Kunstausflüge mit Sigrid Balke | Kunsthalle Tübingen | 09.10.2026 – 28.02.2027 | Lars Eidinger – Present Perfect – im Dialog mit der Sammlung
KunsthalleTübingen

Sich gegenseitig Kunstwerke vorschlagen, Ideen entwickeln, Gegenüberstellungen ausloten – der Beginn der Ausstellung war ein kuratorisches Ping-Pong zwischen dem Künstler Lars Eidinger und Nicole Fritz, der Leiterin der Kunsthalle Tübingen. Aus diesem spielerischen Hin und Her ist eine Ausstellung entstanden, die nicht nur Kunstwerke der Sammlung in ein neues Licht rückt, sondern auch unseren Blick auf die Welt verändert. Moment mal – Lars Eidinger? Ist das nicht der berühmte Schauspieler? Malt er jetzt auch? Nein, Eidinger zeigt Fotografien, Filmstills und Videos – und eröffnet damit überraschende Perspektiven auf das scheinbar Gewöhnliche.

© Fotos: Harald Lambacher

Am Anfang steht ein noch etwas unscharfes Foto, aufgenommen, als Eidinger sechs Jahre alt war. Der Hamster in einer Klorolle auf der Couch im elterlichen Wohnzimmer vermittelt ihm heute eine Atmosphäre von Heimat. Die Fotografie begleitet ihn ebenso wie Musik und Schauspiel seit seiner Jugend. „Kunst ist Energie, ich kann mich in vielen Bereichen ausdrücken.“ Wie eng diese genreübergreifenden Ausdrucksformen für ihn zusammengehören, zeigt bereits der biografische Raum am Anfang des Rundgangs. Ein Plattenspieler mit einer selbst produzierten Schallplatte trifft auf zahlreiche Fotografien aus seiner Schauspielkarriere, die meisten von Jürgen Teller, dessen Arbeit Eidinger schätzt.

Selbst fotografiert zu werden, ist ihm eher unangenehm. „Die Linse schiebt sich zwischen Fotografen und den, der fotografiert wird, durchbricht den persönlichen Kontakt.“ Vor der Kamera, sagt er, spiele er eine Rolle von Lars Eidinger, der fotografiert wird. Und dann seien da noch die vielen anderen Versionen seiner selbst, wie die Schichten einer Zwiebel. Was bleibt darunter? Wo ist das wirkliche Selbst?

Eidinger denkt laut, zitiert Wittgenstein und die griechische Mythologie, lässt Gedanken entstehen und wieder verschwinden. Zugleich begegnet er den Werken der Kunsthalle mit spürbarer Neugier. Besonders angetan hat es ihm vor allem Yves Kleins monochrome Arbeit Blaue Tafel – als Dauerleihgabe würde er das Werk am liebsten gleich mitnehmen. Doch um sich mit den Ikonen der Sammlung von Klein über Sigmar Polke und Katja Strunz bis Ben Willikens zu messen, geht es ihm nicht. „Was mich immer interessiert hat, ist der unbedingte Wille, sich auszudrücken. Die Kunst hat dafür unzählige Möglichkeiten.“

Lars Eidinger – Present Perfect – im Dialog mit der Sammlung

Eidingers eigenes Ausdrucksmittel ist häufig das Smartphone – wobei er es selbst lieber Telefon nennt. Smart ist daran aus seiner Sicht wenig. Entscheidender Vorteil gegenüber seiner Leica ist, dass er es immer bei sich hat. Es ermöglicht spontane Aufnahmen, ohne Vorbereitung, ohne Inszenierung. Seine Motive findet er mitten im Alltag. Es sind Momentaufnahmen von Situationen, Orten, Dingen, an denen andere achtlos vorübergehen. Es ist eine Ästhetik des Übersehenen, des Alltags, die Eidinger interessiert. Seine Fotografien wollen keine Botschaft verkünden und dem Betrachter keine Interpretation vorschreiben. Sie halten fest, was da ist – das Unschöne, das Zufällige, die Spuren gelebten Lebens. Erst der eigene Blick macht daraus etwas Besonderes.

Bezeichnenderweise tragen die Fotografien keine Titel. Sie sind nach den Orten benannt, an denen sie entstanden sind. Keine sprachliche Vorgabe lenkt die Wahrnehmung, keine Erklärung legt fest, was wir sehen sollen. Hier klingt ein Satz Ludwig Wittgensteins an: „Alle Erklärung muss fort, und nur die Beschreibung an ihre Stelle treten.“ Was auf den ersten Blick banal erscheint, darf einfach da sein. Was es bedeutet, bleibt offen.

Present Perfect – grammatikalisch die vollendete Gegenwart. Der Moment ist bereits vergangen und doch noch gegenwärtig. Eidingers Fotografien halten solche Augenblicke fest, ohne sie endgültig festzuschreiben. Darin erinnern sie an die Ready-mades und Objet trouvés der Kunstgeschichte – an das künstlerische Entdecken und Auswählen dessen, was längst vorhanden ist. Nicht das Motiv allein macht das Bild aus, sondern die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wird. Und die Bereitschaft, sich auf diesen Blick einzulassen.

Sieben Themenbereiche führen durch die Ausstellung. Im Ping-Pong mit den Werken der Sammlung entstehen neue Nachbarschaften, überraschende Bezüge und gedankliche Sprünge. Die Gegenüberstellungen liefern keine fertigen Antworten. Sie laden dazu ein, Wahrnehmung, Interpretation und Assoziation selbst in Bewegung zu bringen. Vielleicht entdeckt man dabei etwas, das man zuvor übersehen hat. Vielleicht erkennt man in einem unscheinbaren Motiv sogar etwas von sich selbst: eine Erinnerung, eine Stimmung, einen vertrauten Ort oder eine eigene Art, die Welt zu betrachten.

Das gelingt allerdings nicht nebenbei. Wer durch die Ausstellung eilt und nach dem schnellen Aha-Erlebnis sucht, wird manches verpassen. Eidingers Bilder verlangen keine kunsthistorischen Vorkenntnisse, wohl aber Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf das scheinbar Nebensächliche einzulassen. Dann kann aus einem gewöhnlichen Ort ein Bild werden, aus einem beiläufigen Augenblick eine Erinnerung – und aus dem Blick auf die Welt ein Blick auf uns selbst.

Vielleicht ist die eigentliche Einladung von Present Perfect nicht nach einer Erklärung zu suchen, sondern genauer hinzusehen. Denn das vermeintlich Banale ist keineswegs banal. Man muss ihm nur die Chance geben, sichtbar zu werden.

© Text: Sigrid Balke
©Fotos: Harald Lambacher