© Text: Sigrid Balke; © Fotos: Harald Lambacher