Feine Strukturen – für die Ewigkeit? – über den Stein-Bildhauer Dieter Kränzlein

Künstlerporträt über Dieter Kränzlein in Form eines Doppelporträts:
Teil I: Dr. Isabell Schenk-Weininger (Direktorin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen): | Material – Form – Oberfläche – Farbe – zu Dieter Kränzleins skulpturalem Werk

Teil II: Jürgen Linde: Feine Strukturen – für die Ewigkeit? – über den Stein-Bildhauer Dieter Kränzlein
Lange schon faszinieren mich die Stein-Skulpturen des in Bietigheim-Bissingen lebenden Stein-Bildhauers Dieter Kränzlein. Insbesondere die filigranen und virtuos mit der Flex eingearbeitete Rillen sind es wohl, die diese Werke so besonders machen. Manchmal entsteht dabei eine Anmutung von Schrift oder wohl besser: einer Zeichensprache. Einer sehr abstrakten Art von Kommunikation, die aber dennoch, wie wir sehen werden, eine Botschaft beinhalten könnte.

Bild oben: Dieter Kränzlein: o.T. Marmor, gefärbt, 20 x 27 x 22 cm, 2025
© Dieter Kränzlein; VG Bildkunst Bonn, 2026

Bild links: Dieter Kränzlein: Foto Annette Cardinale

Dieter Kränzlein arbeitet vorwiegend mit norwegischem Marmor und mit Mooser Muschelkalk. Muschelkalk ist ein schon an sich sehr schönes Material: Viele von Ihnen kennen bestimmt die Kunsthalle Würth in Schwäbisch-Hall: deren Mauern sind aus regionalem Muschelkalk gebaut und geben der Kunst darin einen ästhetisch guten Rahmen. Und auch einen Bezug zur Region, zur ganz realen, materialen Welt, in der wir leben.

Seit einigen Jahren immer öfter durch Farben ergänzt, entstehen in Kränzleins großzügigen Atelierräumen Skulpturen, die wir durchaus auch als witzig und ironisch erleben dürfen: Kissen oder Sitzkissen aus Muschelkalk wirken einladend, gemütlich, und doch ahnen wir, dass sie so bequem wohl nicht sein w(u)erden.

Skulpturen. Aus Stein. Etwas sehr Besonderes in diesen Zeiten der Digitalität, in denen (zumindest kleine) Skulpturen ohne große (körperliche) Mühe mit einem 3D-Drucker produziert werden können, scheint die klassische Bildhauerei aus der Zeit gefallen zu sein. Bitte lassen Sie mich noch weiter ausholen: ein meines Ermessens wichtiger Teilaspekt der Digitalisierung, die ja weiter voranschreitet, ist, dass uns die sinnliche Wahrnehmung “materialer Fakten“ ins Abstrakte entgleiten könnte:

Wahrscheinlich ist es etwas zu einseitig von mir, dass ich die skulpturale Arbeit von Dieter Kränzlein hier so stark (wahrnehme und) beschreibe im Gegensatz zur gewohnten alltäglichen, zunehmend digitalisierten Welt. Und doch sind es insbesondere die Besonderheiten der Kunst – speziell der Bildhauerei – für die in der digitalen Wirklichkeit kaum mehr Raum zu sein scheint.

Bild oben: Dieter Kränzlein: | Skulpturen von links nach rechts:
gelb: o.T. Marmor, gefärbt 25 x 23 cm Durchmesser, 2026
orange: o.T. Marmor, gefärbt, 15 x 40 x 15 cm, 2022
rot: o.T. Marmor, gefärbt, 17 x 30 x 17 cm, 2022
© Dieter Kränzlein; VG Bildkunst Bonn, 2026

Zur ganzen Bandbreite unserer sinnlichen Wahrnehmung zählen ja zweifellos auch Haptik und der Geruchssinn. Für die Haptik, den Tastsinn, gibt es digital gar keine „Abbildungsmöglichkeit“, keine Repräsentation.

Doch wer fühlte sich nicht angezogen von den mühsam eingearbeiteten Feinstrukturen in den Oberflächen von Dieter Kränzleins Werken. Unweigerlich möchte man herantreten und die Oberflächen der Skulpturen berühren, erspüren.

Wenn wir das Gefühl für Schwere und die Haptik als unverzichtbare Elemente unserer sinnlichen Wahrnehmung betrachten, so könnten wir diese durch die Digitalisierung gefährdet sehen; anderseits, mit etwas gesundem Zweckoptimismus betrachtet und dialektisch gewendet – ist die Bildhauerei eine Zukunftsgarantie für diese Kunst, die sich definitiv der vollständigen Vereinnahmung durch die Digitalität entzieht. Auf diese Weise leistet die Kunst einen wichtigen Beitrag dazu, die ganze Bandbreite unserer sinnlichen Wahrnehmung zu bewahren – über das Digitalzeitalter hinaus, vielleicht für die Ewigkeit?

Die feinen Strukturen, die Dieter Kränzlein in seine Steinskulpturen gewissermaßen einschreibt, erscheinen mir als schriftliche Zeichen. Eingearbeitet in Millionen Jahre altes Material, heute eindeutig von Menschen transformiert zu Kunst – ein weites Feld für zukünftige Generationen von Archäologen (nach dem WK III? oder nach der Klimakatastrophe?)

Bild rechts: Dieter Kränzlein: Außenskulptur vor dem Bürgeramt Bietigheim-Bissingen;
© Dieter Kränzlein; VG Bildkunst Bonn, 2016
Foto: Ralf Grömminger

Kein Schnee- oder Hagelsturm wird diese steinernen Kunstwerke zerstören, kein EMP, der elektromagnetische Impuls, der nach einer atomaren Explosion in Bodennähe alle elektronischen Geräte lahmlegt, kann diese Kunst gefährden. Auch keine Viren: nicht biologische, nicht einmal KI-generierte TÜV-geprüfte 1A-Internet-Qualitätsviren der 3. Generation.

Schon vor Jahren hatte ich ein Künstlerinnen-Porträt über die Metall-Bildhauerin Michaela Fischer benannt nach dem Titel des gleichnamigen Films von Roland Emmerich “The Day after Tomorrow“.
Die Künstlerin rekonstruiert, so hatte ich ihre Arbeit verstanden, die Körperlichkeit, die im Digitalzeitalter in den Hintergrund gedrängt wird, vielleicht zu verschwinden scheint, aber nicht verschwinden wird. Körperlichkeit und Tastsinn sind unverzichtbare Teile des Spektrums der sinnlichen Wahrnehmung des Menschen, sie sind Teil unseres Menschseins.

Vielleicht bewegen wir uns hier auf neoromantischen Pfaden? Die Romantik passt nicht so recht in das Digitalzeitalter. Doch auch wenn die Digitalisierung noch lange das Paradigma der modernen Weltsicht prägen sollte: angesichts der steinernen Kunst von Dieter Kränzlein können wir beruhigt sein: diese Botschaft der Sinnlichkeit wird noch weitere Epochen überdauern – notfalls

bis zur nächsten Steinzeit.

Jürgen Linde im August 2026