Centro Giacometti – eine (Künstler-) Familie im Bergell

Kunstausflüge mit Sigrid Balke | Das Centro Giacometti in Stampa /
Gespräch mit Marco Giacometti

Marco Giacometti wählt im Centro Giacometti in Stampa einen ungewöhnlichen Zugang zum Werk Alberto Giacomettis. Statt die Kunst selbst zu erklären, eröffnet er einen Blick auf den Menschen dahinter – auf sein Denken, seine familiären Bindungen und seine lebenslange Suche nach einer wahrhaftigen Darstellung menschlicher Existenz.

Die Ausstellung führt in die Lebenswelt der Familie Giacometti und in die besonderen Lebensbedingungen des Bergells. Sie nähert sich der Kunst nicht unmittelbar über die Werke, sondern über die Geschichte einer Bergeller Familie, deren Mitglieder durch Auswanderung, unternehmerischen Erfolg, weitreichende familiäre Netzwerke und die Förderung von Bildung international in Kunst, Architektur und Wissenschaft Bedeutung erlangten. Wirtschaftliche Mobilität und Weltoffenheit schufen dafür wesentliche Voraussetzungen.

Bild oben: Das Centro Giacometti mit dem Atelier im Vordergrund
© Foto: Harald Lambacher, 2026

Dieses familiäre Erbe bildete einen wichtigen Rahmen für Alberto Giacomettis künstlerische Entwicklung. Hinzu kamen seine Verbundenheit mit der Schweizer Heimat; die Erfahrungen seiner Reisen, das Kunststudium in Paris, die Begegnung mit anderen Künstlern und nicht zuletzt familiäre Schicksalsschläge. Aus diesen unterschiedlichen Einflüssen entwickelte sich der Nährboden für ein Werk, das die menschliche Existenz in ihrer Verletzlichkeit, Einsamkeit und Unmittelbarkeit befragt.

Mit genealogischen Übersichten, Fotografien, Filmen und Originaldokumenten schafft die Ausstellung im Centro Giacometti eine besondere Nähe zur Familie und ihrer Geschichte. Gerade die Authentizität der Quellen macht ihren Reiz aus indem sie neue Perspektiven auf den Künstler eröffnet, ohne das Geheimnis seiner Kunst vorschnell auflösen zu wollen.

Mit wilder Haarmähne, elegantem Dreiteiler, Krawatte und weißem Hemd steht der vielleicht zwanzigjährige Alberto Giacometti auf einer Fotografie vor dem Garteneingang des Hotel Duan. Im Hintergrund ragen die schroffen Granitberge des Bergells auf. Sein Blick in die Kamera ist offen, beinahe stolz. Das Bild erzählt von einem jungen Mann, dessen künstlerischer Weg noch vor ihm liegt und von einer Herkunft, die ihn zeitlebens prägen wird.

Das Hotel Duan, einst von Albertos Großvater gegründet, beherbergt heute das Centro Giacometti. Hier widmet sich Marco Giacometti, selbst aus dem erweiterten Familienkreis, mit großer Leidenschaft der Dokumentation der Familiengeschichte. Dabei geht es ihm nicht allein um die berühmten Künstler, sondern auch um das kulturelle Umfeld, die familiären Beziehungen und die Landschaft des Bergells, die für die Entwicklung der Künstlerfamilie eine wesentliche Rolle spielten.

Zu den bekannten Persönlichkeiten im familiären Umfeld gehören Albertos Vater Giovanni und sein Onkel Augusto, zwei herausragende Vertreter der Schweizer Kunst. Augusto Giacometti begann mit ornamentalen Arbeiten und entwickelte nach einer Italienreise eine bemerkenswerte formale Freiheit. Mit seinen zunehmend abstrahierten Farbkompositionen wurde er zu einem Wegbereiter der abstrakten Kunst. Giovanni Giacometti, zunächst vom Werk seines Freundes Giovanni Segantini beeinflusst, fand bald zu einer eigenen, impressionistisch geprägten Bildsprache. In seinen Gemälden stehen Farbe, Licht und die unmittelbare Wahrnehmung der Natur im Mittelpunkt.

