Hausbesuche: | Jürgen Linde zur aktuellen Ausstellung der Kunsthalle Baden-Baden | 13.02. – 10.05.2026: | Katharina Wulff – Arabesken in Arabesken
Landschaft für glückliche Hexen.
Eigentlich, ja eigentlich, wäre damit schon alles gesagt.

Bild oben: Katharina Wulff: Landschaft für glückliche Hexen, 2008 | Öl auf Leinwand, 35,1 x 45,1 cm, Privatsammlung. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Galerie Neu, Berlin
Doch der Titel dieses Bildes von Katharina Wulff wirft all die Fragen auf, die wir gerade heute mit uns herumschleppen – was ist Realität? Unsere analoge Alltagswelt? Die „virtuelle“ digitale Welt, in der wir uns als Avatare bewegen? Die (sehr eigene) Welt der Superreichen?
Oder etwas ganz anderes, das wir erst noch entdecken müssen?
Wenn das so sein sollte, dann hilft uns die Kunst.
Die wunderbare aktuelle Ausstellung in Baden-Baden 13.02. – 10.05.2026: | Katharina Wulff – Arabesken in Arabesken zeigt Malerei von Katharina Wulff. In Berlin geboren und aufgewachsen, lebt die Künstlerin seit einiger Zeit in Marrakesch. Oft märchenhaft anmutend, werden ihre Arbeiten meist als realistisch, als figurativ schubladisiert.
Tatsächlich aber wirft Katharina Wulff viele der Fragen auf, die uns aktuell beschäftigen. Hinsichtlich dessen, was Realität ist:
Als ehemaliger Nebenfach-Philosoph ist für mich Realität noch immer das, was eigentlich der Fall ist, was Fakten sind und all sowas.
Seit Donald Trump die Fake-News nicht erfunden, aber doch irgendwie etabliert hat, ist Realität sowieso nurmehr Geschmacksache, eher launig zu beantworten – heute so, morgen so und gestern: egal.
Mir aber nicht. Wenn man älter wird, was, trotz aller Versuche, dann leider doch kaum zu vermeiden ist, ist gestern nicht egal.
[Tag für Tag | wird die Vergangenheit mehr | hat sie doch | keine andere Wahl ]
So wird die Vergangenheit wichtiger, umfasst sie doch bald unser ganzes Leben.
Figurative, gegenständliche Malerei und Abstraktion, ein Gegensatz(?), mit dem wir uns im kunstportal-bw seit 30 Jahren immer wieder befassen.
Schon im Jahr 2002 hatte ich mit dem Maler Emil Wachter (1921 – 2012) , Professor an der Kunstakademie Karlsruhe, der zuerst Theologie studiert hatte, darüber diskutiert. Wahrscheinlich war es sein theologisch fundierter Weitblick, der ihn den dialektischen Widerspruch zwischen figurativ und abstrakt letztendlich abstreiten oder souverän ignorieren ließ:

Bild oben: © Katharina Wulff, Grand Hotel Tazi, 2016, Öl auf Leinwand, 157,2×237,5 cm, Privatsammlung. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und Galerie Neu, Berlin
„Ein gutes gegenständliches Bild hat alle Qualitäten des Abstrakten“ …“Was von uns stammt – das Glas, eine Flasche, der Teller, ein paar Tuben – zusammen mit dem, was nicht von uns stammt – einem Ei, Apfel oder Kürbis – ergibt in äußerster Konzentration ein Bild des Weltganzen“ sagte mir Emil Wachter.
Ganz ähnlich wie bei Katharina Wulff lesen wir die Arbeiten dieses Künstlers zuerst als figurativ, spüren aber schnell, dass sie eine darüber hinausweisende weitere Dimension beinhalten – oder eröffnen: Imagination.
In unseren Zeiten der Digitalität und damit auch der Entkörperlichung der Wirklichkeit – Peter Weibel warf einmal die These auf, dass er selbst, dass also jeder von uns nur ein Algorithmus sei – verschwinden die Grenzen zwischen Figürlichkeit und Abstraktion auf eine nochmals andere Weise: manchmal fragen wir uns, ob womöglich die Gegenständlichkeit die eigentliche Abstraktion ist?
Katharina Wulff nun lebt und arbeitet in Marrakesch in Marokko. Märchenhafte Assoziationen sind unvermeidlich. Die friedlichen, wenigen Menschen in realen Räumen, die wir hier – ja: ganz verblüffend und begeisternd – unmittelbar als Farbräume erleben, erscheinen mir als utopisches Bild der Wirklichkeit:
Eine Landschaft für glückliche Hexen.
Jürgen Linde, 14.02.2026