Raum schaffen – zu Isa Dahls Malerei: Kunst, die herausfordert

Künstlerporträt über Isa Dahl in Form eines Doppelporträts:
Teil I: Es lebe die Malerei! – Christoph Bauer, Direktor des Kunstmuseums Singen, zur Malerei von Isa Dahl
Christoph Bauer, Direktor des Kunstmuseums Singen: Es lebe die Malerei!
  • Fritz Winter, Isa Dahl und Eva Hocke
    Fritz Winter, Isa Dahl und Eva Hocke Städtische Galerie „Fähre“ Bad Saulgau | 18.10.2026 – 24.01.2027: Abstrakte Werke von Fritz Winter und zeitgenössischen Künstlerinnen – Isa Dahl und Eva Hocke
  • „Zeitvergehen – as time goes by“
    Thomas Heger, Isa Dahl, Daniel Wagenblast u.a. | 20.06. – 27.09.2026 | Städtische Galerie im Gotischen Haus Leutkirch | Eröffnung: Sa, 20.06.2026; 15 Uhr:
Teil II: Jürgen Linde:
Raum schaffen – zu Isa Dahls Malerei, die herausfordert

Bild links: Isa Dahl:
© Isa Dahl



Isa Dahl hat, viele Kunstkritiker sind sich darin einig, die Malerei Anfang der 90er Jahre gewissermaßen neu erfunden – zu einer Zeit, als gerade mal wieder das Ende der Malerei diskutiert wurde.

Mit – scheinbar – leichter Hand gelingt es ihr, durch ihren einzigartigen Duktus mit schwungvollen Linien, die sie mit breitem Pinsel auf die Leinwand zaubert, jedes Mal ganz neue und ganz eigene Räume zu erschaffen. Bilder, die uns fesseln, Räume, die uns hineinzuziehen scheinen, bis wir, wenn wir uns die notwendige Zeit lassen, erkennen, dass es womöglich unsere eigenen Räume sind, in die wir uns hinein träumen und die wir selbst ausgestalten können – mit Vorstellungen und mit Erinnerungen.

Bild oben: Isa Dahl: „grow“; 2024, Öl auf Leinwand, 80 x 120 cm


Immer schon, auch in ihren ganz frühen Werken, sind es immer wieder Strukturen, die manchmal erinnern zum Beispiel an Maiskolben – in der abstrakten Arbeit Isa Dahls sind die Strukturen natürlich völlig unabhängig, frei von realen Gegenständen – die Struktur ist eben Struktur.

Die konsequente Abstraktion ihrer Bilder führt mich zu der Frage, ob es nicht letztendlich doch eben die Malerei als solche ist, deren Möglichkeiten sie in ihrem künstlerischen Schaffen erforscht?
Die Künstlerin erwidert, dass die Formen und geometrischen Figuren, mit denen die abstrakte Kunst arbeitet, heute längst Teil des Alltagsvokabulars der Wahrnehmung aller Menschen in unserer Medienwelt geworden sind: die Sprache der abstrakten Kunst bildet keine fremde Welt (oder Blase?), sondern ist Teil unserer Wahrnehmungswelt insgesamt.

Durch diesen klugen Gedanken beginne ich zu verstehen, warum ich die Kunst Isa Dahls seit dem ersten Sichtkontakt an als Herausforderung erlebe habe: die Werke der Künstlerin ermöglichen uns nicht nur, neue Räume zu erleben und uns hineinzuträumen, sondern sie fordert uns auf – zur aktiven Auseinandersetzung mit den Elementen ihrer Sprache: welche Bedeutung könnten die Strukturen als solche haben, was sind das für Räume, deren Möglichkeit uns die Malerin aufzeigt
– diese Kunst fordert uns auf, selbst zu denken.

In intensiven Seh-Erlebnissen geben uns diese Werke nicht nur den Raum für die eigene Imagination, auf die einzulassen wir hier eingeladen werden. Wir fühlen uns gefordert, diesen auch selbst (auszu)füllen.

Von einer Künstlerin, die immer schon Malerin, werden wollte; für die es gar keine Alternative gab. Mit ihrem sehr guten Abitur hätte sie alles studieren können; klar entschieden hatte sie sich schon vorher für die Kunst, die sie zuerst an der Kunstakademie Stuttgart studierte, dann in Düsseldorf bei Prof. Dieter Krieg, dessen Meisterschülerin sie auch wurde.

Aus der langen Liste von Preisen und Auszeichnungen, die Isa Dahl seither erhalten hat, ist vielleicht das Stipendium der Villa Massimo 1995 hervorzuheben; bestimmt hat dieses eine Jahr in Florenz auch die intellektuelle Souveränität, mit der die Künstlerin ihre Arbeit erläutert, noch gestärkt. Bei meinem Besuch in ihrem Atelier in Stuttgart, ein wunderbarer großer , mindestens 6 Meter hoher Arbeitsraum, beantwortet sie alle meine Fragen in druckreifem Text.

Das Malen selbst erlebt sie immer wieder für sich selbst auch als Entdeckungsreise – wir sollten diese Mitfahrgelegenheit nutzen.

Und die Räume besuchen, die wir als unsere Räume erleben können, immersive Welten, die Isa Dahl fast ausschließlich mit Ölfarbe auf der flachen Leinwand entstehen läßt.
Wie kann ich dieses Erlebnis – mit meinen als Texter bescheidenen Mitteln: der Worte- veranschaulichen?

Eigentlich fällt mir nur eine Analogie ein – ausgerechnet Bücher: so, wie wir als Kinder beim Lesen in Märchen eintauchen konnten und der Realität dabei entfliehen in ganz andere Welten, als Erwachsene dann womöglich mit Franz Kafka, der uns in “Das Schloss“ mitnimmt in die beängstigende, erdrückende Welt des kleinen Dorfs, das vom Schloss beherrscht wird. Auf ähnliche Weise erlebe ich die Bilder von Isa Dahl:

Anspruchsvoller noch als die Literaten ermöglicht oder verlangt die Künstlerin von uns, selbst aktiv zu gestalten – sie schenkt uns dazu die Freiheit und sie stellt uns auch die Aufgabe: Wir könnten selbst

Raum schaffen.

Jürgen Linde im November 2026