Alberto, im Oktober 1901 in Stampa geboren, wächst buchstäblich im Atelier seines Vaters auf. Es liegt dem Hotel Duan gegenüber, das seine Mutter Annetta Giacometti-Stampa führt. Sie stammt aus einer alteingesessenen Beamtenfamilie, die dem Ort ihren Namen gab. Giovanni vermittelt seinem Sohn weit mehr als einen bestimmten Malstil. Er prägt eine grundlegende Haltung zur Kunst, die auf genauem Beobachten, dem Arbeiten vor dem Modell und der Auseinandersetzung mit der sichtbaren Wirklichkeit beruht. Früh unterrichtet er Alberto im Zeichnen und Malen nach der Natur. Dessen erste Porträts und Stillleben stehen noch deutlich in der Tradition des Vaters.

Ein entscheidender Wendepunkt folgt 1920 auf einer gemeinsamen Italienreise. Alberto begegnet in Venedig den Gemälden Tintorettos, sieht in Padua Giottos Fresken und setzt sich in Florenz mit antiken Skulpturen auseinander. Die Reise schärft seinen Blick für das Verhältnis von Figur, Form und Raum und für die Frage, wie sich menschliche Existenz künstlerisch erfassen lässt.

1922 geht Giacometti nach Paris, wo er sich zunächst mit konstruktivistischen Ansätzen und später mit dem Surrealismus auseinandersetzt. Diese Erfahrungen führen ihn auf neue Wege und bilden wichtige Voraussetzungen für die unverwechselbare Formensprache seiner späteren Skulpturen. In einer Phase radikaler Reduktion versucht er herauszufinden, wie wenig von einer Figur übrigbleiben kann, damit sie noch als Mensch erkennbar ist. Später kehrt er zur Arbeit vor dem Modell zurück. Seine Figuren werden zunehmend abstrahiert, ohne ihre individuelle Präsenz zu verlieren.

So unterschiedlich die künstlerischen Ausdrucksformen von Vater und Sohn auch sind, beiden gemeinsam ist die intensive Beobachtung und die beinahe obsessive Auseinandersetzung mit dem Menschen und der Natur. Die künstlerische Eigenständigkeit, die Alberto in Paris entwickelt, entsteht also nicht im Gegensatz zu seiner Herkunft, sondern auch aus ihr heraus.

Wie auch seine Geschwister Diego, Ottilia und Bruno zieht es Alberto Giacometti immer wieder in seine Heimat und zu seiner Mutter Annetta, die in dem matriarchalisch geprägten Familienverbund eine bedeutende Rolle spielt. Giacomettis gehören zu den angesehenen Familien im Tal, aber die einfachen Bewohner haben andere Sorgen als sich mit Kunst zu beschäftigen. Man schaut nach dem Vieh, dem Heu und der Ernte und freut sich, wenn nach den Wintermonaten erstmals wieder die Sonne über die Bergspitzen hinunter ins Tal schaut.

Die wilde Haarmähne ist Alberto Giacometti zeitlebens geblieben, der offene Ausdruck weicht im Verlauf der Jahre einem kritischen Blick. Eine treibende Kraft seiner Kunst war sein eigener Anspruch an die Darstellung der Wirklichkeit, die jede erreichte Lösung zunächst wieder infrage stellte. Seine Figuren sah er als vorläufige Annäherungen an eine Wirklichkeit, die sich seinem Zugriff immer wieder entzog. Giacometti lebte und arbeitete fast vier Jahrzehnte im künstlerischen Zentrum Paris, blieb aber bis zuletzt eng mit seiner Heimat im Bergell verbunden. Er verließ Paris 1965, ein Jahr vor seinem Tod – die Grabstätte der Familie Giacometti befindet sich unweit von Stampa auf dem Friedhof San Giorgio bei Borgonovo, dem Dorf, aus dem seine Familie stammte.

Im Jahr 2010 erwarb die Vereinigung Amici del Centro Giacometti das frühere Hotel Duan der Familie Giacometti sowie das gegenüberliegende ehemalige Atelier von Giovanni Giacometti. Ihr Ziel ist die Dokumentation der Biografien und die Bedeutung der Familie und des Bergell auf die künstlerische Entwicklung von Alberto, Diego und Bruno. Vom Bergell aus betraten sie die Bühne der europäischen Moderne und verkörpern in ihrem Werk einen bedeutenden Weg der modernen Kunst. Das Centro Giacometti möchte dieses Erbe erforschen und bewahren. Im Gespräch mit Marco Giacometti werden seine Beweggründe verständlich und nachvollziehbar.

