Kunstausflüge mit Sigrid Balke | – Das Weltereignis Konstanzer Konzil
Ist das Kunst und gehört die Ausstellung 360 ° Panorama Konstanz als Tipp für einen Kunstausflug ins Kunstportal? Man kann es in der Tradition eines Pieter Bruegel sehen dessen Panoramabilder zum genauen Hinschauen und zum Entdecken der unzähligen Details auffordern, oder man vergleicht es mit den illusionistischen Deckenmalereien des Barock, in denen Grenzen des vorhandenen Raumes aufgebrochen und illusorisch erweitert wurden. Wenn man es so sieht, folgt das Panoramabild von Konstanz in der Zeit des Konzils diesen künstlerischen Positionen der detaillierten Darstellung und der kreativen Raumillusion auf eine moderne, immersive Art. Neben dem Kunstvermittlung-Auftrag von Museen und Galerien fordert immersive Kunst ihren Platz ein und ergänzt die Definition des Begriffs Bildende Kunst. Ob zu Recht, kann jeder für sich entscheiden – Kunst ist nicht dogmatisch.

In Konstanz entstand ein außergewöhnliches Gebäude mit einer spektakulären Fassade für ein Gemälde in einem überwältigenden Großformat. Die Ausstellung über mehrere Ebenen, mit simulierten Tageszeiten, unterschiedlichen Jahreszeiten und abgestimmten Klangkompositionen nehmen die Besucherinnen und Besucher mit in die Jahre 1414 bis 1418, in denen die Stadt am Bodensee zum Ort einer kirchlichen Krisensitzung wurde. Thema war die Überwindung des Schismas, der Kirchenspaltung, da drei Päpste die alleinige Anerkennung beanspruchten und damit ging es auch um die Machtstrukturen der Kirche und der weltlichen Herrscher. Dazu wurde der Ruf nach Reformen laut, der allerdings mit der Verbrennung des Ketzers Jan Hus zunächst ein Ende fand und erst ein gutes Jahrhundert später mit Martin Luther und der Reformation erneut zu einer Kirchenspaltung führte.

Die Ausstellung in dem vom Architektenbüro sauerbruch-hutton errichteten Rundbau am Konstanzer Seerhein beginnt mit der geschichtlichen Einordnung des Konstanzer Konzils, sie thematisiert die Einflüsse auf Kirche, Politik, Kunst und Architektur und führt nach diesem geschichtlichen Überblick mitten ins Leben der 6000 Einwohner Stadt. Mit der Beherbergung und Versorgung der Konzilsteilnehmer und der zahlreichen Menschen die wegen des Konzils in die Stadt gekommen waren – teils waren es bis zu 50.00 – vollbrachte sie eine logistische Meisterleistung.
Kunst bewegt, ermöglicht Perspektivenwechsel und wird bei Yadegar Asisi zu einer Illusion aus Licht, Architektur und Klang. „Ein Panorama ist kein Bild an der Wand. Es ist ein Raum für Wahrnehmung“ beschreibt der Künstler und Architekt seine Panoramabilder die seit 20 Jahren weltweit faszinieren. In Workshops vermittelt er detailgetreues Zeichnen – für den „Meister der Perspektive“ ein essentielles Handwerk, das Konzentration und genaues Hinsehen erfordert. Eine detailgetreue Skizze ist daher auch der Anfang jedes Panoramabildes in denen Asisi narrativ-monumentale Bildwelten erschafft, eine Interpretation und Interpolation von Raum und Zeit. „Verdichtung“ nennt Asisi seine Panoramen in denen Bildinhalte und Aussage im Mittelpunkt stehen und genaues Hinsehen erfordern. Im Wechsel von Tag und Nacht können Besucherinnen und Besucher „mehrere Tage“ in der Ausstellung verbringen, immer wieder Neues entdecken. Durch die fünf Ebenen vom Detail bis zum Weitblick können sie die Zeit des Konzils erfassen, seine Bedeutung für die Stadt unmittelbar erleben und Geschichte nachvollziehen. Die ausgewählte Musik und ein Klangteppich aus zeitgemäßen Alltagsgeräuschen schaffen eine Atmosphäre, die auf das Bildpanorama fokussiert und alles darum herum vergessen lässt.

„Ich möchte den Menschen die Muße des Betrachtens zurückgeben“, sagt Yadegar Asisi.
„Im Panorama gibt es keinen vorgegebenen Blick. Keine richtige oder falsche Reihenfolge. Aber durchaus einen Bezug zu heute, für einen Zustand der die Menschen begleitet: der Versuch, Wahrheit, Glauben und Ordnung zu behaupten – und ihren fortwährenden Missbrauch im Namen der Macht. Der Wille zur Macht bringt Ordnungen hervor, aber er zerstört sie auch von innen“.
Das 360 °Panorama Konstanz ergänzt das künstlerische Bild einer mittelalterlichen Stadt mit der Dokumentation eines Weltereignisses, vermischt dabei vielleicht das eine oder andere Mal Mythen und Realität, aber die Grundsatzthemen Macht, Machtmissbrauch und der Anspruch auf alleinige Wahrheit lassen die Fortsetzung der immer gleichen Strukturen und Abläufe erkennen – Parallelen zu heute inklusive.
Fotos: Harald Lambacher
© Text: Sigrid Balke