Sigrid Balke im Gespräch mit Marco Giacometti:

Wie wichtig waren Stampa und das Bergell für die Giacomettis, die ja das Tal durchaus auch verlassen haben?

Marco Giacometti: Die Bedeutung von Stampa und dem Bergell liegt zunächst in den Ursprüngen der Künstler. Sie gingen aus einem Beziehungsgeflecht weniger bürgerlicher Familien des oberen Bergells hervor, die gebildet, unternehmungslustig und offen für die Auswanderung in verschiedene Teile Europas waren. In diesem Umfeld entwickelten sich Persönlichkeiten von ausgeprägter intellektueller Lebendigkeit und hoher Kreativität. Darin liegt ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der aussergewöhnlichen Künstlerfamilie Giacometti.

Hinzu kamen die Erfahrungen der Jugend: die Entdeckung der Welt aus einem überschaubaren, bildungsfördernden Umfeld heraus, die prägende Berglandschaft sowie die Bindungen an die Familie und den Freundeskreis. Schliesslich bot das Bergell den Künstlern auch günstige Arbeitsmöglichkeiten, sodass sie immer wieder in ihre Heimat zurückkehren konnten, um dort zu malen und zu bildhauern.

Stampa und das Bergell waren somit nicht nur Herkunftsort, sondern auch ein prägender Lebens- und Erfahrungsraum, der die Künstler selbst dann begleitete, wenn sie längst anderswo lebten und arbeiteten.

Wie erklären Sie sich, dass aus einer einzigen Familie so viele bedeutende Künstler hervorgegangen sind?

M.G. :Neben dem Zufall spielen wohl die familiäre Veranlagung und das soziale Umfeld eine Rolle: die Offenheit gegenüber ungewöhnlichen Lebensentwürfen, die frühe Förderung junger Talente innerhalb der Familie sowie die Leidenschaft und der Durchhaltewille der Künstler selbst.

Was könnte man als das Vermächtnis der Giacometti-Familie bezeichnen?

M.G.: Künstlerische Erfüllung erwächst aus starken familiären Bindungen, der frühen Förderung von Talenten und einem ausgeprägten Willen. Auch persönliche Rückschläge können zu einer Triebfeder der Kreativität werden.

Segantini hatte direkten Einfluss auf Giovanni Giacomettis frühen Weg. Wo endet bei der Einfluss Segantinis – und wo beginnt seine ganz eigene Bildsprache?

M.G.: Das familiäre Glück ab 1900 führte, gerade bei der Darstellung von Familienszenen, sehr rasch zu einer Abkehr von der Technik des Divisionismus, ab 1903 auch in den Landschaften Giacomettis.

Wann wurde aus dem Sohn Giovanni Giacomettis der eigenständige Künstler Alberto?

M.G.: In der Skulptur entwickelte Alberto Giacometti von Beginn an eine eigenständige künstlerische Sprache. Der Aufbruch zur modernen Formensprache zeichnet sich insbesondere mit dem Beginn seines Aufenthaltes in Paris ab 1922 ab. In der Malerei lässt sich die Entwicklung zu einer eigenständigen künstlerischen Ausdrucksweise bereits etwas früher erkennen, während seines Aufenthalts in Rom im Jahr 1921.

Hat Giovanni die radikale Entwicklung seines Sohnes verstanden und unterstützt?

M.G.: Absolut. Der Vater hat zugesehen, wie in der Skulptur Albertos Köpfe zu Scheiben und Gesichter zu Zeichnungen auf ebener Fläche werden.

Alberto hat immer wieder Menschen dargestellt, obwohl seine Figuren zunehmend von der sichtbaren Realität abstrahiert wurden. Damit unterscheidet er sich vom künstlerischen Ansatz nicht sehr von seinem Vater für den das genaue Beobachten die Grundlage seiner Werke war. Giovanni drückte das – vereinfacht gesagt – in Farben und Licht aus, Alberto in Formen. Könnten Sie da zustimmen?

M.G.: Wohl nicht. Der Vater wollte beim Betrachter seiner Gemälde etwas auslösen, eine Empfindung des Glückgefühls, die der Maler selbst empfunden hatte. Abgesehen davon, dass der reife Alberto, im Unterschied zum Vater, ausschliesslich der einzelne Mensch in seiner Frontalität interessierte – die Arbeit an mehreren Menschen aufs Mal wären für ihn ein unmögliches Unterfangen gewesen sein -, ging es bei Alberto um eine persönliche Recherche. Er schuf für sich selbst, um als Mensch in seiner Suche weiter zu kommen. Insofern war Alberto ein Egoist, der sich erstaunt zeigte, dass Andere Gefallen fanden au seinen Werken.

Warum wurde gerade die extrem dünne, reduzierte Figur zu seinem unverwechselbaren Ausdruck?

M.G.: Was Alberto Giacometti ab 1930 in der Skulptur schuf, war radikal neu. Seine surrealistischen Werke setzten beim Betrachter jedoch ein besonderes Mass an Einfühlungsvermögen voraus, das damals wohl nur bei einem kleinen Kreis von Kunstliebhabern vorhanden war. Auch die Miniaturen, die Giacometti ab 1938 während fast eines Jahrzehnts schuf, waren in ihrer extremen Verkleinerung derart radikal, dass sie keine Aufmerksamkeit erregten.
Erst ab 1946, als seine dünnen Figuren allmählich an Höhe gewannen und ihre charakteristische, langgestreckte Gestalt annahmen, erschloss sich ihre Ausdruckskraft einem breiteren Publikum. Einen wichtigen Beitrag zur internationalen Wahrnehmung leistete die erfolgreiche Ausstellung in New York 1948, die von einem Essay Jean-Paul Sartres begleitet wurde und für grosses Aufsehen sorgte. In Zürich hingegen stiessen Giacomettis Skulpturen auch 1965 noch auf wenig Resonanz.

Augusto gehörte zu den frühen Schweizer Abstrakten. Hat seine Kunst Alberto beeinflusst oder war sie für ihn eher ein Gegenmodell?

M.G.: Ich erkenne keine Beeinflussung und keine Auseinandersetzung Albertos mit Augustos Kunst. Es war kein Gegenmodell. Es war ein Modell, das für Alberto schlichtweg nicht existierte.

Bild links: Marco Giacometti
© Foto: privat

Wenn man Giovanni, Augusto und Alberto Giacometti nebeneinander betrachtet: Gibt es für Sie einen gemeinsamen „Giacometti-Blick“ auf die Welt – etwas, das diese unterschiedlichen Künstler miteinander verbindet?

M.G.: Vielleicht liegt der gemeinsame «Giacometti-Blick» gerade in der ausgeprägten Individualität dieser drei Künstler. Jeder entwickelte eine unverwechselbare Sicht auf die Welt. Und doch blieb das Bergell in ihrem Schaffen auf unterschiedliche Weise präsent: in ihren persönlichen Erfahrungen, in der Auseinandersetzung mit ihrer Zeit und in der Landschaft ihres Heimattals, die sie in die Welt hinaustrugen.

Was wünschen Sie sich, dass Besucher nach einer Begegnung mit der Familie Giacometti aus Stampa mitnehmen?

M.G.: Ich wünsche mir, dass die Besucherinnen und Besucher aus Stampa nicht nur fundierte Hintergrundinformationen über die Familie Giacometti mitnehmen, sondern auch persönliche Eindrücke vom Dorf, seiner Landschaft und seiner besonderen Atmosphäre. Stampa bemüht sich, den Erwartungen seiner Gäste gerecht zu werden und ihnen solche Begegnungen zu ermöglichen. Gleichzeitig hoffe ich, dass sie erkennen, wie klein und fragil diese Welt ist – und dass sie deshalb nicht nur gefördert, sondern auch mit Sorgfalt geschützt werden muss.

Wenn Sie Alberto Giacometti heute etwas fragen könnten – was wäre das?

M.G.: Wie hast Du es geschafft, mit dem Verlust Deines Vaters und Deiner Schwester zu leben?

© Text: Sigrid Balke / Fotos: Harald Lambacher, 2026

Centro Giacometti-Zentrum
Strada Cantonale 119
CH-7605 Stampa
+41 81 834 01 40
centrogiacometti.ch